Expo 2010 : Schanghai Express

Krise hin, Krise her – Schanghai boomt trotz allem. Chinas Megacity mit ihren 20 Millionen Einwohnern und zwei Millionen Autos wird in einem Jahr die größte Weltausstellung aller Zeiten eröffnen. Ein Besuch in der Hauptstadt des 21. Jahrhunderts.

Peter von Becker[Schanghai]

Manchmal sind die ganz großen Sachen erst mal nur: zum Lachen oder zum Schwindeln. Zum Schwindligwerden. An einem Ort, wo sie die globale Krise zwar spüren, aber zugleich die tollste Wirtschaftswunderei betreiben. In Schanghai, das seine Investoren und Bewunderer die „Welthauptstadt des 21. Jahrhunderts“ nennen.

Jedenfalls drängt im Gewimmel der viertausend und mehr Wolkenkratzer, deren Ende selbst an schönsten, smogärmeren Frühlingstagen kein Horizont je anzeigt, jedenfalls drängt dort alles zu Superlativen. Und das größte Ding, das sie gerade drehen, soll die „Shanghai Expo 2010“ werden. In der im Boom und Konsum, im Exportrausch und Immissionsgeruch wechselweise ex- und implodierenden Megastadt mit ihren 20 Millionen Einwohnern und zwei Millionen Autos lautet das Expo-Thema durchaus provokant: „Better City, Better Life“.

Ab 1. Mai 2010 soll Schanghai so zur Bühne werden für urbanistische, wirtschaftliche und ökologische Zukunftsvisionen, und diese „größte Weltausstellung aller Zeiten“ bedeute, wie Chinas Regierung mit einer Mischung aus Demut und Stolz verkündet, „die erste Weltausstellung in einem Entwicklungsland“. Man ist inzwischen drittstärkste Wirtschaftsmacht, hat gerade Deutschland überholt. Entwicklung? Doch, schon, sie ist ja rasend allgegenwärtig. Und die Superlative beginnen ein Jahr vor der Expo schon im Kleinen.

Beispielsweise erleben wir im großen Schanghai in diesem Frühjahr das kleinste und wohl feinste „Internationale Literaturfestival“ der Welt. Es findet in einem der Kolonialzeitpaläste an Schanghais alter Prachtstraße, dem legendären Bund statt. Autoren wie Gore Vidal oder Arundhati Roy waren hier früher zu Gast, bei Lesungen, Drinks oder einem literary lunch in der dezent superschicken „Glamour Bar“ und ihrem zugehörigen Restaurant „M on the Bund“. Jetzt hat man den Berliner Autor Stefan Schomann eingeladen.

Sein kürzlich erschienenes Buch „Letzte Zuflucht Schanghai“, das nun auch ins Chinesische übersetzt werden soll, ruft sehr lebhaft das Schicksal der fast 30 000 deutschen und österreichischen Juden wach, die sich bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs als Flüchtlinge ins damals visafreie Schanghai gerettet hatten und zu denen auch der junge Michael Blumenthal aus Berlin gehörte, der spätere US-Finanzminister und jetzige Direktor des Jüdischen Museums Berlin. Schomanns wunderbare Entdeckung ist die bis heute, in einem Altersheim bei New York, andauernde Liebesgeschichte zwischen einem einst mittellosen jüdischen Wiener Flüchtlingsjungen und einer Chinesin aus großbürgerlich-vorrevolutionärer Familie (der Vater hatte noch eine offizielle Konkubine).

Zu seiner Lesung zeigt Schomann der lunchend lauschenden Gesellschaft von chinesischen und westlichen Schanghainesen aus Kultur, Business und Diplomatie ein paar Dias. Fotos, die das alte Paar über sieben Jahrzehnte und drei Kontinente hinweg in Pappkartons bewahrt hat. Damals im Schanghai der frühen 40er Jahre versuchten die Jungverliebten der Enge der subtropischen Stadt mit ihren japanischen Kriegsbesatzern und dem (halb offenen) jüdischen Ghetto zu entkommen und knippsten sich „bei romantischen Ausflügen aufs Land“, wie Schomann sagt – und man sieht sie in menschenleerer Natur „drüben in Pudong“. Das sorgt im Publikum für heftige Lacher. Es wirkt wie ein Witz.

Pudong, dieser Stadtteil ist heute Schanghais schärfste Prise von Wallstreet und Dubai. Man muss angesichts der alten, rührenden Bilder nur den Kopf wenden und auf die Dachterrasse des Festival-Restaurants treten und steht der aus allen neuen Schanghai-Filmen, Büchern und Postkarten bekannten Skyline Pudongs gegenüber. Jenseits des Bundes und des ein paar Stromwindungen weiter in den Jangtse und ins nahe Meer mündenden Huangpu Rivers ragen der als „Perle des Ostens“ bezeichnete Fernsehturm und der 430 Meter hohe silberschuppige Jinmao-Tower als neue Wahrzeichen hervor, und hinter ihm und neben den weiteren Banktürmen, Shoppingmalls, Hotelpalästen steht noch ein sehr schmaler, bläulich gläserner Bau. Dank einer kühnen Aussparung unter den darüber schwebenden obersten Stockwerken gleicht er einem gigantischen Flaschenöffner.

Annäherungen. Der Flaschenöffner ist knapp 500 Meter hoch. Es ist das vor einigen Monaten eröffnete Shanghai World Financial Center. Aus der Topetage des benachbarten Jinmao-Towers, der zwischen dem 52. und 86. Stock das Grand Hyatt Hotel enthält, schauen wir durch ein Glasdach erst nach innen: auf die Lobby in der Tiefe und ein 170 Meter abstürzendes Atrium, um das sich in einer Spirale über 33 Stockwerke hinweg die Hotelzimmer reihen. Der zweite Blick geht über die Stadt im Smog herauf zum noch höheren, nun fast zum Greifen nahen World Financial Center. Als Kante des Flaschenöffners im höchsten Bauteil ist von hier ein transparenter, auch am Boden verglaster Steg zu erkennen und Menschen, Banker und Büroangestellte – gleich Schwebewesen. Einen halben Kilometer unter ihnen und dem Betrachter gähnt nebenan bereits das nächste Finanz-Loch: die Baugrube eines irgendwann 600 Meter hohen Businesscenters mit innen begrünten Hallen. Der „Shanghai Tower“.

Einladung zum Abendessen bei Frau Wang, nach Hause, was selten ist in China, wo man sonst in den fabelhaften Restaurants bankettiert. Xiao Hui Wang hat übrigens auch eine „fast nie genutzte“ Wohnung in München-Schwabing, sie ist eine Wandrerin zwischen den Welten und Medien: als Fotografin, Architektin, Designerin, Installationskünstlerin. Eine hübsche, zarte Frau Anfang 50, die seit einem frühen Stipendium an der TU München gut Deutsch spricht, mit einer sehr leisen Insistenz, die ihre Energien nur ahnen lässt. Frau Wang wirkt anfangs etwas verwirrt, als wir ihr vierstellig nummeriertes Apartment im 20. Stock eines der besseren Wohnblocks der Stadt betreten. Als hätte sie der Besuch gerade aus weithin schweifenden Gedanken gerissen.

Nach und nach tauchen dann junge Assistentinnen auf, die teils kochen, servieren oder aber in einem kleinen Seitenzimmer neben einer zum nächtlichen Schanghai wieder überwältigend groß und glitzernd geöffneten Dachterrasse hinter vier, fünf Laptops sitzen: über Graphiken, architektonischen Animationen, virtuellen Visionen, abends um halb neun. „Wir haben soeben einen großen Auftrag von der Expo gewonnen“, lächelt Frau Wang, als sei dies schon eine Erklärung. Eigentlich hat sie noch ihr 500-Quadratmeter-Atelier am Fluss und ihr noch dreimal größeres Media Art Center an Schanghais renommierter Tongji Universität. Sie ist, neben anderen kulturellen und industriellen Verbindungen zu Deutschland, auch Art-Direktorin der Autostadt, die zum deutsch-chinesischen VW-Werk in Schanghai gehört; und unter ihren, wie sie betont, über 40 Büchern und Bildbänden, die nicht zuletzt Chinas kühnste Aktfotografien enthalten, wurde ihr auch auf Deutsch erschienenes „Visuelles Tagebuch“ zum internationalen Bestseller.

Für die Weltausstellung soll sie mit ihren künstlerischen und wissenschaftlichen Mitarbeitern nun einen der Pavillons zum Thema Ökologie und Ökonomie der (idealen) Großstadt gestalten. Das klingt noch recht abstrakt, doch „alles ist hier im Fluss“, und, fügt Frau Wang hinzu, bisher habe bei den komplexen und komplizierten Vorbereitungen der Weltausstellung „das kreative Chaos geherrscht“. Mehrmals schon hat die Partei die Leitung der Expo ausgewechselt.

Hinter uns im schleiflackweißen Esszimmer stehen getrocknete Lotusblumen wie rostbraune Skulpturen in hohen Gläsern. Das sind die etwa 25 Reststücke von 15 000 blühenden Lotussen einer Öko-Art-Installation, mit der Frau Wang in ihrer Geburtsstadt Tianjin ein modernes Riesenmuseum eröffnet hatte (einer der Gäste war, wie sie auf Fotos zeigt, Münchens Oberbürgermeister Uhde). Nebenan weben in dieser globalen Privatsphäre noch immer vier Assistentinnen an den neuesten Expo-Animationen, inspiriert vom Geist der Künstlerin, die selber, so sagt sie, keinen Computer bedienen kann, aber, so sagen das fernöstliche Magazine, zu den „25 wichtigsten Frauen Asiens“ und zu den „50 Chinesen“ gehört, „die die Welt von morgen beeinflussen werden“.

Schanghai, ein Tiefseehafen mit vielen Menschen im Netz. Xiao Hui Wang, deren Mann bei einem Autounfall in Deutschland ums Leben kam, ist als Single und Supernetworkerin ein Exempel. Auch für eine geplante, nur in der Finanzierung noch umstrittene Präsentation Berlins als Stadt der Jugend im deutschen Expo-Pavillon (Arbeitstitel „Der Coolness Code“) ist sie die Partnerin.

Nach Ente und Fisch, nach vielerlei Gemüsen und seltenen Baumpilzen zeigt sie uns eine für ihre betagten Eltern als Unikat gestaltete Broschüre: „Mein vergangenes Jahr“. Dieses Tagebuch gleicht selbst schon einer persönlichen Weltausstellung, und es endet mit dem chinesischen Neujahrsabend im Januar: eine Gala oben im neuen World Financial Center, Fotos zeigen Frau Wang und den Starfilmregisseur Chen Kaige („Lebewohl, meine Konkubine“). Sie lacht: „Wir beide mussten als Ehrengäste über den gläsernen Skywalk laufen, und man hat unter den Füßen plötzlich einen wahnsinnigen Abgrund. Uns wurde so schwindelig, es ging nur mit Musik und zwei Leuten, die mich an beiden Armen eingehakt haben!“

Der Flaschenöffner. Ein Schwindeln über dem Abgrund. Das World Financial Center wurde mit Blick auf den durch die Expo 2010 zu befördernden internationalen Schanghai-Boom für rund 850 Millionen Dollar hochgezogen. Inzwischen erwartet China für 2009 ein Wirtschaftswachstum von 6, 5 Prozent, nach zweistelligen Zahlen in den Jahren vor der Finanzkrise. Das erscheint für Westbürger immer noch sagenhaft viel. Doch manche Experten erklären einem, dass China, um den Konsum des 1,3-Milliarden- Volkes zu befriedigen, um die Schere zwischen Reich und Arm nicht weiter zu öffnen und etwas gegen die Umweltverheerungen durch die rabiate Industrialisierung und gar noch für den Klimaschutz zu tun, eigentlich acht Prozent Wachstum brauche. Schon jetzt befürchte die kapitalistische KP-Führung soziale Unruhen.

„Aber dafür müsste sich die Krise verdammt verschärfen. Ende 2008 sah es fast danach aus“, erzählt Paul French. Der britische Buchautor und Asienkenner ist in Schanghai als Berater großer westlicher Firmen ein Beobachter des Handels und Wandels. Im Jangtse-Delta rund um Schanghai, mit 200 Millionen Menschen und Tausenden Fabriken ein Motor der chinesischen Ökonomie, habe er in den letzten Monaten zahllose Unternehmen besucht und festgestellt: „Hier ist die Krise, wenn nicht noch New York und London zusammenbrechen, bereits vorbei! Und Schanghai braucht die Weltausstellung nur noch als Anlass, um seine Verkehrsprobleme in den Griff zu kriegen.“

Internationale Hotelmanager sprechen zwar von 30 bis 40 Prozent weniger ausländischen Gästen, doch auch Hans-Jörg Geduhn, Direktor der Internationalen Schanghaier Messegesellschaft und einer der 8000 Deutschen in der Stadt, ist optimistisch. Es gebe bei seinen 80 Wirtschaftsmessen im Jahr 2009 kaum Rückschläge. Im Gegenteil: Porsche zum Beispiel habe nicht etwa auf dem Genfer Autosalon im März seinen ersten spektakulären Viersitzer präsentiert. Die Premiere sei vielmehr am 21. April bei der Automobil-Messe in Schanghai, und dann werde ein Porsche „Panamera“ sogar in die himmelhohe Toplounge eines der hiesigen Luxushotels gehievt. Ein turbo-kapitaler Event, typisch für das neue Babylon.

Trotzdem frage ich auch Hu Jin Jun nach der Krise. Der kleine, alerte Herr Hu, früher Journalist, rangiert in der neu formierten Expo-Hierarchie ziemlich weit oben: als Vizechef der Shanghai World Expo Coordination und Direktor des vor allem für wirtschaftliche und kulturelle Beteiligungen des Auslands zuständigen „Events Department“. Ihn zu sprechen ist allerdings nicht leicht, so wenig wie eine schließlich doch mögliche Besichtigung des gigantischen Expo-Geländes zu beiden Seiten des Huangpu Rivers. Zuvor aber sitzen wir uns im Expo-Hauptquartier in Pudong wie eine Delegation gegenüber. Zwischen uns chinesisch-deutsche Fähnchen, neben mir als Dolmetscher des Deutschen Generalkonsulats Rupprecht Mayer, der schon die Kanzlerin gedolmetscht hat und meine Fragen vom Deutschen ins Chinesische übersetzt, sowie die Kulturreferentin des Konsulats; neben Herrn Hu, der noch einen Stab von Assistentinnen (mit Laptops) und Assistenten (mit Fotoapparaten) mitgebracht hat, sein Dolmetscher, der die Antworten vom Chinesischen ins Englische übersetzt. Eigentlich spricht auch Herr Hu Englisch, und wir könnten uns den dreisprachigen Umweg sparen. Doch das wäre gegen das Protokoll.

Und als Erstes gibt es nur Erfolgsmeldungen: Man erwarte zwischen Mai und Oktober 2010 über 70 Millionen Besucher auf dem gut fünf Quadratkilometer großen Expo-Gelände. Aber hatten dort nicht ganze Stadtteile gestanden? Ja, gewiss. Man habe 272 innerstädtische Fabriken abgerissen oder verlagert, Emissionen reduziert und für 60 000 Menschen neue, doppelt so große Wohnungen an anderer Stelle gebaut. Man wolle selber auch eine „better city“ werden, deshalb werde Schanghais U-Bahnnetz bis Ende 2009 von vier auf 15 Linien ausgebaut, mit über 400 neuen Kilometern, plus einem Straßentunnel unter dem Bund und zehntausenden neu gepflanzten Bäumen. Offenbar möchte man Peking mit seinem blauen olympischen Vierwochenhimmel im letzten Jahr noch nachhaltig übertreffen. „We really want a green Expo, in any possible way“, schwärmt Herr Hu an seinem Dolmetscher vorbei.

Übrigens soll die Deutsche Oper Berlin im Mai 2010 gleich zu Anfang der Expo im deutschen Pavillon Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ aufführen, eine gewaltige, Mensch und Natur versöhnende sinfonische Dichtung, die auf altchinesischer Poesie beruht. Und Schanghais Partnerstadt Hamburg präsentiert in einem eigenen Programm ein „Ökowohnhaus“, das alle benötigten Energien selbst erzeugt. Angeführt von Siemens, das in Schanghai den 430 Kilometer schnellen Transrapid für die geschossartige Achtminutenfahrt vom Flughafen Pudong in die City gebaut hat, will auch die deutsche Industrie sich als Vorreiter für neue Energie- und Ökotechniken darstellen. Also keine Krise?

„Ich muss zugeben, wir sind von der Weltwirtschaft infiziert“, räumt Hu Jin Jun offen ein. Bis Juni hoffe man noch, die Amerikaner zu einem nationalen Pavillon zu überreden, oder Städte wie Chicago und Moskau, die ihre Expopläne gestrichen haben. Nur wenige der bislang 186 teilnehmenden Länder investieren so viel wie die 50 Millionen Euro, die Deutschland allein für seinen Nationalpavillon einsetzt. Und was investiert China selbst? Es dauert drei evasive Kurzvorträge und vier Nachfragen, bis Herr Hu zur spürbaren Verblüffung seiner jungen Begleiterinnen sagt: „Peking gibt uns keinen Penny.“ Da sind wir jetzt verblüfft. Aber, fährt Hu fort, die Regierung erlaube der Region Schanghai, Anleihen aufzulegen. Und ungeachtet der sonstigen Infrastrukturkosten seien es umgerechnet dreieinhalb Milliarden Euro, die in die Expo fließen.

Dafür erhebt sich nun draußen auf der riesigen Brache, neben Kränen, Baugruben und dem stählernen Skelett einer stadiongroßen Konzert- und Kongressarena, bereits die Außenkonstruktion des alles beherrschenden chinesischen Nationalpavillons: ein Trapez, ein Tempel, fast in Pagodenform, doch als Anspielung auf eine „Oriental Crown“ gedacht. Eine rotgoldene Kaiserkrone. Man könnte glatt meinen, die Volksrepublik wolle nach dem Kapitalismus auch die Monarchie wieder einführen.

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