Expertenrat : Angst vor Impfrisiko bei Schweinegrippe

Experten warnen vor Nebenwirkungen und stellen die Verhältnismäßigkeit in Frage.

Albrecht Meier Rainer Woratschka

Berlin - Arzneiexperten haben vor möglicherweise schwerwiegenden Nebenwirkungen bei der geplanten Massenimpfung gegen Schweinegrippe gewarnt. „Was wir hier erleben, ist ein Großversuch an der deutschen Bevölkerung“, sagte der Arzt und Herausgeber des pharmakritischen „Arznei-Telegramms“, Wolfgang Becker-Brüser, dem „Spiegel“. Die Sicherheitstests der Musterimpfstoffe seien darauf ausgelegt, nur Nebenwirkungen, die bei mindestens einem von 100 Geimpften auftreten, zu erkennen. Bei 25 Millionen, die in Deutschland ab Herbst geimpft werden sollen, könnten also fast 250 000 Menschen heftige Impfreaktionen erleiden, ohne dass dies in vorangegangenen Studien aufgefallen wäre. Das Zulassungsverfahren sei bisher an der Annahme orientiert, dass man eine sehr gefährliche Pandemie zu befürchten und daher nur wenig Zeit habe, bestätigte der Virologe Alexander Kekulé dem Tagesspiegel. Angesichts der Erfahrung, dass die Erkrankung aber meist harmlos verlaufe, müsse man „schon diskutieren, ob man bei der Zulassung nun nicht noch ein paar zusätzliche Sicherheitsebenen einzieht“.

Der Bremer Pharmakologe Peter Schönhöfer sagte dem Tagesspiegel, dass in den USA bereits in den Siebzigerjahren ein Impfstoff gegen Schweinegrippe zurückgezogen werden musste, da es dort zu einer „auffälligen Häufung überschießender Immunreaktionen mit Nervenlähmungen“ gekommen sei. Der Impfstoff, mit dem die neue Grippe bekämpft werden solle, sei „nach demselben Strickmuster“ gebaut. Schönhöfer kritisierte die Massenimpfungen auch aus Gründen der Verhältnismäßigkeit. Die Gefahr werde übertrieben dargestellt. Allerdings gehe es für die Pharmabranche um ein großes Geschäft, mit einer Impfkampagne könne man „viel Geld verdienen“.

Auch die Vizepräsidentin des EU-Parlaments, Dagmar Roth-Behrendt (SPD), warnte angesichts der Ausbreitung der Schweinegrippe vor Panikmache: „Sicher ist die Schweinegrippe eine gefährliche Infektion, aber das ist auch kein Grund, Panik zu schüren.“ Wie sich die Krankheit weiterentwickeln werde, könne im Moment nicht einmal das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) in Stockholm sagen. Gemeinsam mit dem ECDC und der Weltgesundheitsorganisation verfolgt die EU-Kommission den Verlauf und koordiniert Gegenmaßnahmen. Zuvor hatte der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Europaparlament, Jo Leinen (SPD), davor gewarnt, dass die Zahl der Fälle in der EU von gegenwärtig rund 24 200 im Herbst auf mindestens eine Million hochschnellen könnte. Roth-Behrendt sagte: „Ich würde heute niemals eine Zahl nennen.“ Vielmehr müsse die EU-Kommission errechnen, wie viele Dosen Impfstoff benötigt würden, und eine Empfehlung an die Mitgliedsstaaten aussprechen, wie viele davon vorgehalten werden sollten. In Deutschland gibt es bislang mehr als 6000 bekannte Grippefälle, 170 davon in Berlin.

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