Zeitung Heute : Explosionsgefahr

Die Katastrophe konnte verhindert werden. Denn die Bombe auf dem Dresdner Hauptbahnhof wurde früh genug gefunden. Ein terroristischer Hintergrund wird nicht ausgeschlossen. In Kabul hatten die Bundeswehrsoldaten dagegen keine Chance. Müssen Deutsche jetzt vermehrt mit Anschlägen rechnen?

Ralf Hübner[Dresden]

ANGST VOR TERROR IN DEUTSCHLAND

Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) hat die Feiertagsruhe noch genießen können. Die Sonne schien, der Ministerpräsident war außer Landes. Die Nachricht, dass auf dem Dresdner Hauptbahnhof eine Bombe gefunden worden war, erreichte ihn erst am Montagmorgen. Details kenne er nicht, sagt Milbradt dem Tagesspiegel, aber wenn eine unmittelbare Gefährdung bestanden hätte, hätte er sicher davon erfahren.

Tatsächlich aber ist die sächsische Landeshauptstadt möglicherweise nur knapp einer Katastrophe entgangen. Es war am Freitagabend im Dresdner Hauptbahnhof, der Berufsverkehr war gerade vorüber, die Pfingstfeiertage standen vor der Tür, als Reinigungskräften der Deutschen Bahn zwei verdächtig herrenlose Koffer vor dem Bahnsteig 14 ins Auge fielen. Der Bundesgrenzschutz wurde alarmiert, das Landeskriminalamt eingeschaltet. Der Inhalt des einen Koffers erwies sich als harmlos, Kleidungsstücke, die einer älteren Dame gehörte. Sie hatte den Koffer abgestellt und sich entfernt. Beim zweiten Koffer aber schlugen die Sprengstoffsuchhunde der Kriminalisten an. Sofort wurde der Bahnhof evakuiert, die Züge aus Richtung Prag vor dem Bahnhof zum Halten gebracht, Züge aus Berlin oder Leipzig endeten in Dresden-Neustadt.

Die Vorsichtsmaßnahmen erwiesen sich als nicht übertrieben, die Sprengstoffsuchhunde hatten gut gearbeitet. Der zweite Koffer war eine „USBV“, wie es im Deutsch der Polizei heißt, eine „Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung“ – eine Bombe. Die Öffnung des Koffers sei mit technischen Hilfsmitteln erfolgt, heißt es, was auf eine Sprengung hindeuten könnte. An dieser Stelle werden die Auskünfte des Landeskriminalamtes Sachsen einsilbig. Bestätigt wird, dass der Koffer alles enthalten habe, was für den Bau einer Bombe gebraucht wird und was „geeignet gewesen wäre, eine Vielzahl von Reisenden an Leben und Gesundheit zu schädigen“, wie es LKA-Sprecher Rico Müller ausdrückt. Auf gut Deutsch: Es hätte vermutlich Tote und Verletzte gegeben.

Ansonsten tappen die Kriminalisten im Dunkeln. Unklar ist beispielsweise, ob die Bombe scharf war. Das müsse erst rekonstruiert werden, heißt es. Auch zur Menge und zur Art des Sprengstoffs gibt es „aus ermittlungstaktischen Gründen“ keine Auskunft. Von dem oder den möglichen Tätern fehlt bislang jede Spur. Keine Hinweise auf ein Motiv, kein Bekennerschreiben, nichts. Alles ist möglich. War es eine geplante Übergabe, die fehlgeschlagen ist, ein Stück aus dem Kapitel organisierte Kriminalität oder gar ein terroristischer Anschlag? Es werde in alle Richtungen ermittelt, die Verbindung zum Bundeskriminalamt sei aufgenommen worden, heißt es nichts sagend.

Der Dresdner Hauptbahnhof ist derzeit eine große Baustelle. Der Bahnhof wird seit Monaten von Grund auf rekonstruiert. Mit Spürhunden durchstöberten Polizisten jeden Winkel. Die Polizeiaktion dauerte bis in den frühen Morgen. Erst am frühen Sonnabendmorgen gegen drei Uhr konnte der Verkehr wieder freigegeben werden. Am Samstagabend dann haben die Glocken der Dresdner Frauenkirche zum ersten Mal seit Kriegsende das Pfingstfest eingeläutet, was von Tausenden Dresdnern mit Spannung und Anteilnahme verfolgt wurde. Wenn es nur Stunden zuvor einen Bombenanschlag auf dem Dresdner Hauptbahnhof gegeben hätte mit Toten und Verletzten: Es wäre ein trauriges Ereignis geworden.

Die Sicherheitsvorkehrungen auf den sächsischen Bahnhöfen seien seit dem 11. September 2001 allgemein verschärft worden, sagt die Dresdner Bahnsprecherin Kerstin Eckstein. Das Personal würde regelmäßig geschult. Die Bombe hat das nicht verhindern können. Das LKA habe nach dem Bombenfund keine Warnhinweise herausgegeben, sagt LKA-Sprecher Müller. Warum nicht? Die Antwort muss Müller schuldig bleiben. Seit den Anschlägen auf das World Trade Center von New York gilt in Sachsen eine Art „erhöhte Wachsamkeit“, die Bewachung von öffentlichen Gebäuden wurde verstärkt. In Sachen Terrorismusbekämpfung gehört Sachsen zu den Ländern, die sich darauf kaprizieren, den Einsatz der Bundeswehr im Innern zu fordern. An eine Bombe auf dem Hauptbahnhof hat dabei niemand gedacht. Innenminister Horst Rasch (CDU) hat stets Wert auf die Feststellung gelegt, dass es im Freistaat „keine besondere Bedrohungssituation“ gebe. Ob sich diese Einschätzung jetzt ändert, wird die heutige Kabinettssitzung zeigen. Da soll über die Bombe und die Folgen gesprochen werden.

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