Zeitung Heute : "Fahrtziel Natur": Schwieriges Unterfangen

Horst Schwartz

Die Deutsche Bahn AG will, wie es Bahnchef Hartmut Mehdorn formuliert, "in Deutschland mehr Freizeitverkehr auf die Schiene bringen". Das heißt im Klartext: Sie will Autofahrer veranlassen, ihre Kutsche am Wochenende oder während des Kurzurlaubs stehen zu lassen und sich mit Kind und Kegel sowie all dem notwendigen Gepäck per Bahn auf Vergnügungsreise zu begeben. Um dieses schwierige Ziel zu erreichen, ist die Bahn jetzt mit vier Umweltverbänden, die immerhin rund eine Million Mitglieder aufweisen, eine strategische Partnerschaft eingegangen.

Im Rahmen der neu gegründeten Initiative "Fahrtziel Natur" vermarkten jetzt Bahn AG und Bund (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland), Nabu (Naturschutzbund Deutschland), VCD (Verkehrsclub Deutschland) sowie die Umweltstiftung WWF Deutschland die großen Naturschutzgebiete in Deutschland gemeinsam. Die fünf Partner konzentrieren ihre Zusammenarbeit zunächst auf vier Zielregionen, in denen sechs Großschutzgebiete liegen: auf die Nordseeküste Niedersachsens mit dem Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, auf den Nationalpark Harz in Niedersachsen, auf die Insel Rügen in Mecklenburg-Vorpommern mit dem Nationalpark Jasmund und dem Biosphärenreservat Südost-Rügen, sowie auf die Uckermark in Brandenburg vor den Toren Berlins mit dem Naturpark Uckermärkische Seen und dem Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin.

Die Bahn bringt die umweltfreundliche Anreise in die Kooperation ein: Täglich fahren 500 Züge die 55 Stationen von "Fahrtziel Natur" an. Templin beispielsweise, der mitten im Naturpark liegende Ausgangspunkt für Ausflüge in die Natur, ist von Berlin aus im Stundentakt mit Regionalzügen erreichbar.

Aber auch Urlauber, die von weiter südlich anreisen, können das berlinnahe "Fahrtziel Natur" gut erreichen - im Schlafwagen und ohne umzusteigen: Jede Nacht fährt ein Nachtzug von Stuttgart über Frankfurt am Main und Berlin nach Eberswalde, dem südlichen Tor der Uckermark, und weiter nach Prenzlau, der "Hauptstadt" der Region.

An Ort und Stelle sorgen die Umweltverbände mit ihren Partnern für eine attraktive Präsentation der Naturschönheiten in ihren Informationszentren und auch dafür, dass die entsprechende Infrastruktur in Ordnung ist. So vermittelt das Nabu-Erlebniszentrum in der Blumberger Mühle bei Angermünde spielerischen Umgang mit Themen rund um die Natur und deren Erhalt. Und der WWF beteiligt sich in der Uckermark an der Verwirklichung eines naturverträglichen Rad- und Wasserwander-Netzes.

Befürchtungen, durch Aktionen wie "Fahrtziel Natur" gerade den Untergang der Naturschätze zu besiegeln, weil durch attraktive Rahmenbedingungen vielleicht allzuviele Touristen angelockt werden, weisen die Umweltverbände zurück. "Gelenkter Naturtourismus ist möglich", ist sich der Präsident von WWF-Deutschland, Carl-Albrecht von Treuenfels, sicher. Auch Bahnchef Mehdorn sieht in der Aktion nur Positives: "Sie ist ein ökologisch herausragender Beitrag zur Stärkung des nachhaltigen Deutschland-Tourismus." Dieser müsse aber von der Politik durch eine steuerliche Initiative deutlicher unterstützt werden, fordert Michael Gehrmann, stellvertretender Bundesvorsitzender des VCD: "Wenn es der Bundesregierung ernst ist mit der Verkehrswende, wäre die Senkung der Mehrwertsteuer für verkaufte Bahn-Fahrkarten ein sinnvoller Ansatz, um die Fahrpreise für die Bahn zur Abwechslung mal zu senken ..." Die Bahn wolle keine Subventionen, assistiert Mehdorn, "aber wir fordern Chancengleichheit".

Dazugelernt hat die Bahn, was die Kommunikation betrifft. "Was nützen die besten touristischen Angebote, wenn sie niemand kennt", sagt Mehdorn, "wir müssen den Fahrgästen sagen, wie sie hinkommen." Deshalb wird die Aktion "Fahrtziel Natur" durch ein umfangreiches Informationsangebot begleitet, das besonders im Internet ausgesprochen gut dargestellt wird (Adresse, siehe unten).

Nicht zuletzt macht auch Ameropa bei der Natur-Aktion mit: Der Reiseveranstalter der Bahn hat 77 touristische Komplettangebote, verteilt auf 24 Orte in den vier Zielregionen von "Fahrtziel Natur" konzipiert. Das Angebot an Arrangements soll im nächsten Jahr ebenso ausgeweitet werden wie die ganze Aktion: "Die vier Ziele sind erst der Anfang", sagt Peter Westenberger vom - in Berlin angesiedelten - Bahn-Umwelt-Zentrum, "wir haben uns vorgenommen, auch weitere schöne deutsche Urlaubslandschaften Naturfreunden schmackhaft zu machen."

Unter der Internet-Adresse www.fahrtziel-natur.de finden sich zum Beispiel Gebietsbeschreibungen, Reiseauskünfte, Anreise- und Tariftipps, Ausflugsvorschläge sowie Adressen von Verleihstationen von Fahrrädern und Paddelbooten.

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