Extremsport : Im Namen des freien Willens

Helmut Schümann

Zwei Tote sind zu beklagen. Sie hatten mit etwa 600 anderen Menschen auf die Zugspitze laufen wollen. Nicht wandern, nicht klettern, sondern im Dauerlauf, in kurzen Hosen, bei Wind und Wetter und Schneetreiben. Kurz vor dem Ziel starben sie. Niemand hatte sie aufgehalten. Warum hätte das jemand tun sollen? Um sie vor sich selbst zu schützen? Weil sie nicht Herr ihrer Sinne sind? Hat jemand noch alle Tassen beisammen, der 16,1 Kilometer lang 2100 Höhenmeter überwinden will und auch nicht Halt macht, wenn die Natur schon tobt und sich wehrt gegen diese Grenzüberschreitungen der menschlichen Möglichkeiten? „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.“ Sagt die Bibel, Buch Jesus Sirach, 3, 27. Man kann den freien Willen auch vergewaltigen.

Es gibt Menschen, die spielen Unterwassereishockey. Dazu wird ein großes Loch in das Eis eines Natursees gesägt und ein paar kleine Löcher, durch das die Spieler zum Luftholen auftauchen. Unter dem Eis stehen die Spieler kopfüber im Wasser, natürlich kopfüber, wer so etwas macht, kann den Kopf nicht an der richtigen Stelle haben. Der Puck besteht aus Styropor, das will nach oben. Von unten betrachtet ist oben das Eis. Und auf dem, unter dem, treiben die Spieler den Puck hin und her. Es gibt sogar Banden, aber keine Zuschauer. Wahrscheinlich ist den Zuschauern ein solches Treiben zu blöd. Vielleicht ist es ihnen auch einfach nur zu kalt im Wasser. Weil es aber mehrere Menschen gibt, die den Kopf nicht an der richtigen Stelle haben, gibt es Unterwassereishockeyweltmeisterschaften. Ein Winterhorrormärchen.

Andere Menschen begeben sich in den Decatriathlon. Dabei schwimmen sie erst 38 Kilometer, dann fahren sie 1800 Kilometer Rad und laufen zum Abschluss 422 Kilometer. Ab und an schlafen sie, aber nur selten. Einen Menschen gibt es, dem war ein normaler Marathonlauf zu langweilig, also lief er unter Wasser. Mit Bleiplatten um Bauch und Rücken, mit Pressluftflaschen, die alle 45 Minuten gewechselt wurden, mit einem Unterwasserdepot für die Nahrung und Unterwasserlautsprechern gegen die Einsamkeit. Nach 24 Stunden, 24 Minuten und 47 Sekunden war er am Ziel. Normalerweise werden solche Menschen abgeholt und behandelt. Der freie Wille ist mitunter seltsam. Helmut Schümann

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