Zeitung Heute : EZB ermuntert zum Schuldenmachen

Leitzins auf Rekordtief: Sparer bekommen weniger, Immobilienpreise könnten steigen.

Für die meisten Beobachter überraschend hat die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag den Leitzins um 0,25 Punkte auf nur noch 0,25 Prozent abgesenkt. Dies ist der niedrigste je registrierte Satz, zu dem sich Banken in der Euro-Zone bei der Notenbank Geld leihen können. EZB-Präsident Mario Draghi begründete die Entscheidung mit einem veränderten Umfeld und verwies dabei vor allem auf die im Oktober in der Euro-Zone überraschend deutlich gesunkene Inflationsrate und die nach wie vor schwierige Wirtschaftslage.

Im Oktober war die Inflationsrate in der Euro-Zone auf nur noch 0,7 Prozent gesunken – nach 1,1 Prozent im September. Von dieser Entwicklung war auch die EZB überrascht worden. Der Rat hatte allerdings schon im Juli betont, dass sich die Leitzinsen mit Blick auf das aktuelle Umfeld noch für längere Zeit auf niedrigem oder noch niedrigerem Niveau bewegen werden. Sollte sich das Umfeld ändern, werde die EZB handeln. „Es hat sich signifikant geändert, deswegen ändern wir die Politik auch“, sagte Draghi am Donnerstag. Deflationsgefahren in der Euro-Zone sieht er allerdings nicht, es gebe aber sinkende Preise in einzelnen Ländern und bei einzelnen Produkten. Die Euro-Zone stehe allerdings vor einer „längeren“ Phase mit niedriger Inflation. Einen Zeitraum nannte Draghi nicht.

Mit dem Zinsschritt, der ab 13. November wirksam wird, werden Kredite in der Euro-Zone günstiger, die ohnehin schon sehr niedrigen Zinsen für Spareinlagen und Tagesgeld dürften schon in den nächsten Tagen noch weiter absinken. Damit strömt vermutlich noch mehr Geld an die Aktien- und Immobilienmärkte und dürfte dort die Preise weiter treiben.

Der Deutsche Aktienindex Dax sprang am Donnerstag unmittelbar nach Bekanntgabe der zweiten Leitzinssenkung in diesem Jahr – Anfang Mai hatte die EZB den Satz von 0,75 auf 0,5 Prozent reduziert – zunächst um mehr als 100 Punkte auf einen neuen Rekordstand von fast 9200 Punkten, später gab er wieder nach – der Euro verlor gegenüber dem Dollar mehr als zwei Cent auf rund 1,335 Dollar. Dies verbilligt Exporte aus Deutschland und dem gesamten Euro-Raum in Dollar-Länder und stützt damit die Wirtschaft in der Euro-Zone.

Andererseits dürften die günstigen Zinsen hierzulande die Immobilienkäufe weiter beflügeln und die Preise vor allem in den Zentren weiter treiben, wo Eigentumswohnungen und Häuser zuletzt bereits zum Teil extrem teuer geworden sind. Beobachter warnen vor einer Blase, die Bundesbank schaut sich die Entwicklung seit Monaten sehr genau an.

Draghi hofft, dass die schrumpfende Kreditnachfrage vor allem in den Krisenländern mit der neuerlichen Zinssenkung belebt wird. „Das unterstützt die Kreditvergabe an Unternehmen und Haushalte“, sagte der Italiener am Donnerstag. Es gebe Anzeichen für eine allmähliche Erholung der Wirtschaft in der Euro-Zone und eine Belebung der Exporte, allerdings von einem niedrigen Niveau aus. Die Arbeitslosigkeit sei weiter hoch, die Probleme der öffentlichen Finanzen nicht gelöst.

Aus Sicht der Versicherungen geht die Zinssenkung zulasten der Altersvorsorge-Sparer. „Eine Abkehr von der Politik des billigen Geldes ist mehr als überfällig“, kritisierte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft.

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