Zeitung Heute : Experten für gesunden Lebensstil

Wer andere Menschen gern professionell verwöhnt, kann sich zum Wellness-Practitioner weiterbilden. Tipps für die Seminarwahl

Silke Zorn

Wellness – schon das Wort lässt Bilder von duftenden Aromabädern und entspannenden Massagen vor unserem geistigen Auge auferstehen. Und so locken gerade die kalten Wintermonate viele Menschen in Schönheits-Hotels, Thermen und andere Wellness-Tempel. Dass die Lust am Sich-Verwöhnen-Lassen auch für Bewegung auf dem Arbeitsmarkt sorgt, ist in der Touristenmetropole Berlin besonders zu spüren: Wellness-Experten haben derzeit gute Chancen. Bei der Auswahl der passenden Weiterbildung ist allerdings Vorsicht geboten: Der Markt ist groß und unübersichtlich.

Weiterbildungsofferten mit dem Berufsziel Wellness-Experte wenden sich nicht nur an ganz unterschiedlich vorqualifizierte Zielgruppen, sondern setzen auch in den Lehrplänen völlig verschiedene Schwerpunkte. Kein Wunder, der Begriff Wellness, der sich aus den englischen Wörtern well-being (Wohlbefinden) und fitness zusammensetzt, ist nicht geschützt. Wer sich in der Ausbildungsdatenbank der Bundesagentur für Arbeit über Wellness-Berufe informieren will, stößt denn auch auf über zwanzig verschiedene Einträge – von der Sport- und Fitnesskauffrau über den Bewegungspädagogen bis hin zum Diplom-Gesundheitsökonomen. Und immer häufiger tauchen in jüngster Zeit auch die Begriffe Wellness-Trainer, Wellness-Coach und Wellness-Berater auf.

Was sich dahinter verbirgt weiß Lutz Hertel, Vorsitzender des Deutschen Wellness Verbandes. „In der Wellness-Branche muss man im Grunde zwischen drei Bereichen unterscheiden – klassischen Anwendungen und Körperpflege, aktivem Gesundheits-Coaching und Wellness-Management.“

Die meisten Leute verstehen unter Wellness passives Sich-Verwöhnen-Lassen, Massagen, Bäder und Schönheitsmasken. Hier kommt der so genannte Wellness-Practitioner oder auch Body-Worker zum Einsatz. Ein Wellness-Trainer hingegen soll seine Kunden in erster Linie zu mehr Eigeninitiative motivieren, sie bei der Suche nach einem gesunden und ausgewogenen Lebensstil beraten und unterstützen. Zur Ausbildung sollten daher unbedingt theoretische und praktische Kenntnisse in körperlicher Fitness, gesunder Ernährung und mentalem Wohlbefinden gehören, aber auch pädagogisches und kommunikatives Know-how. „Leider ist selbst vielen Bildungsanbietern diese Unterscheidung nicht klar“, bedauert Wellness-Experte Hertel.

Wer im Wellness-Sektor nach Höherem strebt und als Wellness- oder auch Spa-Manager Karriere machen will, sollte bei der Wahl seiner Weiterbildung darauf achten, dass der Erwerb kaufmännischer Qualifikationen nicht zu kurz kommt. Denn Leitungsaufgaben erfordern auch beim Geschäft mit der Schönheit solide Kenntnisse in Betriebswirtschaft, Personal- und Buchführung. Doch auch Praxiserfahrung und Wellness-Fachwissen hält Lutz Hertel für unverzichtbar, etwa für den Einkauf von Produkten oder die Konzeption der Angebote.

Soweit das Soll-Profil. Doch solange es im Wellness-Bereich weder geschützte Berufsbezeichnung noch einheitliche Qualitätsstandards gibt, sind Weiterbildungswillige den oft vollmundigen Versprechen der Trainingsinstitute ausgeliefert. Staatliche Regelungen oder zwingend vorgeschriebene Zertifizierungen für Kursangebote existieren derzeit nicht. Aber immerhin bemüht sich seit Anfang letzten Jahres eine Kommission des Deutschen Wellness Verbandes darum, Ausbildungs-Kriterien zu erarbeiten und existierende Kurse zu überprüfen. Dieses Frühjahr sollen die ersten Qualitätssiegel vergeben werden. „Dabei bewerten wir nicht die Schulen, sondern die einzelnen Maßnahmen“, erzählt Lutz Hertel und ergänzt: „Gute Bildungsangebote werden bei uns akkreditiert und auf unserer Internetseite veröffentlicht.“ Der Verband verlässt sich dabei nicht nur auf die von den Schulen eingereichten Unterlagen, sondern schickt eigene Prüfer vor Ort und befragt die Kursteilnehmer.

Bis die ersten Gütesiegel ausgestellt sind, muss jeder Weiterbildungswillige die Qualität des Seminarangebots selbst überprüfen. Laut Wellness-Verband sollte man sich nach einem detaillierten Ausbildungsplan erkundigen und auf die Qualifikation der Dozenten achten. Evebfalls wichtig sei die Frage nach Auswahlverfahren, die eventuelle Vorkenntnisse der Teilnehmer berücksichtigen. Immerhin kommen die Interessenten für den Wellness-Markt aus ganz unterschiedlichen Berufsgruppen: Sie sind gelernte Krankengymnasten, Diätassistenten, Touristikkaufleute oder Kosmetiker.

Der Fachbuchautor Martin Massow stellt in seinem Ratgeber „Atlas Gesundheits- und Wellnessberufe“ (zur Zeit vergriffen) mehr als 180 Berufsbilder vor, nennt Kontaktadressen und versucht, die Grundstrukturen der Branche zu erklären. Ein großes Problem stellt seiner Meinung nach der zweigeteilte Gesundheitsmarkt dar: „Es gibt zwar immer mehr zahlungskräftige, meist ältere Menschen“, so Massow. Aufgrund der einschneidenden Reformen im Gesundheitswesen könnten sich aber auch immer weniger Leute teure Anwendungen und lange Kuren leisten. Dennoch ist er überzeugt, dass die Branche viele Chancen bietet: „Erfolg hat, wer sich spezialisiert und sich zahlungskräftige Zielgruppen erschließt.“

Im Berliner Raum gibt es zahlreiche Schulen und Institute, die den neuen Trend zu gesunder Ganzheitlichkeit aufgegriffen haben. Ob die Weiterbildungsofferten auch alle halten, was sie versprechen, sollte man genau prüfen – durch Probeunterrichtsbesuche, Gespräche mit den Dozenten und anhand des Kriterienkataloges, den der Deutsche Wellness Verband erarbeitet auf seiner Internetseite veröffentlicht hat (siehe Kasten).

Wer Wellness-Know-how und Fremdenverkehr kombinieren möchte, könnte an der TÜV-Privatschule in Potsdam gut aufgehoben sein. Seit kurzem gibt es dort eine zweijährige Ausbildung zum Tourismusassistenten und Wellness-Coach. Die Anregung dazu gaben die Praxispartner der ursprünglich rein touristisch ausgerichteten Berufsausbildung. „Immer häufiger erhielten wir von den Hotels die Rückmeldung, dass unsere Schüler zwar fit in Sachen Tourismus sind, im Wellness-Bereich aber leider überhaupt nicht eingesetzt werden können“, sagt Schulleiterin Anke Kuhnhardt. Die Idee zu einer ganzheitlichen Ausbildung war geboren.

Ab März wird der Wellness-Coach auch berufsbegleitend angeboten. Anderthalb Jahre dauert die Ausbildung, in der die Teilnehmer alles über Anwendungen, Therapien, gesundheitliche Prävention und mentale Fitness lernen – theoretisch und auch in der Praxis. Voraussetzung für diese berufsbegleitende Variante ist eine abgeschlossene Erstausbildung.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben