EXPRESSIONISMUSOstseebilder von Karl Schmidt-Rottluff : Sehnsucht am Horizont

Wolken wie Türme. Klippen, die senkrecht ins Meer stürzen. Lila Strand. Selbst die späten Ostseebilder von Karl Schmidt-Rottluff verraten die gesteigerte Sinneswahrnehmung, die der Künstler noch nach vielen Sommern am Meer erlebte. Die Ausstellung „Ostseebilder“ im Brücke-Museum führt aber auch vor Augen, wie radikal sich Schmidt-Rottluffs Malweise veränderte. Bei seinem ersten Aufenthalt auf der Ostseeinsel Alsen verwendet er noch flirrende Pinselstriche wie er sie bei van Gogh gesehen hat. Emil Nolde hatte ihn 1906 nach Alsen eingeladen, nachdem er der Brücke beigetreten war. Nolde steht der Gruppenbegeisterung des Jüngeren skeptisch gegenüber. Schmidt-Rottluff aber findet in der Abgeschiedenheit und dem blanken Licht der Ostseeküste eine Umgebung, die ihn Zeit seines Lebens nicht mehr loslässt.

Immer wieder zieht es den gebürtigen Sachsen ans Meer, nach Nidden auf der Kurischen Nehrung oder nach Hinterpommern. Hier entdeckt er ein exotisch anmutendes Paradies. Indianerrote Akte kauern zwischen Strandhafer. Kiefern beugen sich wie Palmen. Nach den fliegenden Pinselstrichen der frühen Jahre erdet sich die Malerei. Die Landschaft wird zur Projektionsfläche für die Gemütsverfassung. Dunkel und streng kurz vorm Ersten Weltkrieg, fahl und seelenlos während des Nationalsozialismus. Erst in den fünfziger Jahren an der Lübecker Bucht erwacht der Lebenshunger neu. Doch jetzt reichen sparsame Konturen und gefühlte Farbtemperaturen. Karl Schmidt-Rottluff malt die Felder, die Bauern, die Häuser an der Küste. Nur selten das Meer. Die Ostsee bleibt wie eine ewige Sehnsucht fern am Horizont. Simone Reber

Brücke-Museum, Fr 11.2. bis So 17.7.,

Mi-Mo 11-17 Uhr, 5 €, erm. 3 €

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