Zeitung Heute : Expo 2000: 153 Tage und 152 Nächte - und wenige Jobs

Regina-C. Henkel

Die hochgesteckten Erwartungen an die erste Weltausstellung auf deutschem Boden haben sich nicht erfüllt. Statt schwarzer Zahlen mindestens 2,4 Milliarden Mark Verlust, statt 40 Millionen Besucher weniger als die Hälfte. Auch der erhoffte Anschub für den Arbeitsmarkt blieb aus. Vergangenen Mittwoch legte das Landesarbeitsamt Niedersachsen-Bremen die Abschluss-Bilanz vor: rund 10000 Vermittlungen mit Expo-Bezug in den vergangenen fünf Monaten, davon 30 Prozent an zuvor arbeitslos gemeldete Bewerber. Das Resümee des Personaldienstleisters Adecco - mit leichtem Seitenhieb auf die Veranstalter: "Aufgrund der schwachen Besucherentwicklung konnten im Durchschnitt nur 4000 der ursprünglich geplanten 7000 Mitarbeiter auf der Expo zum Einsatz kommen".

Bescheidene Zahlen angesichts der Prognosen und Szenarien, die im Vorfeld des Ausstellungsmarathons veröffentlicht wurden. Eine Studie des Niedersächsischen Instituts für Wirtschaftsforschung (NIW) in Hannover hatte ein temporäres Job-Wunder vorausgesagt: Die Weltausstellung schaffe ein Beschäftigungsvolumen von mehr als 100000 Personenjahren. Darauf hin machten sich mehr als 100000 Bewerber Hoffnungen auf einen interessanten Expo-Job und unterzogen sich einem Check beim Rekrutierungsspezialisten Adecco. Das Hamburger Unternehmen war - in Erwartung des "Jobwunders" - von der Expo 2000 Hannover GmbH mit einem Exklusiv-Auftrag ausgestattet worden.

Die Aufbruchstimmung blieb nicht ohne Wirkung. Selbst Bodet du Chodes, Geschäftsführer des Wirtschaftsclubs Rhein-Main mit über 2400 Unternehmensmitgliedern, ließ sich beeindrucken. Noch im Mai war er überzeugt: "Die Expo ist eine Jobmaschine". Auch wenn im Land Niedersachsen insgesamt etwa 25000 temporäre Arbeitsplätze geschaffen worden sind, wie vom Landesarbeitsamt betont wurde, spricht du Chodes von einer "1001-Nacht-Geschichte".

Die 280 - über das gesamte Bundesgebiet verteilten - "weltweiten Projekte" hätten so gut wie gar nicht profitiert. Wohl wahr. Berlin, mit 27 dieser "weltweiten Projekte" an prominenter Stelle der Expo-engagierten Bundesländer, hatte besonders große Erwartungen - und wurde besonders schwer enttäuscht. 600000 zusätzliche Übernachtungen waren etwa die Hoffnung der Hoteliers und Gastronomen. Das hätte auch jede Menge zusätzliche Arbeitsplätze bedeutet. Doch die Busse und Sonderzüge aus der Leinestadt blieben weitestgehend aus. BTM-Geschäftsführer Hanns Peter Nerger schlägt in die selbe Kerbe wie nahezu alle Kritiker: Es habe am professionellen internationalen Marketing gefehlt. Wirtschaftssenats-Sprecher Michael Wehran will mit der Bilanz bis zum wirklich letzten Tag, also bis zum kommenden Dienstag warten. Immerhin: Highlights wie der Naturpark Schöneberg oder die Großsiedlung Hellersdorf hätten "die ganze Zeit über Hunderte Gäste pro Woche" angezogen. Eine Beschäftigungswirkung indes wird allgemein bezweifelt. Fast alle Berliner Expo-Projekte waren Neuentwicklungen, Ausstellungen oder Stadtentwicklungskonzepte, die nach Einschätzung von Stadtkennern "ohnehin realisiert worden wären oder bereits erfolgreich sind".

Rüstzeug für den Arbeitsalltag

Zurück zu den 10000 Glücklichen, die über die Zeitarbeitsfirma Adecco einen Expo-Job fanden. 40 Prozent hatten sich als Fachkraft beworben, 50 Prozent als Studierende, zehn Prozent als Hilfskraft ohne Ausbildung. Doch sogar sie wurden enttäuscht. Noch im Mai hieß es von allen Seiten: Wer sich während dieses internationalen Stelldicheins als serviceorientiert, fremdsprachenkompetent und flexibel bewährt, qualifiziert sich für spätere Aufgaben und macht sich auch für Arbeitgeber außerhalb des Messe- und Veranstaltungsgeschäfts attraktiv. Heute ist davon nicht mehr die Rede. Die im Expo-Geschäft erworbenen oder untermauerten Sozial- und Fach-Kompetenzen werden wieder als das gesehen, was sie immer waren: als ganz normale Grundausstattung für das Arbeitsleben.

Auch Anschlussbeschäftigungen wird es kaum geben. Für die meisten Expo-Jobber kein großes Problem, denn sie sind längst wieder in ihren Hauptberuf zurückgekehrt: als Studenten an die Hochschulen. Umso bedauerlicher aber für die 30-Prozent-Gruppe der zuvor arbeitslosen Expo-Beschäftigten. Klaus Pohl, Pressesprecher des Landesarbeitsamtes Berlin-Brandenburg, weiß von 150 jugendlichen Arbeitslosen aus Cottbus, die die Expo-Chance nutzen - und dabei auch Unbequemlichkeiten in Kauf nahmen. Weil es in Hannover und Umgebung nicht genügend Hotelzimmer gab, beschieden sich die "Parkraumbewirtschafter" mit einer Unterkunft in einem Container. Pohl: "Für die hatte das Eventcharakter." Vorbei - die Jugendlichen sind nach Cottbus und in die Arbeitslosigkeit zurückgekehrt und schlafen wieder im heimischen Bett.

Wirtschaftsclub-Geschäftsführer Bodet du Chodes will den jungen Leuten auch keine Hoffnung machen. Er sieht "allenfalls ein paar Abwicklungs- und Abbaujobs - in der Region Hannover." Das örtliche Arbeitsamt kennt bereits die Zahl: zwischen 100 und 150 zeitlich befristete Arbeitsplätze.

Bleibt also gar nichts Gutes für das Übermorgen zu Ende gehende Beschäftigungs-Ereignis Expo 2000? Hedda Mente, Leiterin Personal & Zentrale Dienste bei der Expo widerspricht. Sie verweist auf den "Mitarbeiter-Placement-Service der Expo 2000". Sie berichtet, dass schon am 15. Juli die Homepage" www.expo2000.de/spektrum/outplacement " online gestellt worden sei. Alle 470 Mitarbeiter der Expo GmbH seien aufgefordert worden, ihr Profil ins Netz zu stellen, um sich auf ihre Nach-Expo-Zeit vorzubereiten. Die Arbeitsverträge laufen unwiderruflich zum 31. Dezember aus. Angenommen wurde das Angebot von 200 Personen, das Feedback nennt Mente "beeindruckend". Aktueller Stand: 10000 Klicks auf der Homepage, 1300 E-Mails an die Noch-Beschäftigten. Aber auch wer sich für diese sehr öffentliche Kandidatur um eine Nachfolgebeschäftigung nicht erwärmen konnte, steht als Expo-GmbH-Mitarbeiter nicht ohne Rüstzeug für seine Karriere-Zukunft da.

Consulter-Hilfe für die Expo GmbH

So, wie die Expo-Gesellschaft für die Hostessen-, Service- und Aufbaujobs Adecco ins Boot zog, beauftragte sie auch für die Betreuung ihrer Verwaltungsangestellten ausgewiesene Profis: Consulter von Kienbaum sowie von Ray & Berndtson für Bewerber-Workshops (180 Teilnehmer) und Personalentwickler von PA Consulting für Assessment Center (130 Teilnehmer). Zumindest die Consultingbranche hat Beschäftigungsimpulse durch die Expo 2000 erhalten. Für einen weiteren Dienstleistungsbereich war die erste Weltausstellung auf deutschem Boden ein noch größeres Geschenk: die Zeitarbeitsbranche. Sie profitiert von den Anstrengungen des Expo-Exlusiv-Partners Adecco. Das Hamburger Zeitarbeitsunternehmen schaffte es in den fünf Expo-Monaten, 7500 Arbeitssuchende und Wechselwillige für die Vertragsmöglichkeit als Zeitarbeiter zu interessieren. Fast 2000 Bewerber meldeten sich auf international ausgeschriebene Positionen und rund 2000 Expo-Besucher nahmen die Gelegenheit wahr, in Halle 3 das "Xpert-Personalauswahlverfahren" zu testen. Adecco-Sprecher Manfred Brücks freut sich. "Zeitarbeit hatte in Deutschland lange einen halbseidenen Ruf. Das ist anders geworden. Immer mehr Jobsuchende erkennen inzwischen die Vorteile dieser Beschäftigungsalternative. Auch wenn es auf der Expo nicht geklappt hat: Zeitarbeit ist ein Beschäftigungsmotor."

Wie recht Brücks damit hat. Ein paar Anschluss-Arbeitsplätze sind absolut sicher: bei der "Expo in Liquidation". Deren Mitarbeiter werden laut Birgit Breuel, noch bis Jahresende Expo-Geschäftsführerin, "in den nächsten Jahren" gut zu tun haben.

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