Zeitung Heute : Exzellent - Horizontale Kooperation

Dieter Lenzen

Seit dem 12. Januar werden wir immer wieder angesprochen von freundlichen Zeitgenossen, die ihre Anerkennung und ihre Freude zum Ausdruck bringen. Das macht Mut und erfüllt uns mit Dank. Aber es ängstigt auch. Denn was bedeutet das Zwischenergebnis in der zweiten Staffel des Exzellenzwettbewerbes der Hochschulen, dass die Freie Universität Berlin aufgefordert wurde, für drei Clusters, zwei Graduiertenschulen und ihr Zukunftskonzept die Hauptanträge zu stellen?

Die Ideenskizzen für Forschungsschwerpunkte und die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses sowie die Konzeption für die zukünftige Entwicklung der Freien Universität Berlin als Internationale Netzwerkuniversität wurden für interessant und entwicklungsfähig genug gehalten, dass eine Ausarbeitung als Hauptantrag lohnenswert erscheint. Und: Die Antrag stellenden Wissenschaftler sowie die gesamte Universität werden gewertet als potenzielle Garanten für eine exzellente Entwicklung. Richtig: Damit gehört die Freie Universität Berlin zu den Universitäten, die in diesem Wettbewerb oben anstehen. Aber eine darüber hinausgehende Vorentscheidung für den Oktober dieses Jahres ist das nicht. Die Wettbewerber sind ernst zu nehmende Konkurrenten. Die Entscheidungen werden wissenschaftsbasiert sein. Aber wir wissen noch nicht, welche Rolle die Politik am Ende dabei spielen wird.

Die Wettbewerbsregeln sehen vor, dass bei der Beantragung von Clusters und Graduiertenschulen nahe beieinander liegende Universitäten kooperieren können und sollen. Das Problem der Zurechnung der Leistungen scheint gelöst. Das erleichtert die Zusammenarbeit in der Stadt, die wie keine zweite auf einen Erfolg in diesem Wettbewerb wartet und um ihrer Zukunft Willen auch auf diesen angewiesen ist. Aus diesem Grunde muss alles unternommen werden, um beide Universitäten, die im „Schlussrennen“ sind, zum Ziel zu führen. Das geht durch Konzepte, die die besondere sachliche und kollegiale Verbundenheit der Humboldt-Universität und der Freien Universität zum Ausdruck bringen, wie sie seit über zehn Jahren zwischen den Forscherinnen und Forschern auch tatsächlich gelebt wird. Es bleibt zu wünschen, dass diese außergewöhnliche Situation einer Stadt, die gleichzeitig Bundesland und deutsche Hauptstadt ist, verständlich gemacht werden kann. Der Münchener Doppelerfolg lässt hoffen.

Kontraproduktiv sind dabei Ideen vom Typus: „Wenn beide Universitäten so gut zusammenarbeiten, kann man sie ja auch fusionieren.“ Besonders befremdlich sind Vorschläge, die ausgerechnet von Personen artikuliert werden, die glauben, etwas von Wirtschaft zu verstehen. Klar: Das Milchmädchen denkt, wenn zwei Milchläden zu einem zusammengefasst werden, dann kann man die Milch billiger einkaufen. Richtig. Aber die Zahl der Milchkunden steigt dadurch nicht. Und: Die Milch wird auch nicht besser. Im Gegenteil: Zwei Milchmädchen fühlen sich sicher, weil es kein drittes gibt, und geben sich beim Milchverkauf keine Mühe. Dabei bedenken sie nicht, dass in Kürze eines der Milchmädchen seinen Job verlieren wird. Weil der groß einkaufende Milchladen auf Milchautomaten umstellt. Schön, wird man sagen, wenn die Milch billiger wird. Indessen: Bildung ist keine Milch, sondern ein Premiumprodukt, komplexer noch als ein hoch technischer PKW. Die Kraftfahrzeugindustrie ist deshalb intelligenter als fusionsverliebte Milchmädchen: So produzierten Volkswagen und Ford gemeinsam eine Großraumlimousine, die so interessant war, dass Seat auch noch mitgespielt hat. Ökonomen nennen das „Horizontale Kooperation“. – Das ist exakt das, was die beiden Berliner Universitäten, die Freie Universität und die Humboldt-Universität, miteinander tun. Optimierung der eigenen Arbeit und der Qualität bei gleichzeitiger Erhaltung der Wettbewerbssituation. Das darf man nicht aus dem Auge verlieren, insbesondere Milchkunden nicht, wenn man ihnen suggerieren möchte, mit Bildung, Wissenschaft und Forschung sei es wie mit der Milch. Und Milchkunden sollten ein Datum kennen: 75 Prozent aller Fusionen von Unternehmen führen zur Liquidation eines oder beider. Es kann sein, dass Milch dann knapp wird.

Der Autor ist Präsident der Freien Universität Berlin.

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