Extremsport : Sechs Sekunden freier Fall

Oben Adrenalin, unten Alltag. Ein Dorf in der Schweiz ist Anziehungspunkt für viele Basejumper - sechs Sekunden entscheiden über Leben und Tod.

Alles, was der Fall ist. Ein Basejumper stürzt sich ins Lauterbrunnental.
Alles, was der Fall ist. Ein Basejumper stürzt sich ins Lauterbrunnental.Foto: Keystone Schweiz/laif

Der Tod ist nahe, wenn Martin Schürmann losgeht. Einen schmalen Trampelpfad hinaufstapft, bis zu einem kleinen Vorsprung. Wenn er oben angekommen ist, kann es sein, dass sechs Sekunden später alles vorbei ist. Dann steht er an einer Felskante, und unter ihm geht es 400 Meter senkrecht hinunter.

Martin Schürmann ist Basejumper. Zu Deutsch: Objektspringer, was die Sache eher trifft. Dass da nämlich Objekte sind und nichts zum Hinunterspringen. Antennen, Brücken, Hochhäuser oder eben Felswände. Aus der Sicht eines Basejumpers ist die Welt alles, was der Fall ist. Der Eiffelturm, die Nordwand des Eiger, der Fernsehturm in Berlin. Manche nennen es Sport. Der hat in den vergangenen 20 Jahren immer mehr Anhänger gefunden. Die meisten aber sagen: Wahnsinn. Fest steht, dass Objektspringen so ziemlich überall verboten ist. Außer in der Schweiz, wo man sich an den seltsamsten Orten frei bewegen kann, in reißenden Flüssen etwa. Oder eben an Bergkanten. Womit wir im Lauterbrunnental im Berner Oberland wären.

Ein typisches Schweizer Tal, das sich zwischen den Bergen entlangzieht wie eine Falte in einem Kissen. Es gibt hölzerne Chalets, Wiesen und ein Kirchlein. Nirgendwo anders hin zieht es so viele Basejumper, denn nirgendwo sind die Felswände so steil und die Wiesen zum Landen so flach, „das Disneyland des Basejumpens“, wie manche es nennen. Die Bahn fährt fast bis zur Absprungstelle. Eine Amerikanerin hat das herausgefunden, seither kommen sie von überall nach Lauterbrunnen, aus Deutschland, den USA, Südafrika oder Australien. Junge Männer meistens, mit großen Rucksäcken hintendrauf, aus denen ein Helm mit Kamera lugt, Filmen und Fallen gehören zusammen.

Auf den wackeligen Youtube-Clips sieht man dann, wie der Felsen immer näher kommt. Wie für ein paar Augenblicke alles Felswand ist, eine sich drehende graue Fläche. Und man kann nicht mehr sagen, wo oben und unten ist. Bis sich mit einem Ruck der Schirm öffnet und sich die Perspektive wieder einpendelt.

Manchmal tut sie das nicht mehr. Im Lauterbrunnental sterben viele Basejumper, drei Männer allein seit Juni. „Tal des Todes“ wird Lauterbrunnen schon genannt, und das gefällt vielen aus dem Ort nicht. Sie wollen, dass die Basejumper verschwinden.

Martin Schürmann kommt aus der Gegend. Er ist ein zurückhaltender Mann, 36, muskulös, im kurzen Haar steckt eine weiße Sonnenbrille. Hin und wieder nimmt er ein Stück Snus-Tabak aus einer Dose und schiebt es sich unter die Lippe. Schürmann ist Bergführer und Skilehrer, nebenbei arbeitet er bei der Bergrettung. Und fast jeden Tag geht er hoch auf die Mürrenfluh oder Staldenfluh. Zu dem Punkt, den die Basejumper „Exit“ nennen, Abgang. Früher gab es einen Exit, von dem ist man direkt auf den Dorffriedhof zugeflogen. Der ist jetzt geschlossen, zu makaber.

Würde Schürmann an der Kante nach unten gucken, dann sähe er seine Füße, die in festen Bergschuhen stecken, und sehr weit unten ein kleines grünes Rechteck, die Wiesen von Lauterbrunnen. Aber Schürmann guckt nicht nach unten, er würde kopfüber stürzen, da macht man schnell einen Salto, und der kann tödlich sein. Schürmann schaut deshalb hoch, zum Horizont. Dorthin, wo das Weiß der Bergspitzen mit den Wolken verschwimmt. Und dann springt er.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie der Sprung endet.

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