Zeitung Heute : Fachleute gesucht, im Betrieb gefunden

Qualifizierte Mitarbeiter sind gefragt — doch noch investieren wenige Unternehmen in Weiterbildung

Henning Zander

Bei der Maschinenbaufirma Herbert Paul aus Berlin-Mariendorf hat man niemals ausgelernt. Die Zerspaner, früher Fräser genannt, müssen sich immer wieder auf neue Maschinen einstellen und bekommen dafür Schulungen. Die Mechaniker und Werkzeugmacher werden regelmäßig in Fortbildungen geschickt, um ihre Kenntnisse zu vertiefen. Wenn im Büro ein neues Computerprogramm eingeführt wird, steht ebenfalls eine Schulung an. „Meine Mitarbeiter sollen das Gelernte an die Kollegen weitergeben“, sagt Geschäftsführer Thomas Paul, der Sohn des Firmengründers. In seinem Betrieb mit 15 Angestellten gibt es keine Fortbildungspläne, wie sie in größeren Unternehmen üblich sind. „Das Meiste ergibt sich aus dem Tagesgeschäft. Meine Mitarbeiter kommen zu mir, wenn sie denken, dass sie eine Schulung brauchen.“

Nicht für alle Unternehmen in Deutschland gehört Fortbildung zum täglichen Betrieb. Zwar hat es sich in Deutschland herumgesprochen hat, dass die Qualifikation der Angestellten ein wichtiger Vorteil im Wettbewerb ist. Dennoch liegt Deutschland nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) im Vergleich von Dauer und Intensität der Weiterbildung im europäischen Vergleich im unteren Drittel. Gerade kleine und mittlere Unternehmen können häufig weder das Personal noch die Kosten für Weiterbildung aufbringen. Nach Angaben des Bildungswerkes der Wirtschaft für Berlin und Brandenburg (BBW) sind sich diese Betriebe auch oft nicht darüber im Klaren, welchen Fortbildungsbedarf es unter ihren Mitarbeitern gibt. Und das obwohl sich laut Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) die anziehende Konjunktur zuerst bei den kleinen und mittleren Unternehmen in einem größeren Bedarf von qualifizierten Mitarbeitern niederschlägt. Das Bildungswerk prognostiziert allein dem Land Brandenburg wegen der schrumpfenden Bevölkerung einen Fachkräftemangel von knapp 100 000 Menschen im Jahr 2010. „Die kleinen und mittleren Unternehmen werden davon besonders betroffen sein“, sagt Klaus-Dieter Teufel, Geschäftsführer der BBW-Gruppe. An die möglichen Konsequenzen eines demographischen Wandels werde oft nicht gedacht. „Die Personalplanungen dieser Betriebe beschränken sich meistens auf ein Jahr im Voraus“, sagt Teufel.

Viele Weiterbildungsmaßnahmen werden von Personen wahrgenommen, die schon über eine hohe berufliche Qualifikation verfügen, wie aus einem Forschungsbericht des Bundesministeriums für Bildung und Forschung hervorgeht. „Die Fortbildung von Geringqualifizierten wird bislang noch nicht ausreichend beachtet“, sagt Hans-Joachim Schade vom BIBB. Wenn gefördert würde, geschehe dies sehr betriebsspezifisch. Der Nutzen für die geförderten Personen sei deshalb auch auf das jeweilige Unternehmen beschränkt. „Es gibt aber auch schon Tendenzen, der Weiterbildung gewisse allgemeine Verbindlichkeit zu geben.“ Ein Beispiel seien Zertifikate der IHK, mit denen man sich dann auch nach einem Arbeitsplatzwechsel bewerben kann. „Beschäftigte brauchen eine breite Grundqualifizierung, damit sie Lust auf Weiterbildung haben“, sagt Hermann Nehls, Berufsbildungsexperte des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Sie müssten intensiv über die Chancen von Weiterbildung beraten werden. „Aber den Unternehmen liegt es auch häufig näher, ihre Führungskräfte zu schulen, als die Leute am Band.“

Die meisten Schulungen dauerten nicht länger als drei Tage, sagt Arbeitsmarktforscher Schade. Angebote im IT-Bereich dominieren den Markt. Sie decken ein weites Spektrum vom Umgang mit Büro-Software für den einfachen Anwender, bis hin zu Kursen in Programmiersprachen für die Profis ab.Viele Schulungsangebote beziehen sich auch auf das Training von so genannten Softskills wie Team- oder Kommunikationsfähigkeit. „Das ist ein sehr wichtiger Aspekt. Aus vielen Umfragen wissen wir, dass Unternehmen Defizite auf diesen Gebieten wenig tolerieren“, sagt Schade. Natürlich sei das Grundlagenwissen in den verschiedenen Branchen immer noch der wesentliche Bestandteil der betrieblichen Weiterbildung. Das Erlernen und die Pflege einer Fremdsprache gehört nicht unbedingt dazu. In einer Umfrage des BIBB unter Logistikunternehmen rangiert dieser Punkt in der Wichtigkeit noch hinter den Softskills.

Die Gruppe der über 50-Jährigen spielt in der Fortbildung bis auf wenige Ausnahmen noch keine entscheidende Rolle. „Die skandinavischen Länder, in denen die Arbeitslosigkeit in dieser Gruppe nicht so hoch ist wie in Deutschland, investieren auch viel mehr in die Qualifikation der älteren Arbeitnehmer“, sagt Klaus-Dieter Teufel. Der Unternehmer Thomas Paul sieht keinen Bedarf für die spezielle Förderung von über 50-Jährigen in seinem Betrieb. „Die meisten Schulungen bekommen unsere jungen Mitarbeiter.“ Natürlich müssten auch die älteren sich in die Funktionen einer neuen Maschine einarbeiten. Aber bei ihnen bestehe schon ein großes Maß an beruflicher Erfahrung.

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