Zeitung Heute : FAIRNESS, RESPEKT, TEAMGEIST: EIN MOTTO MACHT CHAMPIONS

DIE POELCHAU-OBERSCHULE VERBINDET ALS EINZIGE IHRER ART IM BERLINER WESTEN INTENSIVES LEISTUNGSSPORT-TRAINING MIT LERNEN – UND HAT SICH DAMIT ALS GESAMTSCHULE NEU ERFUNDEN

Am schwarzen Brett im ersten Stock der Poelchau-Oberschule hängen Zeugnisse mal anders herum: Einige Ehemalige haben E-Mails geschrieben: kaum Tadel, viel Lob. Zum Beispiel grüßen Radha, Janett, Lavinia und Lukas herzlich. Sie bedauern, dass sie es nicht zum Tag der offenen Tür im Dezember nach Charlottenburg geschafft haben. Und sie danken der Schule und ihren Lehrern. Auch Blazej hat gemailt: „Es war eine Ehre, an der Poelchau Unterricht zu haben.“ Drei Seiten lang ist seine Mail, in der er den jetzigen Schülern von seinen Erfahrungen berichtet. Gleich zu Anfang stellt Blazej der alten Schule die Bestnote aus: „Ich war, bin und werde immer ein Teil dieser Schule sein.“

Die besondere Bindung zwischen der Poelchau-Oberschule und den vielen aktuellen und ehemaligen Schülern liegt auch im Schulprofil begründet: Vor fast zwölf Jahren hat sich die Gesamtschule eine sportliche Prägung gegeben. Seitdem steht Sport im Mittelpunkt, und mit ihm haben auch sportliche Werte im Siebziger-Jahre-Bau am Halemweg Einzug gehalten: Fairness und Respekt, Teamgeist und die Lust, etwas zu leisten. „Früher waren wir eine problembeladene Schule“, sagt Rüdiger Barney, der die Schule seit 1997 leitet. Auch die Poelchau-Oberschule kämpfte lange mit Gewalt und Desinteresse der Schüler. Hinzu kam, dass die Schüler aufgrund der Lage an der U 7 aus vielen, zum Teil weit entfernten Bezirken zur Schule fuhren. Die Identifikation mit der Schule war gering, das Sportprofil sollte das ändern. Für Schulleiter Barney ist der Wandel gelungen: „Vieles hat sich zum Positiven gekehrt. Und das haben alle zusammen erreicht: Schüler, Eltern und Lehrer“, sagt der 60-Jährige.

Konsequent bauten die Verantwortlichen der Poelchau-Oberschule die Anfänge der Sportbetonung aus: Im Jahr 2001 wurde die Schule offiziell zur „sportbetonten Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe“, mithin zur vierten Berliner Sportoberschule überhaupt und zur ersten im Westteil der Stadt. Bis dahin war das Prinzip nur im Osten vertreten, wo junge Sportler auf der Köpenicker Flatow-Oberschule, dem Coubertin-Gymnasium in Prenzlauer Berg und der Hohenschönhausener Werner-Seelenbinder-Schule lernen und gleichzeitig für ihren Leistungssport trainieren konnten. Vor gut zwei Jahren folgte dann die Ernennung zur Eliteschule des Sports. Im vergangenen November feierte man die Aufnahme in den Kreis der Eliteschulen des Fußballs. Dadurch ist die Poelchau nun Teil der Talentförderungssysteme des Deutschen Olympischen Sportbundes und des Deutschen Fußball-Bundes. Dessen Sportdirektor Matthias Sammer war eigens nach Berlin gekommen, um die Feierstunde der ersten Berliner Fußballeliteschule zu besuchen.

Fußball ist auch die wichtigste Sportart: Gut ein Viertel der 800 Schüler haben Fußball als sogenannte Profilsportart gewählt, in der sie während der Schulzeit auf Leistungssportniveau trainieren können. Daneben gehören noch Rudern, Leichtathletik, Schwimmen und Wasserball, Moderner Fünfkampf und Hockey zu den Profilsportarten. Als die Poelchau-Oberschule mit der Sportbetonung begann, gab es noch zwölf weitere Sportarten. „Es war ein Spagat zwischen individueller Leistungsförderung und breitem Angebot“, sagt Schulleiter Barney. Ein erster Schritt auf dem Weg zur Hochleistungsförderung war daher die Reduzierung der Sportarten. Zuletzt wurde Basketball aus dem Programm genommen. Allerdings werden an der Poelchau-Oberschule noch vier so genannte Projektsportarten weitergeführt. So können auch weiterhin Tischtennis- und Tennisspieler, Tänzer und der Eishockeynachwuchs ihrem Sport nachgehen.

Für alle Sportarten gelten die gleichen Aufnahmebedingungen: Wer besonders gefördert werden will, braucht eine Empfehlung des Landes- oder des Vereinstrainers. „Wir sind auch Dienstleister für den Spitzensport“, sagt Schulleiter Barney. Soll heißen, dass wie an den anderen Berliner Sportschulen auch an der Poelchau-Oberschule nur erfolgsversprechende Talente besonders unterstützt werden. Mindestens einen Unterschied gibt es aber im Vergleich zu den Ostberliner Sportschulen: Kann ein Sportschüler seinen Sport etwa nach einer Verletzung nicht mehr weiter betreiben, muss er die Schule nicht unbedingt verlassen. Er kann sich dann auf sportnahe Bereiche spezialisieren, etwa in Kursen zu Sportmanagement, Schiedsrichterwesen oder Trainingslehre.

Die Leistungssportförderung sieht für alle Sportarten gleich aus: Montags ist generell trainingsfrei, damit sich die Schüler von den Wettkämpfen am Wochenende erholen. Von dienstags bis donnerstags trainieren sie vormittags in Gruppen – entweder als Start in den Schultag, von acht bis kurz nach neun Uhr oder nach den ersten Stunden Unterricht ab 10.15 Uhr. „Das Vormittagstraining setzt sozusagen das Sahnehäubchen auf das Vereinstraining“, sagt Rüdiger Barney.

Danach heißt es dann allerdings wieder: Schulbank drücken. Erst am Nachmittag, nach Unterrichtsschluss und Hausaufgabenbetreuung folgt die zweite Übungseinheit, diesmal im Heimatverein. Das Training während der Schulzeit leiten in den meisten Sportarten Trainer der Sportlandesverbände, im Fußball sind es Trainer von Hertha BSC oder Tennis-Borussia Berlin.

Damit die Sportschüler den schulischen Anschluss nicht verpassen, gibt es auch hier für sie besondere Angebote: Übers Internet können sie sich in Mathe, Deutsch oder Englisch Aufgaben und Lösungen herunterladen. Das ist besonders wichtig, wenn die Schüler in Trainingslagern oder auf Wettkämpfen sind. Ab März soll dieses E-Learning-Angebot weiter ausgebaut werden. „Wir wollen eine interaktive Plattform einrichten, die auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler zugeschnitten ist“, sagt Barney. Dann sollen die Schüler auch mit den Lehrern chatten können.

Außerdem gibt es noch den Individualunterricht, in dem versäumter Stoff nachgeholt wird. So sitzen an einer Tischgruppe vor dem Schulbüro regelmäßig einzelne Schüler mit ihren Lehrern und konjugieren spanische Verben oder pauken den Satz des Pythagoras. Es soll gewährleistet werden, dass die Sportschüler trotz der Konzentration auf den sportlichen Erfolg auch auf die berufliche Zukunft vorbereitet sind. Sie alle sollen ein „Champion in Life“ werden, ein Siegertyp fürs Leben, wie das Schulmotto lautet.

Der Ehemalige Blazej scheint diese Mentalität verinnerlicht zu haben. Sein Brief an seine Schule endet mit einem Aufruf: „Schüler der Poelchau-Oberschule, Ihr müsst kämpfen, um Eure Träume zu erreichen.“ Und das trifft wohl für alle Poelchau-Schüler zu, egal ob sie nun Fußballprofi oder Ruderweltmeister werden wollen, ob sie eine Ausbildung anstreben, oder ein Studium ihr Ziel ist.

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