Zeitung Heute : FAIR TRADE]Wenn das Fleisch vom „Tofu-Tier“ stammt

Der Verzicht auf Fleisch als pädagogische Aufgabe.

Matthias Wenten (dpa)
Einfach probieren. Kinder fleischlos zu ernähren, ist gesundheitlich kein Problem. Auf Verbote sollten Eltern verzichten. Foto: dpa
Einfach probieren. Kinder fleischlos zu ernähren, ist gesundheitlich kein Problem. Auf Verbote sollten Eltern verzichten....Foto: dpa-tmn

BLAUER ENGEL]FAIR TRADE]Ob ökologische, gesundheitliche, moralische oder religiöse Motive: Es gibt viele Gründe, auf Fleisch zu verzichten. Leben Eltern vegetarisch, stehen sie irgendwann vor der Entscheidung, ob sie auch den Nachwuchs in diesem Stil erziehen wollen. Dabei tauchen aber viele Fragen auf: Was gibt es aus ernährungswissenschaftlicher Sicht zu beachten? Welche Folgen hat die Entscheidung der Eltern für den sozialen Alltag der Kinder? Und schließlich der pädagogische Aspekt: Wie erkläre ich meinem Kind altersgerecht, warum es besser sein soll, kein Fleisch zu essen? „Das Thema vegetarische Erziehung ist hochaktuell“, sagt Silke Bott, Vorstandsmitglied beim Vegetarierbund Deutschland (Vebu). Nicht zuletzt wegen der vielen Lebensmittelskandale verzichteten immer mehr Menschen bewusst auf Fleisch und Fisch. „Und wenn beide Elternteile überzeugte Vegetarier sind, erziehen sie ihr Kind in der Regel auch vegetarisch.“

Ein Konfliktpunkt ist dabei immer die Sorge, dass Kinder Mangelerscheinungen haben, wenn sie kein Fleisch essen. Dem widerspricht Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) in Bonn: „Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht ist eine vegetarische Erziehung von Kindern kein Problem.“ Von veganer Kost, bei der auf tierische Produkte wie Eier und Milchprodukte verzichtet wird, rät Gahl hingegen ab: „Bei veganer Ernährung besteht für Kinder die Gefahr einer Unterversorgung mit wichtigen Nährstoffen.“ Vegetarisch ja, vegan nein: So sieht es auch die Ernährungswissenschaftlerin Alexandra Borchard-Becker von der Verbraucher-Initiative. Aber auch bei einer vegetarischen Erziehung müssten Eltern auf einige Dinge achten. Zum Beispiel darauf, dass die Kinder genügend Eisen bekommen. „Normalerweise wird die Eisenzufuhr zuerst über die Muttermilch und dann etwa ab dem sechsten Lebensmonat über den Fleischkonsum geregelt.“ Aber auch in Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten und Gemüsesorten wie Fenchel oder Mangold sei genügend Eisen enthalten.

Das Problem: Eisen aus Fleisch kann der Körper wesentlich besser aufnehmen als pflanzliches Eisen. „Deswegen muss man pflanzliches Eisen gemeinsam mit Vitamin C füttern“, sagt Borchard-Becker. Dazu könnten Eltern beispielsweise einfach einen Schuss Orangensaft in den Hirsebrei geben. Für eine vegetarische Erziehung sind also grundlegende ernährungswissenschaftliche Kenntnisse vonnöten. Kritisch sind vor allem die ersten drei Lebensjahre: „Denn in dieser Zeit brauchen Kinder mehr Nährstoffe, weil sie weniger essen“, sagt die Ernährungswissenschaftlerin.

Wenn die Kinder später in den Kindergarten kommen, tauchen ganz neue Probleme auf. In vielen Kindergärten sei vegetarisches Essen mittlerweile weit verbreitet, sagt Bott vom Vebu. Dabei gebe es aber ein Stadt-Land-Gefälle: „In Großstädten ist es wesentlich einfacher, seine Kinder vegetarisch zu erziehen.“ Eine zentrales Suchregister für Kindergärten mit vegetarischem Essen existiere nicht. „Da hilft es im Zweifelsfall nur, jeden einzelnen anzurufen.“ Der Kindergarten ist häufig der erste Ort, an dem vegetarisch erzogene Kinder auf Gleichaltrige treffen, die Fleisch essen. Damit stehen die Eltern vor neuen Herausforderungen. Zwar seien die ersten Lebensjahre sehr prägend dafür, was Kinder mögen und was nicht, erklärt der Ernährungspsychologe Professor Joachim Westenhöfer von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. „Aber sobald Kinder in Kontakt zu anderen Kindern kommen, übernehmen sie deren Vorlieben und setzen sich von den Eltern ab.“ Einfluss könnten die Eltern ab diesem Zeitpunkt nur noch nehmen, indem sie zeigten, dass vegetarisches Essen schmecke. Und wenn die Kindergartenfreunde oder andere trotzdem mit Unverständnis reagieren, helfe nur noch Humor. Zum Beispiel könnten Kinder sagen: „Ich esse auch Fleisch. Aber meins kommt vom Tofu-Tier.“ Matthias Wenten (dpa)

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