Zeitung Heute : Fackeln für Frieden

Es ist schwer geworden, Muslim zu sein in Dänemark. Und auch, die „Jyllands-Posten“ zu machen

Hannes Gamillscheg[Kopenhagen]

Der Gellerup-Park in Aarhus ist eine der Wohnsiedlungen, um die viele Dänen am liebsten einen Bogen machen: in den Läden ein babylonisches Sprachengewirr, die meisten Bewohner auf Sozialhilfe, in den Schulen kaum ein dänisches Kind und die TV-Antennen sind starr auf arabische und türkische Programme gerichtet. Wenn es in Dänemark, dem kleinen Land, in dem immerhin 200 000 Muslime leben, Nährboden für islamische Fundamentalisten gibt, dann in Blöcken wie Gellerup, so lautet das landläufige Vorurteil.

Am Dienstagabend stehen dort muslimische Demonstranten mit Fackeln in den Händen. In der ganzen arabischen Welt sind in den vergangenen Tagen Fackeln geflogen. Man hat sie in die Fenster dänischer Botschaften geworfen, an dänische Fahnen gehalten. Aarhus, mit knapp 270 000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Dänemarks – Kleinstadtcharme, Stadtrechte seit 1441, Uni seit 1928 und ein schönes Freiluftmuseum, das die „Alte Stadt“ heißt –, ist die Keimzelle des Glaubenskriegs, den radikale Muslime ausgerufen haben. Hier erschienen die Mohammed-Karikaturen zuerst, in der „Jyllands-Posten“, die in einem unscheinbaren Bau an einer großen Straße im Süden der Stadt gemacht wird. Vor dem Haus patroullieren nun Polizisten, und es gab Bombendrohungen. Chefredakteur Carsten Juste hat vor ein paar Tagen gesagt: „Hätten wir gewusst, wohin dies führt, hätten wir es nicht getan. Die Kosten können auch zu hoch werden.“

Es hat auf den ersten Blick vielleicht einige Dänen erschreckt, am Dienstagabend ausgerechnet in Aarhus Fackeln zu sehen. Aber dieses Feuer flog nicht. „Dies ist eine Solidaritätserklärung für Dänemark, das auch unser Land ist, das uns aufgenommen hat und von dessen Freiheiten auch wir profitieren“, sagte Rabih Azad-Ahmad, Jura-Student und Leiter des multikulturellen Verbandes, der hinter der Kundgebung stand. Azad-Ahmad hält die Zeichnungen, die den Streit ausgelöst haben, auch für „unakzeptabel“, aber das könne doch „die abscheulichen Handlungen nicht rechtfertigen, die dadurch ausgelöst wurden“, sagt er.

Es war nur eine kleine Gruppe von Menschen, die in Aarhus der Kälte trotzte, 200 Teilnehmer vielleicht. Doch für Dänemarks Muslime waren sie nicht weniger repräsentativ als die Imame, die in diesen Tagen das Medienbild prägen. Die waren zu gleicher Stunde in der Moschee in Odense versammelt und tüftelten an einer Resolution zur Beruhigung der Lage, als ob ein paar selbst ernannte Sprecher im fernen Dänemark die Brände, die in der islamischen Welt wüten, noch beeinflussen könnten.

Es ist nicht leicht, Muslim zu sein in Dänemark, und schon gar nicht in diesen Tagen, in denen das früher so beliebte Land zum Hassobjekt der islamischen Welt geworden zu sein scheint. 48 Prozent der Dänen glauben, dass sich der Konflikt zu einem Religionskrieg entwickeln kann, 56 Prozent sagen, die Kluft sei größer geworden zwischen „denen“ und „uns“. Der aus Syrien stammende Autor Fahmy Almajid erzählt: „Als ich mein Auto aus der Werkstatt holte, kam eine freundlich lächelnde ältere Dame zu mir und sagte: ,Ich bin ja keine Rassistin, aber wenn ihr unsere Waren boykottiert, solltet ihr alle rausgeschmissen werden aus unserem Land.‘“ Ali, 30, ein Taxifahrer, meint: „Was jetzt geschieht, wirft alle Integrationsbemühungen zehn Jahre zurück.“

Selbst schuld, sagen viele Dänen. Zwei Drittel sehen die Hauptschuld an der Krise nicht bei „Jyllands-Posten“ oder den geistlichen und politischen Machthabern der arabischen Welt, sondern bei der Gruppe dänischer Imame, die im Dezember nach Kairo und Beirut gereist sind, um dort um Schützenhilfe für ihren Kampf gegen die „Verhöhnung des Propheten“ zu bitten. Mit falschen Bildern hätten sie dort das Feuer geschürt, das sich nun explosionsartig ausbreitet, wirft ihnen „Jyllands-Postens“ Kulturredakteur Flemming Rose vor. Denn in ihrer Dokumentationsmappe hatten sie auch noch viel widerlichere Zeichnungen mitgenommen als die zwölf beanstandeten Karikaturen. Einen Mohammed mit Schweineschnauze zum Beispiel oder einen Hund, der einen betenden Muslim besteigt. Ahmed Akkari, der Sprecher der Gruppe, bestreitet allerdings, dass man so getan habe, als seien auch diese Bilder in der dänischen Presse erschienen.

Unter den muslimischen Gruppen und ihren Predigern findet ein Wettstreit um Einfluss statt, und das Bild, das sie nach außen abgeben, wird oft von den radikalsten Stimmen geprägt. Der linksliberale, in Syrien aufgewachsene Parlamentarier Naser Khader hat dieser Tage ein Netzwerk gegründet, das der „schweigenden Mehrheit“ eine Stimme geben soll – aber er stößt auf massiven Widerstand. Khader gilt als Symbol des assimilierten Einwanderers, für den der Islam höchstens noch kulturelle Referenz ist. So gilt er in radikalen Kreisen als Verräter, kann aber auch für die vielen gläubigen, dennoch angepassten Muslime kein Sprecher sein. Zwischen den Fronten. Da stehen viele dänische Muslime jetzt.

Die Demo vom Dienstagabend wird den Radikalen nicht gefallen haben, aber den Redakteuren der „Jyllands-Posten“ hat sie gut getan. Die Nachrichtenredakteurin Anni Kristensen erzählt am Mittwochmittag aus der Redaktion, alle seien „erschöpft“; es macht den Mitarbeitern zu schaffen, dass sie den Auslöser geliefert haben für all die Probleme, die Dänemark jetzt hat – für die Vernichtung von Arbeitsplätzen zum Beispiel, weil dänische Firmen boykottiert werden oder den Schaden, den das Image Dänemarks erlitten hat. „Jeden Tag kommen hunderte E-Mails, viele drücken Unterstützung aus – aber viele eben auch das Gegenteil“, sagt Anni Kristensen. Man verzichte jetzt darauf, die netten Briefe mit Namen abzudrucken, denn die Unterstützer werden wiederum bedroht. Und jeden Morgen, wenn sie ankommt, muss sie sich vom Sicherheitspersonal überprüfen lassen. „Wir hoffen jeden Abend, am nächsten Morgen aufzuwachen und festzustellen, dass alles nur ein schlechter Traum war“, sagt sie. Sie verabschiedet sich. Die Zeitung muss fertig werden. An diesem Donnerstag erscheinen sechs ganze Seiten in eigener Sache. Plus Titelseite.

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