Zeitung Heute : Exquisite Campingplätze in Europa bieten Animationsurlaub für Familien und junge Leute

Marlis Heinz

Bernd Eichmann ist anscheinend ein vielgeliebter Mann. Jede Menge Kinderzeichnungen zieren das Foyer des Erlebnisbades im Südsee-Camp. "Mein Schwimmlehrer und ich" sind die meisten betitelt. Eine Mutter und ihr vielleicht fünfjähriges Töchterchen betrachten die Galerie und entschließen sich, nach dem Bademeister zu suchen.

Schwimmunterricht gehört zu den vielen Angeboten, die das Südsee-Camp in der Lüneburger Heide macht: Basteln, Rad- und Paddeltouren, Trips zum Musical oder zum Fischmarkt nach Hamburg, Tagesausflüge auf Nordseeinseln, Urlaub mit Pferden auf dem benachbarten Reiterhof, Kreuzfahrten auf der Ostsee . . . Selbst Seminare zu Internet und Homebanking lassen sich in die Urlaubsidylle einfügen.

Chef des Ganzen ist Gottfried Thiele. Einer der Väter der Leadings. Seine Amtsbrüder und -schwestern auf den anderen Plätzen in Europa - so sollten wir im Laufe unserer Rundtour noch feststellen - sprechen nicht selten mit höchstem Respekt von ihm. "Mit dem Bad hat der Gottfried wieder Maßstäbe gesetzt", heißt es, und einige überlegen, nachzuziehen. Tatsächlich, mit Sauna, Dampfbad und Whirlpool, mit Wildwasserrutsche und Wellenbecken kann es so mancher großstädtischen Badelandschaft Konkurrenz machen. "Wir standen am Scheideweg", meint er, so als müsse er sich für die 12,5 Millionen Mark Investition rechtfertigen. "Camping heutzutage ohne das besondere Angebot, ohne Alternativen für schlechtes Wetter, das ist wie ein Auto ohne Klimaanlage." Zur Hauptzielgruppe der Leadings gehört die Familie.

Allerdings sollte man sich bevor man einen der Plätze auswählt, genau nach den Details erkundigen. Während manche Plätze - dazu zählt das Südsee-Camp - auch Teenager im Blick und nächtliche Discos oder Lagerfeuer auf den Programm haben, stellen sich andere ganz bewußt nur auf die Familie mit Kindern bis maximal zwölf Jahren ein.

Das Südsee-Camp immer vom Frühlingserwachen bis Ende Oktober auf vollen Touren, dann ist es etwas ruhiger, das eine oder andere Sanitärgebäude wird stillgelegt. Von der im Sommer 140köpfigen Belegschaft blieben 70 Leute vor Ort. Doch statt dessen kamen Bauleute, denn 1999 soll die Anlage noch um 64 schwedische Holzhäuser erweitert werden. Und es blieben - wie auf den meisten anderen Plätzen - die passionierten Dauer- und Wintercamper . . .

Schon mit der Dunkelheit kehrt die absolute Stille ein auf dem Platz des Hvidbjerg Strand Camping, in Blåvand an der dänischen Nordseeküste. Nachtleben - null. Spätestens jetzt weiß jeder: Dies hier ist ein Platz, auf dem sich alles um die Kinder dreht, ein Nest hinter den Dünen.

Nach einem Tag am Stand, auf dem Fahrrad, im Indianercamp, beim Reit- oder Surfunterricht am See hinter den Dünen, nach dem Grillabend oder dem Besuch im Spaßbad "Tropeland" beginnt eine lange, leise Nacht.

Nur im schilfgedeckten Waschhaus, das sich in die Landschaft duckt, herrscht Hochbetrieb: Die Reinigungsbrigade bringt das Gebäude mit Putzmittel, Schrubber und Dampfstrahler wieder auf Hochglanz. Der nämlich gehört zur Grundphilosphie der Leadings, denn nicht selten sind es die zu befürchtenden sanitären Umstände, die vor allem Eltern kleinerer Kinder vor einem Campingurlaub zurückschrecken lassen. Natürlich kann es immer mal passieren, daß just vor einem ein Ferkel Waschbecken oder Duschkabine verließ, aber die nahezu ständige Präsenz von Angestellten reduziert die Wahrscheinlichkeit unangenehmer Erlebnisse enorm. Die meisten der Leading-Campingplätze bieten außerdem abschließbare Familienwaschkabinen, sozusagen reservierte Badezimmer.

Im Partyzelt brennt die Luft. Kleine Camper, die erst im vergangenen Jahr das Laufen lernten, lernen hier schon das Tanzen. Vortänzer ist Nappi, das Maskottchen der Platzes Napoleon Hoeve in Breskens an der Holländischen Nordseeküste. Damit auch keiner den Treff vergesse, ist Nappi vorhin auf seinem Elektromobil durch die Gänge gefahren und hat ein Lied über den Lautsprecher tönen lassen - das platzeigene Nappi-Lied natürlich. Doch kaum neigt sich das Treiben in der Mini-Disco dem Ende zu, strömen alle Knirpse an der Hand ihrer Eltern in die Wohnwagen und Zelte.

Im Restaurant haben die Kellner längst die erste Schlacht geschlagen. Pommesreste werden eingesammelt, ketchuprote Tischdecken gewechselt, die Kinderstühlchen beiseite gestellt. Den zweiten Teil des Abends bestreiten die Genießer, wie die Küche an den Bestellungen bemerkt, die sich mehr um die Spezialitäten der Region drehen: klarer Jenever und Pils Oranjeboom, Fisch und Muscheln . . . Wie alle Leading-Plätze hat auch Napoleon Hoeve neben dem üblichen Imbiß-Angebot ein Restaurant. Allerdings gehen alle unterschiedlich mit ihrer Speisekarte um. Während sich beispielsweise der Koch in Breskens ganz und gar und rund ums Jahr zur Region bekennt, konzentrieren sich andere in der Hauptsaison eher auf das schnelle Familienessen und erwarten die Genießer erst in der kühleren Jahreszeit. Die meisten Restaurants der Plätze bieten ein Sonntagsfrühstück, andere noch ab und zu ein spezielles Buffet.

Lilly Libel - das Maskottchen vom Rekreatiepark BreeBronne im niederländischen Maasbree - begrüßt Anreisende an der Schranke. Vor allem, wenn an kühlen Tagen Regenschauer über den Wald ziehen und die Wasserrutsche am See traurig vor sich hintropft, hat sie für ein wenig Sonnenschein-Laune zu sorgen. Und wenn eine Schar Kinder aus dem Spielzimmer herausgestürmt kommt, jeder mit einem selbstgebastelten Drachen in der Hand, dann hat sie es mal wieder geschafft. Im November spätestens, wenn das Büro schließt und die Dauercamper nahezu unter sich sind, dann darf sich auch Lilly eine Winterpause gönnen.

Aber sie hat nicht alle Arbeit allein zu tun und nicht nur auf dem Platz gibt es etwas zu erleben. Jeden Donnerstag im Sommer beispielsweise öffnen sich in Bauernhöfen und Werkstätten der Umgebung die Tore für neugierige Urlauber. Nicht die Bustour zu bekannten Sehenswürdigkeiten steht in Maasbree im Mittelpunkt der Exkursionen, sondern Stippvisiten beim Imker oder Töpfer, in einem kleinen Museum oder einem Atelier.

"Hei di hei-i-i-j ! - Das Programm für heute!", tönt es wie jeden Morgen aus den Lautsprechern. Die Kleinen spitzen schon die Ohren, was ihnen Miny, das Maskottchen des Eurocamping Nommerlayen, Lustiges vorzuschlagen hat. Die Großen, die den gestrigen Abend noch bei Lagerfeuer, Disco, Bowling oder Kino lang werden ließen, ziehen grummelnd die Decke über die Ohren. Der luxemburgische Platz in Nommern versucht, den Teenagern und ihren kleinen Geschwistern gleichermaßen etwas zu bieten - mit allem Konfliktstoff, den das birgt und dem sich andere Plätze ganz bewußt nicht aussetzen. Ausgerüstet ist er dafür: Beach-Volleyball-Feld, Fußballplatz, Freibad, Billard, spezielle Grillplätze für die einen, Hüpfburgen, Planschbecken oder Rutschbahn für die anderen.

"Und wo ist hier der Kinderhort?", hatte der Herr von der Jury gefragt, deren Aufgabe es war, die Auszeichnung im Bundeswettbewerb "Familienferien in Deutschland" zu vergeben. Sabine Rasche, Chefin des Sauerland-Camps, gruselt noch heute bei dem Gedanken, daß ein Aufbewahrungsort für Kinder durchaus Pluspunkte bekommen hätte. Die Auszeichnung bekam Rasches Platz dann allerdings trotzdem - oder gerade weil man am Ufer des Hennesees ganz anders herangeht. "Ich suche eigentlich nach einem neuen Wort für Animation, weil es mir nicht um laute Vorturnerei geht, sondern um behutsame Inspiration. Weil es mir auch nicht darum geht, Eltern von der Last der Kinder zu befreien, sondern beiden Angebote für gemeinsame Erlebnisse in der Natur zu machen." Und entsprechend sieht das Programm dann auch aus: Wanderungen in die Stille, sportliche Spiele und Wettkämpfe, der Besuch der nahegelegenen Brauerei, Basteleien oder Busausflüge. Die Exkursionen per pedes widmen sich Themen wie "Der Bach lebt", "Was wächst am Wegrand?", "Mr. Spürnase untersucht mit euch den Waldboden" oder "Spurensuche im Winter".

Wenn es dann Herbst wird, ändert sich das Programm ein wenig. Mehr als in den Monaten zuvor campen die Senioren und genießen die Stille der Natur. Sie bilden übrigens neben den Familien die zweite Zielgruppe der Anlage. An einen Winterschlaf ist im Sauerland-Camp überhaupt nicht zu denken: Herbstferien, der Advent, Weihnachten und Silvester - da war der Platz wieder voll, da wurde wieder gewandert und geforscht, gebastelt und gefeiert . . . Kunterbunter Saisonbeginn wird hier jedes Jahr zu Ostern gefeiert. TIPS FÜRS CAMPEN

Allgemeines: The Leading Camping & Caravaning Parks of Europe (LC&CP) nennt sich eine 1995 gegründete Vereinigung von derzeit zwölf Campingplätzen in sieben Ländern. Anlagen, die sich dieser Gemeinschaft anschließen möchten, müssen besonders weitreichende Qualitätskriterien erfüllen, so unter anderem direkt an einem Badegewässer gelegen sein beziehungsweise ein Schwimmbad haben. Weitere Kriterien orientieren sich an den Sanitäreinrichtungen, der Animation, der Ausstattung der Stellflächen, der Gastronomie am Platz, Möglichkeiten für Sport und Spiel, dem Umgang mit der Umwelt, Angeboten für Hundehalter, Sicherheitsstandards oder Assistenz bei Unglücksfällen. Die Angestellten, vor allem die Animateure sind mehrsprachig. Alle Mitgliedsplätze müssen die höchste Bewertung in nationalen und internationalen Campingführern erreichen, also beispielsweise ADAC-Superplatz oder Sieger in maßgeblichen Wettbewerben sein.

Preise: Preise für die Übernachtung mit einem Wohnmobil oder -anhänger schwanken stark je nach Jahreszeit, Ausstattung und Größe der Stellplätze und Anzahl der Personen. Ein paar Beispiele: Südsee-Camp: 35 bis 60 Mark, Napoleon Hoeve: 60 bis 75 HLF (100 HLF = 90 Mark), BreeBronne 32 bis 50 Mark, Nommerleyen: 650 bis 1200 BF pro Tag (100 BFR = 5 Mark), Sauerland-Camp: Stellplatz 17,00 Mark, pro Person 6 bis 10 Mark

Die Mehrzahl der Leadings hat auch feststehende Wohnanhänger oder kleine Häuschen zu vermieten.

Weitere Information:

Deutschland: Südsee-Camp, Wietzendorf, Telefonnummer: 05196 / 980 16; Sauerland-Camp Hennesee, Meschede, Telefon: 0291 / 999 50; Camping Hopfensee, Füssen im Königswinkel, telefonisch unter der Nummer: 08362 / 91 77 10.

Dänemark: Hvidbjerg Strand Camping, Blåvand, Telefon: 0045 / 75 27 90 40.

Niederlande: Napoleon Hoeve, Breskens, Telefon: 0031 / 117 / 38 38 38; Rekreatiepark BreeBronne, Maasbree, die Telefonnummer: 0031 / 77 / 465 23 60.

Luxemburg: Eurocamping Nommerlayen, Nommern, Telefon: 00352 / 87 80 78.

Österreich: Schluga-Campingwelt, Hermagor-Presseggersee, telefonisch unter: 0043 / 4282 / 2051; Seecamping Berghof, Ossiachersee, Villach-Kärnten, Telefon: 0043 / 4242 / 4 11 33.

Spanien: Playa Montroig Camping & Bungalow-Park, Mint-roig (Tarragona), Telefon: 0034 / 77 / 81 06 37.
Italien: Caravan Park Sexten, Sexten-Moos, Telefon: 0039 / 474 / 71 04 44; Union Lido Vacance, Cavallino-Venezia, Telefon: 0039 / 41 / 96 80 80.

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