Zeitung Heute : „Fahrpreise sollen bis 2007 nicht steigen“

Der Chef des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg, Hans-Werner Franz, ist stolz auf das Angebot im öffentlichen Nahverkehr

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Warum machen Sie einen „Tag für die Fahrgäste“?

Jede Branche, die etwas auf sich hält, feiert sich selbst. Und das ist auch richtig so. Darin drückt sich auch der Stolz aus über die Leistung und die Zufriedenheit der Kunden. Der öffentliche Nahverkehr steckt da – verglichen beispielsweise mit der Automobilbranche – noch in den Kinderschuhen. Zu Unrecht. Es gibt viele Gründe, stolz zu sein auf das phantastische Nahverkehrsangebot in Berlin und Brandenburg. Mit dem „Tag für die Fahrgäste“ wollen wir in der Öffentlichkeit transparent machen, was der öffentliche Nahverkehr für die Wirtschaftsregion BerlinBrandenburg leistet.

Müssten Fahrgäste nicht jeden Tag umworben werden, wenn sie mit Bahnen und Bussen fahren?

Das ist richtig. Der Fahrgast muss so zuvorkommend und korrekt behandelt werden wie jeder andere Kunde, der Geld für eine Dienstleistung bezahlt. Da gibt es noch allerhand Überzeugungsarbeit zu leisten.

Fahrgäste sind aber häufig mit dem Angebot nicht zufrieden. Welche Beschwerden erhalten Sie?

Die meisten Kunden, die beim VBB anrufen oder uns schreiben, wollen eine Auskunft, zum Beispiel zu Tarifen oder dem Fahrplan. Jeder siebte Anrufer hat eine Beschwerde. Überwiegend ärgern die Kunden sich über verpasste Anschlüsse, bedauern den Wegfall von Tarifangeboten wie beispielsweise der Freizeitkarte oder wünschen sich einen alten Fahrplan zurück.

Und wie gehen Sie dann damit um?

Wir sind dankbar über die Anmerkungen und Vorschläge der Kunden, weil wir so auf Mängel aufmerksam werden. Die Kunden erhalten in jedem Fall eine schnelle Antwort, in wir auch über die Hintergründe für Entscheidungen aufklären.

Wer ist denn der beste Ansprechpartner für die Fahrgäste? Der Verbund oder doch die BVG und die S-Bahn?

Der VBB ist der richtige Ansprechpartner für tarifliche und verkehrsplanerische Fragen. Die Verkehrsunternehmen selbst sind die richtigen Ansprechpartner, wenn zum Beispiel Problemen mit Busfahrern, Kontrolleuren oder Fahrzeugen auftreten. Der VBB arbeitet eng mit allen Unternehmen zusammen, um dem Kunden Zuständigkeitsrätsel zu ersparen. Perspektivisch wünschen wir uns natürlich – analog zu dem Verfahren in anderen deutschen Städten – ein einheitliches Auskunftssystem. Alles andere ist für die Fahrgäste auf Dauer verwirrend.

Die meisten Fahrgäste verbinden aber weiter die BVG mit dem öffentlichen Nahverkehr. Wie wollen Sie den VBB bekannter machen?

Die BVG hat seit Bestehen für Berlin über Jahrzehnte große Leistungen erbracht. Es ist verständlich, dass ein eingeführtes Verkehrsunternehmen in der Öffentlichkeit bekannter ist als ein Verkehrsverbund, der erst sehr kurz besteht. Um bekannter zu werden, braucht man Geduld, eine Vertrauensbasis mit den Partnern aus Politik, Wirtschaft und den Verkehrsunternehmen und viel Geschick, um den Bürgerinnen und Bürger in den beiden Bundesländern zu erläutern, welche Bedeutung der Verkehrsverbund für das Zusammenwachsen der beiden Länder hat.

BVG und S-Bahn planen noch viel für sich allein, zum Beispiel beim umstrittenen Metroliniennetz der BVG. Warum übernimmt der VBB nicht die Gesamtplanung?

Zunächst: Dort, wo es um den Verkehr zwischen Berlin und Brandenburg ging, haben wir als Experten beim Metrolininenetz der BVG mitgewirkt. Ein weiteres „Mandat“ darüber hinaus besteht derzeit nicht.

Könnte der VBB auch weitere Aufgaben übernehmen?

Uns sind von den beiden Ländern in Folge des Einigungsvertrages bestimmte Aufgaben übertragen worden – zum Beispiel für einen einheitlichen Tarif und für einen nahtlosen länderübergreifenden Nahverkehr zu sorgen sowie für umfassende Fahrgastinformationen. Ob wir weitere Aufgaben übernehmen sollen, darüber müssen die Hauptgesellschafter, die Länder Berlin und Brandenburg, entscheiden. Es steht außer Frage, dass wir dazu das Know-How besitzen.

Die unangenehmen Sachen dürfen Sie aber schon jetzt vertreten. Dazu gehören auch die regelmäßigen Tariferhöhungen. Wann steigen die Preise wieder?

Durch den starken Anstieg der Benzinpreise hat sich unsere Wettbewerbsposition gegenüber dem Auto verbessert. Wir haben die Chance, neue Fahrgäste durch gute Qualität an den ÖPNV zu binden. Diese Chance müssen wir nutzen. Ich halte es für sinnvoll an dem Ziel festzuhalten, die Preise bis 2007 unangetastet zu lassen.

In den vergangenen Jahren wurden vor allem die Stammkunden geschröpft, bei denen die Steigerungsraten weit über dem Durchschnitt lagen. Wird sich dies ändern?

Es stimmt, dass bei den letzten beiden Preisrunden der Fahrpreisanstieg über der Inflationsrate lag. Das hat unter anderem mit dem Koch-Steinbrück-Papier zu tun, in dessen Folge die Mittel für den öffentlichen Nahverkehr gekürzt wurden. Ich hoffe, dass die neue Bundesregierung die Mittel für den ÖPNV nicht weiter reduziert. Unser Wunsch ist es, in Zukunft möglichst keine Kundengruppe über die Maßen zu belasten.

Wie wollen Sie weitere Fahrgäste gewinnen, wenn die Preise stets steigen?

Auf die Höhe der öffentlichen Zuwendungen und die Entwicklung der Energiekosten haben wir keinen Einfluss. Wir können nur versuchen, den Anstieg moderat zu halten und mehr Fahrgäste durch ein verbessertes Angebot und gleichbleibende Qualität zu gewinnen. Das wäre sowohl für Berlin wie auch für den öffentlichen Nahverkehr ein Imagegewinn.

Und wie sind Sie selbst unterwegs?

Zu Fuß und täglich mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Ich befasse mich seit über drei Jahrzehnten beruflich mit dem öffentlichen Nahverkehr und zwar aus Überzeugung. Ich wäre unglaubwürdig, wenn ich ständig mit dem Auto fahren würde. Das lasse ich stehen, wann immer es geht.

Das Gespräch führte Klaus Kurpjuweit

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