Fahrradkultur : Zeig’ mir dein Fahrrad und ich sag’ dir, wer du bist

In Berlin ist ein neuer Fotoband zur Kultur des Radfahrens erschienen. Im Durchblättern offenbaren sich neue Einsichten.

Juurd Eijsvoogel
Fahrradläden müssen keine nach Kettenöl riechenden Werkstätten sein. In Londoner Lock 7 Cycle Café schlürft man gemütlich einen Kaffee, während das Fahrrad repariert wird.
Fahrradläden müssen keine nach Kettenöl riechenden Werkstätten sein. In Londoner Lock 7 Cycle Café schlürft man gemütlich einen...Foto: Claudia Janke, aus dem Band von Klanten/Ehmann: Velo - 2nd Gear. Verlag Gestalten 2013.

Ein Fahrrad ist nie nur ein Fahrrad. Es ist immer auch eine Verheißung. Die Verheißung, relativ schnell von A nach B fahren zu können, die Möglichkeit in der frischen Luft zu entspannen, die Kondition zu verbessern oder sogar einen Wettkampf zu gewinnen. Man braucht nur aufzusteigen. Für Feministinnen im 19. Jahrhundert war die neue Erfindung eine Freiheitsmaschine – „a freedom machine” –, weil sie ihnen zu neuer Unabhängigkeit verhalf.

Dass ein modernes Fahrrad heutzutage noch weitaus mehr sein kann, zeigt die wunderschöne Neuerscheinung „Velo 2nd Gear. Bicycle. Culture. Style“ aus dem Gestalten Verlag. Das Rad sei vor allem ein Ausdrucksmittel der Individualität des modernen Menschen, behaupten die Herausgeber. Ein kultureller Leuchtturm auf zwei Rädern. Zeige mir dein Fahrrad, und ich sage dir, wer du bist. Lebensstil, Weltanschauung und ästhetische Sensibilität des Fahrers – all dies sei am Rad zu ersehen. So weit die Grundaussage dieses Fotobandes.

Auch die finanzielle Leistungsfähigkeit des Besitzers ist am Vehikel abzulesen, so möchte man hinzufügen. Das charmante Fahrrad mit einem ledernen Picknickkorb über dem Vorderrad trifft zum Beispiel zweifellos das Lebensgefühl Vieler – zumal es aus einer Manufaktur kommt. Aber nicht jeder wird die geforderten 24 800 Euro für diese Konstruktion ausgeben können. Es gibt sicher auch noch andere Möglichkeiten, der Persönlichkeit sichtbaren Ausdruck zu verleihen. Träumen und Bewundern aber kann jeder. Und dieses Buch ist dafür ein ausgezeichnetes Hilfsmittel. Wie wäre es, mit dem futuristisch aussehenden Thonet Bentwood Concept Bike die Blicke auf sich zu ziehen? Dieses in Kleinstserie produzierte Kunstwerk hat einen zierlich gebogenen Holzrahmen, und ist im Auftrag von Thonet Möbel entworfen worden.

Ein Velo ist mehr als die Summe seiner Teile
Urbane Biker mit Vorliebe zum minimalistischen Design kommen in Stockholm auf ihre Kosten. Bikeid – ein Cross-over von Werkstatt und Boutique – bringt Stahlrahmen-Fahrräder in mehr als 10 000 Farbkombinationen an Mann und Frau...Weitere Bilder anzeigen
1 von 23Foto: Carl Dahlstedt, aus dem Band von Klanten/Ehmann: Velo - 2nd Gear. Verlag Gestalten 2013
20.03.2013 09:34Urbane Biker mit Vorliebe zum minimalistischen Design kommen in Stockholm auf ihre Kosten. Bikeid – ein Cross-over von Werkstatt...

Mit exzellenten Fotografien unterstreicht Velo 2nd Gear, dass man das Fahrrad – und alles was dazu gehört – als Kulturphänomen zu betrachten hat. Mit dem Fahrrad bewegt man sich hier zwischen zwei Buchdeckeln im gesellschaftlichen und ästhetischen Umfeld von Mode, Design und im Großstadtleben. So gibt es zum Beispiel Ledersättel mit blau-roten Fisch- und Vogel-Mustern zu erwerben (M.C. Escher). Mit einem Rad mit eingebauter iPad-Halterung ist man natürlich auch stets im Bild. Und warum nicht in der Wohnung ein Regal aufhängen, in das das Fahrrad gleich eingehängt werden kann. Und dann ist da noch so etwas wie eine Tarnkappe aus Schweden: Ein Plastik-Kragen, der sich im Falle eines Unfall um des Fahrers Kopf herum aufbläst wie ein Airbag.

Außer diesem kommerziellen Schnickschnack, der sich als letzter Schrei der Branche geriert, zeigt das heitere Buch aber auch Entwicklungen von Gewicht: In vielen Städten der Welt ist Radfahren nicht nur „cool“, sondern Kennzeichen einer markanten Subkultur mit wachsendem sozialen und politischen Einfluss. Diese Subkultur findet man zum Beispiel in Londoner Lock 7 Cycle Café, wo man das Fahrrad reparieren lassen kann, während man einen Kaffee schlürft.  

Echte Enthusiasten besuchen im April das Bicycle Film Festival in Dresden, oder nehmen an Kundgebungen für sichere Fahrwege teil und kämpfen für mehr Respekt für diese Gruppe leicht verwundbarer Verkehrsteilnehmer. Jener Radler, die bei Unfällen den Tod gefunden haben, wird im Buch mit Fotos von „Ghost Bikes“ gedacht. Berlin, London, Paris, selbst New York – diese Großstädte haben inzwischen erkannt, dass das Fahrrad im Metropolenverkehr an Bedeutung gewinnt, und auch gewinnen muss, damit die Städte nicht an ihren Abgasen ersticken. Der neue Band macht Mut, diesen Weg im Auge zu behalten.

Sven Ehmann, Robert Klanten: Velo – 2nd Gear. Bicycle Culture and Style. Gestalten Verlag Berlin 2013, 256 Seiten, 38 Euro.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

2 Kommentare

Neuester Kommentar