Zeitung Heute : Fackel im Sturm

Eine „Reise der Harmonie“ – so nennt China den Weg des olympischen Feuers. Doch er wird von Protesten gesäumt sein. Welche Bedeutung hat der Fackellauf angesichts der Lage in Tibet?

Benedikt Voigt[Peking]

Das hatten sich die chinesischen Organisatoren schön ausgedacht: Der olympische Fackellauf, der am Montag im griechischen Olympia beginnt, sollte für neue Rekorde sorgen – die weiteste Strecke (130 000 Kilometer), die längste Dauer (130 Tage), die meisten Beteiligten (21 880 Läufer). Anfang Mai soll die Flamme sogar den Mount Everest erreichen. Doch seit den gewaltsamen Auseinandersetzungen in Tibet zeichnet sich ein ganz anderer Rekord ab: Die meisten Protestveranstaltungen.

Gestern demonstrierten bereits 400 Tibeter und Sympathisanten vor dem Sitz des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Lausanne. Viele Tibeter empfinden die geplante Route des Fackellaufs durch Tibet als Provokation. „Wenn das IOC nicht will, dass das olympische Feuer zu einem Symbol für Blutvergießen und Unterdrückung wird, muss es sofort alle tibetischen Provinzen aus der Route nehmen“, heißt es beim Internationalen Netzwerk zur Unterstützung Tibets. Doch sowohl das IOC als auch das Pekinger Olympia-Komitee (Bocog) halten an ihren Planungen fest. Während einer Pressekonferenz in Peking, bei der nur fünf Fragen gestellt werden durften, sagte Bocog-Vizepräsident Jiang Xiaoyu: „Wir glauben fest daran, dass die Regierung der autonomen Region Tibet in der Lage ist, den Frieden und Stabilität in Lhasa und Tibet zu garantieren.“ Andererseits könne die Route geändert werden, falls es zu Zwischenfällen kommen sollte, sagte er.

Insgesamt wird die Route des Fackellaufs an zwölf Tagen durch chinesische Orte führen, in die ausländische Journalisten zurzeit nicht reisen dürfen – offiziell wegen „Sicherheitsbedenken“. Für die Läufer und das Begleitteam des Fackellaufs sieht das Organisationskomitee im Moment dagegen keine Gefahr.

Tibet, das 1950 von China besetzt worden ist, spielt beim diesjährigen Fackellauf sogar eine besondere Rolle. Nach der Ankunft am 4. Mai in Sanya auf der südchinesischen Ferieninsel Hainan wird die Flamme geteilt. Eine Flamme setzt ihren Weg durch China fort, eine zweite wird in ein Basislager am Mount Everest gebracht und wartet dort auf günstiges Wetter für die medienwirksame Besteigung des höchsten Berges der Welt. Die Organisatoren haben ab sofort bis zum 10. Mai für die tibetische als auch nepalesische Seite des Mount Everest ein Aufstiegsverbot durchgesetzt, damit die Flamme von Protesten ungestört den Gipfel erreichen kann. Anschließend wird diese Flamme nach Lhasa gebracht und verweilt dort bis zum 20. Juni. Dann erst soll sie mit der zweiten Flamme wiedervereint werden.

Da die chinesischen Behörden mit aller Härte gegen Demonstranten und Dissidenten vorgehen, sind Proteste gegen Chinas Politik und die Olympischen Spiele vor allem auf den Etappen außerhalb Chinas zu erwarten. San Francisco bereitet sich bereits auf große Demonstrationen vor, die Stadtverwaltung traf sich am Dienstag zu einem Sicherheitsmeeting. „Wir haben gehört, dass zuletzt ein paar Organisationen oder Personen angekündigt haben, dass sie Protestaktionen außerhalb Chinas planen, um den Fackellauf zu stören“, sagte Bocog-Vizepräsident Jiang Xiaoyu in Peking, „wir sind der Meinung, dass diese Aktivitäten vollkommen der olympischen Charta, dem olympischen Geist und dem Slogan des Fackellaufs widersprechen, der lautet: Reise der Harmonie.“ Eine solche aber, das lässt sich schon heute vorhersagen, wird dieser Fackellauf auf keinen Fall werden.

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