Zeitung Heute : Explosion im Atomkraftwerk

Tod und Zerstörung. Japan steht nach dem Beben und der Explosion im Kernkraftwerk Fukushima vor dem Chaos. Fotos: rtr/dpa/AFP
Tod und Zerstörung. Japan steht nach dem Beben und der Explosion im Kernkraftwerk Fukushima vor dem Chaos. Fotos: rtr/dpa/AFPFoto: AFP

Tokio/Berlin/Stuttgart - Nach dem schwersten Erdbeben in der japanischen Geschichte und einem verheerenden Tsunami ist das Ausmaß der Katastrophe auch einen Tag später noch nicht zu übersehen. Die größte Sorge galt am Samstag dem Atomreaktor in Fukushima, wo durch eine Explosion ein Reaktorgebäude teils zerstört sowie eine massiv erhöhte Radioaktivität gemessen wurde. Widersprüchliche Aussagen gab es darüber, ob die Kernschmelze im Inneren des Reaktors bereits eingesetzt habe. Das könnte eine Katastrophe ähnlich dem Unfall im ukrainischen Tschernobyl im Jahr 1986 zur Folge haben.

Nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde wurden bis zum Abend 140 000 Menschen aus dem Umkreis des Atomkraftwerks in Sicherheit gebracht. Insgesamt waren Hunderttausende Menschen in Japan in Notunterkünften untergebracht. In der schwer betroffenen Provinz Miyagi fehlte laut Medienberichten von 10 000 Menschen jedes Lebenszeichen. In fünf Provinzen betrieben Einsatzkräfte 1340 Notlager für die Opfer. Nachbeben hielten die Menschen des Landes auch in weit vom Epizentrum entfernten Gegenden in Atem. Regierungschef Naoto Kan, der die Katastrophenregion am Samstag per Helikopter besuchte, rief seine Bürger auf, das beispiellose Desaster gemeinsam zu überwinden. Nach bisherigen Angaben der Behörden gab es in ganz Japan 1700 Todesopfer und tausende Vermisste.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kündigte die Überprüfung der Sicherheitsstandards bei den deutschen Atomkraftwerke an. Dies werde gemeinsam mit den zuständigen Länderministern geschehen. „Die Geschehnisse in Japan sind ein Einschnitt für die Welt“, sagte Merkel am Samstagabend in Berlin. Wenn in einem hoch entwickelten Land wie Japan mit höchsten Sicherheitsstandards ein solcher Unfall passiere, könne „auch Deutschland nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“. Bei dem Reaktorunfall handele es sich um eine „außergewöhnlich schwierige Situation“. Doch werde das Unglück Deutschland „nach menschlichem Ermessen nicht beeinflussen“. Sie betonte auch: „Wir wissen, wie sicher unsere Kraftwerke sind.“ Zugleich warnte sie vor vorschnellen Schlüssen. Es sei nicht der Tag, um über eine mögliche Änderung der Atompolitik von Union und FDP zu sprechen. Schwarz-Gelb hatte im Herbst beschlossen, die Akw- Laufzeiten um durchschnittlich zwölf Jahre zu verlängern.

Auch Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) mahnte, es sei nun nicht der Zeitpunkt für parteipolitische Debatten. Zugleich deutete er aber Konsequenzen aus dem Vorfall an. Er habe „das Gefühl, dass das eine Zäsur ist“, erklärte er im WDR. Die Bundesregierung nehme den Vorfall sehr ernst, weil er in einem Land mit hohen Sicherheitsstandards passiert sei. „Die Grundfrage der Beherrschbarkeit“ der Atomtechnologie sei „mit dem heutigen Tag neu gestellt und der werden wir uns auch zuwenden“.

Der ehemalige Betriebsleiter des Atomkraftwerks Neckarwestheim 1, Eberhard Grauf, sagte dem Tagesspiegel: „Ich denke, dass es in Japan zu einer partiellen Kernschmelze gekommen ist.“ Wenn es jedoch gelingen sollte, den Reaktordruckbehälter der havarierten Anlage mit einer Mischung aus Meerwasser und Borsäure zu füllen, wie es die japanische Regierung angekündigt hat, dann müsse es gelungen sein, die Kühlpumpen wieder mit Strom zu versorgen. Gelinge das, könne „die Bevölkerung vor einer hohen Strahlung geschützt werden“.

Zehntausende Atomkraftgegner demonstrierten am Samstag mit einer Menschenkette von Stuttgart zum Kernkraftwerk Neckarwestheim für einen sofortigen Atomausstieg. Auf einer Strecke von 45 Kilometern zählten die Veranstalter rund 60 000 Teilnehmer. In Berlin demonstrierten am Abend etwa 500 Menschen vor dem Bundeskanzleramt gegen Kernkraft. Die Kundgebung verlief weitgehend friedlich, einige Greenpeace-Aktivisten versuchten vergeblich, in den Bereich der Bannmeile einzudringen.

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