Zeitung Heute : Extrem demokratisch

Keine Panik, etwas Skepsis und große Hoffnungen: Das ist die Stimmung am ersten Tag nach dem Umbruch in der Türkei. Die Wahl hat die gesamte politische Klasse Ankaras hinweggefegt – und einen grundlegenden Neubeginn eingeleitet.

Susanne Güsten[Istanbul]

Muss sie jetzt bald Kopftuch tragen? Über diese Frage kann die elegante Türkin nur lächeln, die am Morgen nach dem Wahlsieg der religiös-konservativen AKP im Friseursalon eines Istanbuler Villenviertels ihre modische Kurzhaarfrisur nachschneiden lässt. „Zu befürchten haben wir von der AKP nichts", sagt die 34-jährige Archäologin und Bankerin, während der Figaro sie mit Haarspray umnebelt und der Lehrling ihr ein Tässchen Mokka serviert. „Besonders radikal ist die Partei nicht, und zur Not hätten wir ja auch noch unser Militär. Und wer weiß: Es kann durchaus sein, dass die AKP-Regierung sich als sehr gut für unser Land erweist." Keine Panik, etwas Skepsis und große Hoffnungen: Diese Stimmung prägte in der Türkei den ersten Tag nach dem Umbruch, der die gesamte politische Klasse von Ankara hinweggefegt und einen grundlegenden Neubeginn eingeleitet hat.

„Endlich haben wir einmal eine Ein-Partei-Regierung, die Gesetze verabschieden und Reformen durchsetzen kann“, freute sich die Dame beim Friseur, obwohl sie die AKP selbst nicht gewählt hatte, und die türkische Wirtschaft stimmte in diese Freude ein.

Die Istanbuler Börse schnellte hoch, und die Wirtschaftsbosse jubelten. „Gut, dass nun Schluss ist mit den ewigen Koalitionen“, sagte Industriekapitän Sakip Sabanci. „Wir steigen in einen neuen Zug ein, der uns nach Europa bringen wird.“ Wohin der Zug tatsächlich fährt, das wollen viele Türken lieber erst einmal abwarten, bevor sie mitjubeln. Sie erinnern sich an eine andere Richtung, die AKP-Chef Erdogan vor Jahren einmal beschwor, als er noch einer offen islamistischen Partei angehörte und gegen den säkularen Staat wetterte. „Die Demokratie ist wie eine Straßenbahn – ein Vehikel, das einen zum Ziel bringt“", sagte Erdogan damals – und mancher befürchtet, dass er jetzt, wo er am Ziel angekommen ist, aus der Bahn aussteigen und eine islamistische Ordnung ausrufen könnte.

Beruhigung, Beschwichtigung und Vertrauensbildung waren deshalb für den AKP-Chef nach dem Wahlsieg die Gebote der Stunde. Keinen Augenblick des Triumphes erlaubte sich Erdogan in seinem Bemühen, nun ja keinen Fehler zu machen, der den hart erkämpften Sieg aufs Spiel setzen und die ultralaizistische Justiz wieder auf den Plan rufen könnte.

Eindringlich beschwor er seine Anhänger, niemanden zu provozieren. Europa und die Wirtschaftsreformen würden die Prioritäten der AKP-Regierung, versicherte er Wirtschaft, Wählern und dem Ausland. Und allen Türken versprach er, dass die AKP-Regierung ihre Weltanschauungen und Lebensweisen respektieren werde.

Mehr als zehn Millionen Wähler haben Erdogan beim Wort genommen, weil seine Taten für sie mehr zählten als frühere Volksreden: So gut wie die Millionenstadt Istanbul, die in seiner Zeit als Oberbürgermeister zu neuer Blüte kam, wollen sie ihr ganzes Land regiert sehen. Aus diesem Grund konnten sich auch viele Wähler anderer Parteien mit der neuen Lage anfreunden: Schlimmer als die alten Parteien könne die AKP kaum sein. Mit riesiger Erleichterung und etwas Schadenfreude sahen die Türken zu, wie binnen weniger Stunden all die bekannten Politiker, die seit Jahrzehnten in Ankara misswirtschafteten, nacheinander ihre Rücktritte einreichten und die politische Bühne auf Nimmerwiedersehen verließen.

„Wie bin ich froh, dass wir die endlich los sind", sagte auch die Dame beim Friseur. „Das waren keine Politiker, das war eine Polit-Mafia." Die Einsicht, dass es mit den Koalitionen und Korruptionsaffären in Ankara nicht weitergehen konnte, bewog nach dem großen Crash auch die Presse und die verbliebene Politik, der neuen Kraft im Lande eine Chance zu geben. Die AKP werde „die Türkei entweder ins Chaos stürzen oder ihr die Tür zu einer stabilen Gesellschaftsordnung öffnen", kommentierte der Chefredakteur der größten türkischen Zeitung „Hürriyet". „Ich glaube, dass der zweite Fall wahrscheinlicher ist." Die sozialdemokratische CHP, die als einzige Partei neben der AKP ins Parlament einzieht, kündigte nach ihrem konfrontativ geführten Wahlkampf nun die Bereitschaft zur konstruktiven Opposition an. „Es ist nützlich, dass es eine stabile Mehrheit im Parlament gibt", räumte CHP-Chef Deniz Baykal als neuer Oppositionschef ein. „Wir haben keine Vorurteile" gegen die AKP.

Bleibt die Frage, wer nun Regierungschef der Türkei wird – denn Erdogan selbst kann dieses Amt wegen einer Vorstrafe nicht antreten. Die AKP will schnell einen Vorschlag präsentieren, doch für große Spannung sorgt diese Personalentscheidung in der Türkei nicht. „Wir werden erstmal abwarten", meint die Dame beim Friseur, die mit Vornamen übrigens Ümit heißt – das türkische Wort für Hoffnung.

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