Zeitung Heute : Expo 2000: Die Trümmerfrau

Antje Sirleschtov

Nur noch ein paar Stunden, dann ist es vorbei. Einige Grußnoten an Staatsoberhäupter und Diplomaten, letzte Anweisungen an die Mitarbeiter, auch noch ein Interview fürs Fernsehen. Dann hat sie es endlich geschafft. Ja, endlich.

Birgit Breuel geht nach Hause. Fünf Jahre leitete sie die erste Weltausstellung in Deutschland, die Expo 2000 in Hannover. Zuvor privatisierte sie eine ganze Volkswirtschaft. Sie war Finanz- und Wirtschaftsministerin in Niedersachsen, sitzt in zahllosen Komitees und Aufsichtsräten internationaler Konzerne. Sie stand fast fünf Jahre an der Spitze der Treuhandanstalt und ging dann nahtlos, ja beinahe so, als verspräche dieser Wechsel Erholung, zur Expo.

So kann man sich täuschen: Aufs Exakteste frisiert, keine Nachlässigkeit im üppigen Make up. Beinahe reglos, sorgsam jedes Wort wählend, sucht Birgit Breuel auch noch so kurz vor dem Ende der Expo nach Antworten, die nichts wirklich offenbaren sollen. Eine perfekte Maske? Ja, eine Maske, weil im Gespräch schnell deutlich wird, wie brüchig so eine Fassade ist, wie schwer auch eine Breuel mit der allzu heftigen persönlichen Kritik am Milliardendefizit der Weltausstellung fertig wird. Der Druck scheint zu groß, sogar für sie.

Zwanzig Jahre im Rampenlicht. Zwanzig Jahre Unternehmen führen, Menschen überzeugen, Entscheidungen treffen, sich dafür öffentlich abwatschen lassen und dann auch noch kluge Worte der Rechtfertigung finden, von morgens bis in die Nacht: Mit 63 hat Birgit Breuel nun genug davon, vornan zu stehen. "Ich kümmere mich jetzt um meinen Garten", sagt sie müde, sie will "nie wieder ein sichtbar öffentliches Amt". Es klingt ein bisschen beleidigt, ganz so, als sei die Frau letztlich an einer Aufgabe gescheitert, die zu lösen eigentlich unmöglich ist für einen Menschen allein.

Fürwahr, Birgit Breuel hat in den vergangenen zehn Jahren, erst mit der Treuhandanstalt und dann mit der Expo, zwei Mal nach Positionen gegriffen, die die so genannten Eliten in Deutschland allesamt dankend abgelehnt haben. Und das mit gutem Grund: Wer wollte nach der Ermordung von Detlev Rohwedder 1990 an der Spitze der Treuhandanstalt, dieser politischen Kopfgeburt der wirren deutschen Einheitstage, zehntausende Betriebe in Ostdeutschland sanieren? Die Chancen des Scheiterns an dieser Mammutaufgabe waren von Anfang an weit größer als die des Siegens. Wenn es nur die Betriebsleiter und Gewerkschafter in den sozialistischen Kombinaten gewesen wären, die es von der Überlegenheit der Marktwirtschaft zu überzeugen galt, Birgit Breuel hätte ihnen schon Dampf gemacht. Den unmissverständlichen Ton der Wirtschaftsbosse, den traf sie, die Tochter des Hamburger Bankpatriarchen Alwin Münchmeyer, schon damals punktgenau.

Doch die Schwierigkeiten des Treuhand-Jobs lagen woanders: Helmut Kohl, der Kanzler, wollte sich seinen deutsch-deutschen Wiedervereinigungs-Triumph nicht mit demonstrierenden Arbeitslosen bekleckern. Theo Waigel, der Finanzminister, hatte auch ohne die Milliardenkosten der Treuhandanstalt Mühe, seinen Bundeshaushalt zusammenzuhalten. Und die Landespolitiker in Ost wie West griffen gierig nach jedem Fehler der Treuhandanstalt, um ihn genüsslich zur Schau zu stellen und sich damit selbst zu profilieren. "Die Entscheidungsprozesse in der Politik laufen ganz anders als in der Wirtschaft", resümiert Birgit Breuel jetzt trocken ihren ersten "Versuch, an der Nahtstelle von Politik und Wirtschaft Verständigung zu schaffen". Nicht mal am 3. Oktober, zur Dresdner Gedenkfeier anlässlich des 10. Jahrestages der Einheit, bat man die Frau ans Rednerpult, der es gelang, die ostdeutsche Wirtschaft vor dem Totalzusammenbruch zu retten. Das schmerzt.

Zu einer Fossilie stilisiert

Trotzdem musste es ein zweites Mal sein: Expo 2000, diese Weltausstellung, die den Weg nur deshalb nach Deutschland fand, weil sie die Stimme einer DDR-Regierung erhielt, die wenige Wochen später unterging. Ein gewaltiges Massenspektakel, das die Deutschen im nationalen Vereinigungs- und Selbstbeschauungstaumel der neunziger Jahre zu überfordern schien, das nirgendwo im Land einen weniger populären Ort hätte finden können als ausgerechnet die niedersächsische Landeshauptstadt. Am Ende verstand man es geschickt, den Makel des Milliardendesasters auf die Managerin abzuwälzen. In Erinnerung bleiben werden die bissigen Bemerkungen der Politiker und selbsternannten Experten über das grauenvolle Marketing der Veranstaltung und die planlos verschleuderten Milliarden, kurz: das Unvermögen der Birgit Breuel, so eine Veranstaltung souverän zu managen. Selbst die Regierenden in Hannover und Berlin erzählten sich - natürlich hinter vorgehaltener Hand - man hätte ja schon vorher "wetten können, wie mitreißend wohl ausgerechnet eine Frau, von der der Schriftsteller Stefan Heym sagte, sie sei kalt bis ans Herz, ein fröhliches Fest der Weltvölker organisieren werde." Das tut weh.

Dabei ahnt Birgit Breuel selbst schon lange, dass Trümmerfrauen wie sie in der Spaßgesellschaft zu Fossilien stilisiert werden. "Früher konnten Politiker noch Ecken und Kanten haben", sagt sie, die jede Woche ihre unvermeidliche Unterschrift unter die Entlassungspapiere von 5 000 Ostdeutschen gesetzt hat. Später ließ sie sich monatelang durch die Gazetten zerren, weil zwei Bundeskanzler nicht den Mumm hatten, eine Expo abzusagen, von der sie beide wussten, dass sie nicht zum Nulltarif zu haben sein würde. Vielleicht muss man "im Krieg Holz gesammelt, gehungert und um die Existenz gebangt" haben, wie sich Birgit Breuel erinnert, um solche Jobs mit zurückhaltendem, ja zuweilen demütigem Pflichtbewusstsein durchzustehen.

Opfer? Urplötzlich wirkt es fast so, als sei sie selbst ein Opfer dieses gnadenlosen Drucks der Öffentlichkeit. Und wieder zündet Birgit Breuel sich eine Zigarette an, eine von vielen. Warum nur kann sie nicht so sein wie Schröder, der Kanzler. Mal glatt, mal nachdenklich, je nachdem, wie die Medien ihn brauchen. Mit teuren Zigarren, oder im hemdsärmeligen Grubenoutfit. Ach, hätte sie doch so sein können wie der Kanzler. Immer verbindlich und stets charmant. Das bewundert Birgit Breuel, die als hartherzig und verbiestert gilt. "Wie er auf die Menschen zugeht", sagt sie, wie er sich und sein Privatleben so inszenieren kann, "das ist schon Klasse." Sie selbst dagegen verwehrt sich und anderen standhaft den Blick hinter ihre öffentliche Person. Hätte sie, die Ehefrau, Mutter und Oma, ihr Image nicht ein wenig weicher zeichnen können? "Nein." Und plötzlich ist sie nicht mehr fest in der Stimme. "Ich bin nicht so kommunikativ." Sie wirkt verwundet.

Aufgewachsen in einem hanseatischen Milieu, das Selbstbewusstsein in die Wiege legt, genügte sich Birgit Breuel schon Anfang der Siebziger nicht mehr als Mutter dreier Söhne und geistreiche Dame der so genannten besseren Gesellschaft. Sie wollte mehr als Kaschmir und Rüdesheimer Kaffee. Acht Jahre CDU-Politikerin in der Hamburger Bürgerschaft, dann zwölf Jahre Ministerin im Kabinett des niedersächsischen Regierungschefs Ernst Albrecht: Birgit Breuel stritt garstig gegen jede politische Vernunft um Subventionsabbau, Privatisierung von Staatsunternehmen und eine Studiengebühr - Themen, für die sich die Deutschen erst zehn Jahre später erwärmen konnten.

War es ihr gleichgültig, ob die Menschen da draußen überhaupt verstanden, was sie wollte? Erkennt sie nicht die leisen Wege politischen Erfolgs? Weiß sie nicht, dass man Erfolg auch inszenieren muss? Noch heute trägt Birgit Breuel die Erinnerung wie eine Trophäe vor sich her, wie sie damals für ihre Forderung, die Deutsche Post zu privatisieren, öffentlich ausgepfiffen wurde und wie in jedem mittleren Postamt ein Steckbrief von ihr hing. Und als ob es ihr eher zur Ehre denn zum Eingeständnis des eigenen Unvermögens gereicht, konstatiert sie nüchtern, dass sie nach der Zeit in Albrechts Kabinett "verbrannt und müde" gewesen sei, und "nur einen Hauch ihrer Ziele umgesetzt" habe. "Der eigenen Überzeugung treu bleiben", gab sie später trotzig zu Protokoll, "darin finde ich Erfolg." Jetzt stellt sie trocken fest, dass sie im eigentlichen Sinn des Wortes "keine Politikerin" gewesen sei.

Wäre es denn so etwas wie eine Niederlage gewesen, sich im Wissen darum schon nach der Zeit in Hannover in den Führungsetagen von Unternehmen umzusehen? Dort, wo man Birgit Breuels beherrschte, klar analysierende, zuweil auch hart entscheidende Art als herausragenden Charakterzug der Top-Manager schätzt?

Niederlage? Vielleicht war sie, die Spitzenfrau, gefangen in einem Muster, dem die Männerwelt manchmal so stereotyp folgt. Lange, bevor ihr die Expo 2000 das Image aufdrückte, Milliarden in Hannover vergraben zu haben, befand sie in einem Interview, dass Niederlage für sie "aufrichten heißt" und "nach einer Möglichkeit suchen, in einer neuen Situation das Blatt zu wenden".

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