Fairer Handel : Kommunen werden zu „Fairtrade-Towns“

Eine Kampagne hilft das Bewusstsein für fairen Handel und nachhaltigen Konsum auf kommunaler Ebene zu stärken. Mitte und Pankow bemühen sich um das neue Label.

Klaus Grimberg
Mehr als Fassade. Städte könnten bei Neubauten kommunaler Gebäude mit gutem Beispiel vorangehen. Bisher sind nur 25 bis 30 Prozent der verkauften Bürogebäude in Deutschland „Green Buildings“.
Mehr als Fassade. Städte könnten bei Neubauten kommunaler Gebäude mit gutem Beispiel vorangehen. Bisher sind nur 25 bis 30 Prozent...Foto: Imago

Tagt der Stadtrat oder Kreistag, dann darf nur noch Kaffee aus fairem Handel ausgeschenkt werden. So lautet das erste von fünf Kriterien, das eine Stadt oder ein Kreis erfüllen muss, wenn sie den Titel „Fairtrade-Town“ tragen will. Das Gebot gilt im Übrigen auch für alle Ausschusssitzungen, zusätzlich muss ein weiteres Fairtrade-Produkt verwendet werden. Was im ersten Moment klingt wie ein symbolischer Akt, ist tatsächlich viel mehr: Es ist Einstieg und Anregung zugleich, in der öffentlichen Beschaffung generell über sozial und ökologisch gerechte Angebote nachzudenken.

Gibt es einen entsprechenden Ratsbeschluss, in dem auch die förmliche Bewerbung als Fairtrade-Town bekundet wird, muss die Gemeinde noch vier weitere Kriterien abarbeiten. Es gilt, eine lokale Steuerungsgruppe aufzubauen, in der Vertreter aus der Verwaltung, aus dem Handel, aus Weltinitiativen, Kirchen oder Schulen regelmäßig zusammenkommen. Fairtrade-Produkte müssen in einer bestimmten Anzahl an Cafés und Restaurants wie auch in öffentlichen Einrichtungen angeboten bzw. benutzt werden, bemessen jeweils an der Größe der Stadt oder des Kreises. Schließlich braucht es ein Echo in den Medien, die über die Ziele einer Fairtrade-Town und den Weg dorthin berichten sollen.

„Mit den fünf Kriterien erreichen wir eine Vernetzung unterschiedlicher Akteure auf kommunaler Ebene aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft“, sagt Lisa Herrmann, Leiterin der Kampagne bei TransFair in Köln. „Aus verschiedenen Bereichen und Blickwinkeln entstehen so neue Anstöße und Kooperationen.“ Ganz allgemein werde das Bewusstsein für fairen Handel in den Gemeinden und Kommunen gestärkt, daraus ergäben sich lokal vielfältige Ideen und Aktionen.

Am Anfang war die Skepsis groß

Wie zum Beispiel das „faire Frühstück“, das die Fairtrade-Town Charlottenburg-Wilmersdorf am 26. April ab 11 Uhr nun schon zum dritten Mal veranstaltet, diesmal auf dem Kläre-Bloch-Platz. Daran beteiligen sich Weltläden, Schulen, Gemeinden und weitere Initiativen und Institutionen. „Wir wollen mit dieser bunten Mischung auf die vielen Facetten des fairen Handels aufmerksam machen“, sagt Judith Siller, Koordinatorin der Steuerungsgruppe vor Ort.

Die Geschäftsführerin des Weltladens „A Janela“ in der Emser Straße war zunächst skeptisch, als der Bezirk sich als erster in Berlin 2010/2011 um die Auszeichnung als Fairtrade-Town bewarb. Doch ihre Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet, im Gegenteil: Es sei ein breites und parteiübergreifendes Bündnis mit engagierten Mitstreitern gewachsen, aus dem sehr viele Kontakte und Anregungen hervorgegangen seien, die es ansonsten nicht gegeben hätte.

300 Städte bis zum Jahresende

Als weitere Berliner Bezirke streben momentan Mitte und Pankow den Titel Fairtrade-Town an, wobei Mitte in der Bewerbung schon deutlich weiter ist und die Auszeichnung wohl in den nächsten Monaten bekommen wird. Seit dem Start der Kampagne im Januar 2009 haben aktuell 227 Städte oder Kreise den begehrten Titel erhalten. „Im Sommer werden wir auf jeden Fall die Zahl von 250 Städten erreichen, bis zum Jahresende werden es vielleicht sogar 300 Städte sein“, sagt Lisa Herrmann.

Besonders effektiv handeln Fairtrade-Towns, wenn sie ihre Wirtschaftsmacht als Kommunen entsprechend einsetzen. Inzwischen zeigen viele positive Beispiele aus ganz Deutschland, dass Fairtrade-Produkte bei der öffentlichen Beschaffung keineswegs die Budgets belasten müssen. Arbeitskleidung, Pflastersteine, Möbel – es gibt nur wenige Waren, die eine Stadtverwaltung nicht einkaufen muss. Etwa 360 Milliarden Euro gibt die öffentliche Hand jährlich für Waren und Dienstleistungen aus. Etwa die Hälfte davon entfällt auf die 11000 deutschen Kommunen.

Umfangreiche Informationen unter www.fairtrade-towns.de

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