Zeitung Heute : Fahles Gold

Urban Media GmbH

Von Robert Ide und Hartmut Scherzer

Eigentlich wollten sie ihm gratulieren. Die Journalisten, die Betreuer, die Fans. Sogar sein ärgster sportlicher Konkurrent wartete auf ihn – und klatschte in die Hände, als der Star das Interviewzelt der Olympischen Skiwettbewerbe betrat. Nach einer halben Stunde war er endlich da: Johann Mühlegg, der dreifache Triumphator des Skilanglaufs, der in Deutschland geborene und für Spanien startende Olympiasieger, der bizarre Held der Schneestrecken. Mühlegg sieht sie alle sitzen, die ihn da feiern wollen. Auch seinen russischen Konkurrenten Michail Iwanow, den er auf der 50-Kilometer-Strecke noch auf den letzten drei Kilometern schlagen konnte. Iwanow sieht Mühlegg an, er lächelt. Doch Mühlegg grüßt nicht zurück. Er wirkt gehetzt, irritiert. Irgendwas ist passiert.

Mühlegg nimmt Platz. Der Moderator, ein Sportjournalist aus Zürich, bittet ihn, die Fragen auf Deutsch zu beantworten. Denn es gibt etwas Wichtiges zu besprechen, etwas, das keine Missverständnisse erlaubt: Doping. Mühlegg lehnt ab. „Nur Englisch“, sagt er. Obwohl er weiß, dass sein Englisch ein ziemliches Kauderwelsch ist. Der Bayer leugnet seine Muttersprache, mit der er sich klar und unmissverständlich ausdrücken kann. Warum, wird schon bei der ersten Frage klar. Was es denn für Probleme vor dem Start gegeben habe, will der Moderator wissen. Mü hlegg streicht sich kurz durch seine blonden Haare und räuspert sich. „It was no problem.“ Er habe in den letzten fünf Tagen eine Spezialdiät gemacht: erst zwei Tage Proteine, dann drei Tage Kohlehydrate. Da kämen die Blutwerte schon mal durcheinander. Aber sonst: „No problems.“ Der Moderator hakt nach: „Aber wir haben Gerüchte gehört – sorry, dass ich das erwähnen muss – es habe beim Hämoglobin-Test Probleme gegeben. Würden Sie bitte erklären, was da passiert ist?“

Da ist plötzlich dieses Wort: Hämoglobin. Das Schimpfwort dieser Olympischen Spiele. Zwei Tage zuvor hatte es fast einen der größten Olympia-Skandale ausgelö st. Bei der russischen Langläuferin Larissa Lasutina war eine halbe Stunde vor ihrem Start im Staffelrennen ein erhöhter Hämoglobinwert festgestellt worden, ein Anzeichen für Blutdoping. Lasutina wurde gesperrt, die Russen durften nicht starten. Darauf wollte die gesamte Mannschaft abreisen. Erst Präsident Putin musste aus Moskau eingreifen, um den Boykott zu verhindern.

Nun hat der große Johann Mühlegg das gleiche Problem. Seine erste Dopingprobe war positiv, bestätigte das Internationale Olympische Komitee. An ihm hängt jetzt der Verdacht des Betrugs. Ihm droht die Rückgabe seiner dritten Goldmedaille und eine zweijährige Sperre. Mühlegg muss sich plötzlich erklä ren, alle schauen ihn an. „Durch meine Diät geht das Blut hoch und runter“, beginnt er, „wegen der Höhenlage geht es mehr rauf.“ Außerdem habe er letzte Nacht Probleme gehabt, Durchfall. „And, you know, the blood goes up.“ Nervös rückt der 31-Jährige auf seinem Stuhl hin und her. Doch der Moderator lässt nicht locker: „Stimmt es, dass zwei Bluttests innerhalb von fünf Minuten vorgenommen wurden?“ „Ja, das ist richtig. “ Dann wechselt Mühlegg das Thema, bedankt sich auf Spanisch für die Glückwünche des Königs und des Regierungschefs. Und erklärt, wie froh er sei, für Spanien zu laufen. Denn in Deutschland gab es nur Probleme.

Das Schlimmste war die „Spiritisten-Affäre“, damals 1994. Mühlegg galt als talentierter Langläufer, doch in den Augen des streng katholisch erzogenenen Mühlegg war der damalige Bundestrainer Georg Zipfel ein „ Spiritist“, der seiner Gesundheit schade. Und da er das allen erzählen musste, wurde er bei der Weltmeisterschaft 1995 nach Hause geschickt. Mühlegg führte fortan eine Ration Wasser mit sich, das von seiner portugiesischen Putzfrau geweiht worden war. Justina Agostino heißt die Dame, die Mühlegg „meine Gnade“ nennt. In Salt Lake City war sie auch wieder dabei. „Der ewige Vater ist reinkaniert in dieser Frau“, sagt Mühlegg.

Justina war ihm wichtig, die Kritik alter Freunde scherte ihn nicht. „Ich habe durch diese Affäre Freunde verloren“, meint Mühlegg, „aber wahre Freunde behalten.“ Seine Frau und seine 1993 geborene Tochter Regina hat Johann Mühlegg verlassen. Nun wohnt er in Madrid oder mit Bruder Martin im Familienhaus in Grainau bei Garmisch. Oft wehen vor dem Haus eine bayerische und eine spanische Fahne. Seit November 1999 hat Mühlegg einen spanischen Pass. Seinen deutschen hat er behalten.

Mühlegg hat es allen zeigen wollen. Deshalb hat er nach seinen Erfolgsrennen auch mal wieder deutschen Fernsehreportern Interviews gegeben. Und er hat dann immer gesagt: „Tut mir ja leid für Deutschland.“ Und dabei hat er gelacht. Sie sollten schon sehen in der alten Heimat, was er für ein Verlust ist. Er, der wie kein Zweiter über die Hänge gewuchtet ist, er der wie ein gehetztes Tier durch die Loipe sprintete. „Er seht so aus, als würde er sich durch den Schnee prügeln“, schrieb die spanische Zeitung „El Pais“ einmal. Sein Mund vom Eis verkrustet, die Augen verklebt vom kalten Schnee – so sah sich Mühlegg selbst am liebsten.

Er wollte der Star sein. Deshalb suchte er sich ein Land, in dem er geehrt wurde. Und verehrt. Nach seinem ersten Gold in Salt Lake City griff König Juan Carlos höchstpersönlich zum Telefon, um ihn anzurufen. Und Regierungschef Aznar verabredete sich mit Mü hlegg zum Skilaufen. „Joanito“, wie er sich nun selbst nennt, schrie im Überschwang der Gefühle ein „Viva Espana“ in die Fernseh-Kameras. „O Sole Mio“ sang er auch noch – auch wenn das Italienisch war.

Das ist erst ein paar Tage her. Und jetzt wollen alle an ihm rummäkeln. Ein Journalist fragt nach den Ergebnissen des Dopingtests. „Die sind geheim“, antwortet Mühlegg. Eine Frage noch. Auf Deutsch. Nicht nach Diät, Doping und Durchfall. Eine Frage nach seinen Empfindungen, als erster Deutscher drei Goldmedaillen bei Olympischen Winterspielen gewonnen zu haben, wenn auch für Spanien. „Ich werde auf Englisch antworten“, stellt Mühlegg klar. Und sagt nur: „Ich laufe für Spanien, fühle für Spanien. Meine Zukunft liegt in Spanien.“

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