Zeitung Heute : Explodierende Köpfe

Sie wollten ein bisschen dazuverdienen – und erlebten die Hölle. Ein Medikamententest mit fatalen Folgen

Matthias Thibaut[London]

Raste Khan fühlt sich wie der Hölle entronnen. Vor dem Northwick Park Hospital in Nordwestlondon posiert er für die Fotografen. Ein junger Mann, Brite asiatischer Herkunft, 23 Jahre, Fernsehtechniker, der ein bisschen dazuverdienen wollte. 2000 Pfund (3000 Euro) für 13 Sitzungen als Versuchskaninchen beim Medikamententest im Krankenhaus, dazu noch 50 Euro Aufwandsentschädigung pro Sitzung – nicht schlecht für einen jungen, gesunden Mann, der sich einmal etwas leisten will. Doch nun berichtet er Reportern eindringlich, wie der Medikamententest mit dem neuen BiotechMedikament TGN1214 des Würzburger Pharmaherstellers TeGenero sich zu einem Horrortrip entwickelte.

„Es war die Hölle. Zuerst begannen sie sich die Hemden vom Leib zu reißen. Dann schrien einige, dass ihre Köpfe zu explodieren drohten. Dann fielen sie in Ohnmacht, erbrachen sich, krümmten sich in ihren Betten.“ Die „Sun“ machte daraus die Aufmacherzeile: „Ich sah, wie die menschlichen Versuchskaninchen explodierten.“

Raste hatte Glück. Er war einer von zwei Freiwilligen, denen bei dem ersten Verträglichkeitstest des neuen Medikaments ein Placebo gespritzt wurde. Aber das wusste er nicht. „Ich hatte riesige Angst. Ich dachte, jeden Moment würde es bei mir auch anfangen. Aber ich fühlte mich okay.“ Vier Männer in Anzügen seien unter den Ärzten und Schwestern gewesen, als der Test begann, berichtete Raste. Doch als alles schief ging und die Opfer auf die Intensivstation gebracht wurden, „machten sie sich dünn“.

Es war das erste Mal, dass das neue Immuntherapeutikum gegen Arthritis, multiple Sklerose und Leukämie an Menschen ausprobiert wurde. Außer Raste waren noch sieben andere Freiwillige ausgesucht worden – Berichten zufolge vier Briten, alle asiatischer Abstammung, zwei Australier und ein Südafrikaner. Bei Tierversuchen, erklärten Sprecher der Firma Parexel International, die den Versuch im Auftrag der TeGenero durchführte, sei nichts Ungewöhnliches festgestellt worden. Nun sagte ein Sprecher des Krankenhauses: „Nur ein Wunder kann die sechs menschlichen Versuchskaninchen noch retten.“

Nachts um drei wurde die Freundin eines der Freiwilligen, die BBC-TV-Produzentin Myfanwy Marshall, aus dem Bett geklingelt und ins Krankenhaus gerufen. „Ich kam in die Intensivstation und fiel schier in Ohnmacht. Mein Freund ist dunkel, wunderbar, 28 Jahre alt, fast 29. Nun sah er aus wie ein 45 Jahre alter Mann nach einem Herzinfarkt. Er kann die Augenlider nicht bewegen. Eine Maschine pumpt seine Lungen auf, er ist verschwollen, sein Hals hat die dreifache Größe. Er sieht aus wie der Elefantenmann.“

„Multiples Organversagen“ ist alles, was die Ärzte auf der Intensivstation im Northwick Park Hospital als Diagnose geben können. Vier der sechs Opfer seien in einem ernsten, zwei in einem kritischen Zustand, wurde Reportern gesagt, die vor dem Krankenhaus auf Neuigkeiten warteten. „Die Ärzte haben keine Ahnung. Sie kennen die Medikamente nicht und wissen nicht, was sie tun sollen“, berichtete Myfanwy Marshall ihren BBC-Kollegen. Sie spricht mal verzweifelt, mal gefasst, aber immer bitter. Behandelt werden die Männer mit entzündungshemmenden Arzneien. Ihr Blut wird ständig gefiltert, um Giftstoffe zu entfernen. Am Abend dann die Nachricht, dass sich der Zustand der vier schwerer Betroffenen etwas gebessert habe.

TeGenero entschuldigte sich umgehend nach der Katastrophe am vergangenen Montag bei den Angehörigen. Thomas Hanke, der Chefwissenschaftler der deutschen Firma, erklärte: „Wir sind am Boden zerstört über diese schockierenden Entwicklungen, die völlig unvorhersehbar waren.“ Bei vorhergehenden Tests habe es keinerlei Sicherheitsprobleme gegeben, heißt es in der Erklärung auf der Internetseite von TeGenero. Bei der Entwicklung des Medikaments seien alle gesetzlichen Vorschriften und klinischen Regeln beachtet worden. Die Tests in London seien von der dortigen Aufsichtsbehörde, der „Medical and Healthcare Products Regulatory Agency“, genehmigt und nach ihren Vorschriften durchgeführt worden. Doch von Ärzten wurde bereits kritisiert, dass das Medikament gleich allen sechs Männern verabreicht worden sei. Damit habe man gegen „gute klinische Praxis“ verstoßen und die Männer unnötigen Risiken ausgesetzt, zitiert die „Times“.

Fachleute rätseln nun, was bei dem Test schief ging, wie solche Katastrophen vermieden werden können und was für Auswirkungen das Schicksal der Londoner „Elefantenmänner“ auf die Entwicklung von Medikamenten haben wird. „In Zukunft müssten Freiwillige besser über die Risiken Bescheid wissen“, forderte ein Pharmazieprofessor in der BBC. Und die Webseite von „Sky News“ fragte ihre Leser, ob sie sich für solche Tests zur Verfügung stellen würden. Immerhin 50 Prozent antworteten auch jetzt noch mit Ja.

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