Fall Zumwinkel : Wenn der Staatsanwalt zweimal klingelt

Ausgerechnet er. Der gute Kapitalist. Der Mann, dem Geld nie viel zu bedeuten schien, der sich um Arbeitsplätze sorgte und den Standort Deutschland. Klaus Zumwinkel soll eine Million Euro Steuern hinterzogen haben. Über die rätselhafte Verwandlung eines Vorzeigemanagers

Nils-Viktor Sorge[Tim Stinauer] Jürgen Zurheide
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Polizeiautos vor Klaus Zumwinkels Villa in Köln-Marienburg. -Foto: dpa

Es ist sieben Uhr morgens, als die Klingel schrillt, vor der Tür seiner Villa im Kölner Süden stehen Menschen, die es ernst meinen. In wochenlanger Arbeit haben sie vorbereitet, was gleich geschehen wird, und nur ein sehr kleiner Kreis war eingeweiht. Es verstreichen einige Sekunden, bis Klaus Zumwinkel die Tür öffnet. Vor ihm stehen Polizisten und Angehörige der Staatsanwaltschaft. Sie strecken ihm einen Haftbefehl und einen Durchsuchungsbefehl entgegen. Sie verschwinden im Haus eines der profiliertesten deutschen Manager, in den nächsten Stunden werden sie es auf den Kopf stellen. Sie sind auf der Suche nach Beweisen dafür, dass Klaus Zumwinkel, 64 Jahre alt, Chef der Deutschen Post, Multimillionär, im großen Stil Steuern unterschlagen hat, mithilfe einer Stiftung im Fürstentum Liechtenstein.

Zumwinkel, der Anti-Ackermann

Zumwinkel, ausgerechnet. Der mit 18 Jahren an der Spitze der Post dienstälteste Chef eines Dax-Unternehmens. Der Anti-Ackermann. Der gute Kapitalist vom Rhein, Kämpfer für den Mindestlohn im Postgewerbe. Es ist ein Bild, an dem er selbst maßgeblich mitgearbeitet hat, in seinem Konzern und in seiner öffentlichen Selbstdarstellung. Die Frage ist, was von diesem Bild bleiben wird. Denn die Ermittler durchsuchen nicht nur Zumwinkels Villa. Zur selben Zeit durchforsten Beamte sein Büro in der Bonner Zentrale der Deutschen Post.

Seit Monaten schon sollen die Fahnder Klaus Zumwinkel im Visier haben. Sie haben in den vergangenen Monaten ein Puzzle zusammengesetzt: Geldflüsse, Kontobewegungen – alle Indizien führten nach Liechtenstein. Etwa zehn Millionen Euro aus dem Privatvermögen von Klaus Zumwinkel sollen dort auf Konten von unterschiedlichen Stiftungen gelandet sein – vorbei an deutschen Finanzämtern. Seit den Achtzigern soll das schon so gehen, für den Fiskus könnte dabei ein Schaden von über einer Million Euro entstanden sein. Wie an diesem Morgen klar wird, haben sich gleich drei Behörden ausgiebig mit dem Postchef beschäftigt: federführend die Steuerfahndung Essen, außerdem die Kollegen der Steuerfahndung Düsseldorf. Die Strafverfolgung übernehmen Staatsanwälte aus Bochum.

Dass die Lage ernst ist, belegt ein weiterer Besuch in Zumwinkels Villa an diesem Tag. Kurz nach acht parkt ein Porsche vor der Einfahrt. Rolf Schwedhelm, Kölner Anwalt für Steuer- und Wirtschaftsrecht, steigt aus. Auf dem Beifahrersitz lässt er zwei handbeschriebene Blätter zurück. „Dringend“ steht auf einem, darunter die Handynummer eines Kripo-Beamten. Eine weitere Stunde später trifft der zweite Anwalt ein. Hanns Feigen. Er gilt als einer der renommiertesten Wirtschaftsanwälte, er hat in etlichen aufsehenerregenden Verfahren verteidigt: Großwerft Bremer Vulkan AG, Eschede-Unglück, Mannesmann-Prozess. Feigen gibt keinen Kommentar ab, er klingelt, spricht seinen Namen in die Gegensprechanlage. „Ist gut, aber kommen Sie bitte möglichst alleine rein“, antwortet eine Stimme.

Er war gegen Mitarbeiter, die nur die Rendite im Visier hatten

Es ist noch gar nicht lange her, dass Klaus Zumwinkel einen seiner größten Erfolge als Post-Chef feierte: auf seine Art, nüchtern. Kein Champagner, keine Fete, als er vor gut zwei Monaten im 40. Stock vor seine engsten Mitarbeiter trat, um ihnen mitzuteilen, dass er der Post die private Konkurrenz vorerst vom Leib gehalten hat. Zumwinkel teilte trocken mit, dass er mit seiner Lobbyarbeit in Berlin erfolgreich war und die Konkurrenz fortan hohe Mindestlöhne zahlen muss. Überschwängliche Siegergesten, sie hätten nicht zu Zumwinkel gepasst. Er genießt, wenn überhaupt, im Stillen. Sonst sorgt er sich darum, dass es dem Unternehmen, den Mitarbeitern und nicht zuletzt dem Standort Deutschland gut geht. So zumindest sieht er es. „Ich habe nur eine Seele, und die gehört meinen 500 000 Mitarbeitern“, hat Zumwinkel einmal gesagt. Wenn er die in Gefahr sieht, kann er sehr wütend werden – in Talkshows zum Beispiel. Da verengen sich dann die blaugrünen Augen zu Schlitzen, bedrohliche Kälte sollen sie ausstrahlen. Mitbewerber, die einzig ihre Rendite im Visier haben – verachtenswert.

Viele haben ihm das abgekauft. Gewerkschaftern galt Zumwinkel als Vorbildmanager. „Er ist einer der wenigen, die ein soziales Gewissen haben“, sagt etwa Verdi-Frau Andrea Kocsis, stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende bei der Deutschen Post. „Er hat sich immer glaubwürdig für die Mitarbeiter eingesetzt“, sagt ein anderer hoher Gewerkschafter. Dieses Wohlwollen kam nicht von ungefähr. Um knapp 18 Prozent stiegen die Gehälter allein 2002 bis 2007, von einem bereits hohen Niveau. Seine eigenen Bezüge rangieren im Vergleich mit Dax-Unternehmen im soliden Mittelfeld: 4,24 Millionen Euro sind es 2006 gewesen. Auf harte Arbeitskämpfe, die auch seine Bezüge hätten in den Fokus rücken können, ließ Zumwinkel es nicht ankommen. Lieber pflegte er sein ausgeklügeltes System des Gebens und Nehmens. Ein System, in dem alle im Konzern ihre Ruhe hatten und darauf setzen konnten, dass ein Handschlag unter Männern heftige Auseinandersetzungen unnötig machte.

Diese Taktik führte Zumwinkel nah an die Großen in der Politik. Ausgerechnet Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, den er nun geprellt haben soll, ist ein wichtiger Knoten in seinem eng gestrickten Netzwerk. „Ich bin im Moment mehr Politiker als Manager“, sagte Zumwinkel während des Streits um den Mindestlohn. Zugeständnisse machte er öfter. Die Währung, die in der Politik in solchen Fällen zählt, heißt Arbeitsplätze. So lief es bei der Standortfrage für das neue Luftfracht-Drehkreuz der Posttochter DHL: Während die Gäste beim Post-Fest im Berliner Postbahnhof feierten, besiegelten Zumwinkel, Kanzler Schröder und ein Gewerkschafter im Nebenzimmer den Bau am Flughafen Leipzig – zum Wohle des Standortes Deutschland, vorher war das Drehkreuz in Brüssel gewesen.

CDU und CSU zeigen Schadenfreude

Durch solche Schachzüge war Zumwinkel immer selbst nah dran, wenn die Spielregeln gemacht wurden, nach denen sein Unternehmen zu spielen hatte. Und er war gut darin, diese Spielregeln nach eigenen Vorstellungen mitzugestalten. Es ist jedoch ebenfalls noch nicht lange her, dass auch er gegen Regeln des Anstands verstoßen hat. Zumwinkel hatte die Post zu einem hochprofitablen Unternehmen gemacht. Als dann die Entscheidung für den Mindestlohn in der Postbranche fiel, stieg der Aktienkurs – und Zumwinkel verkaufte auf einen Schlag eigene Aktien am Unternehmen für 4,73 Millionen Euro. „Blöd gelaufen, da hat er wohl nicht groß drüber nachgedacht“, sagt ein Vertrauter.

Diese Verfehlung kam damals gar nicht gut an. Und vielleicht lässt sich so erklären, dass die Nachricht von der Razzia bei Zumwinkel am Donnerstag rund um den Reichstag und speziell im Lager von CDU und CSU eine Gemütsstimmung auslöst, die nur mit „Schadenfreude“ wiedergegeben werden kann. Amtlich und vor Fernsehkameras und Mikrofonen bewegen sich die Kommentare natürlich zwischen „kein Kommentar“ und Formeln, die auf das Gleiche hinauslaufen. Man wisse ja noch nichts Näheres, es gelte die Ermittlungen abzuwarten, die Unschuldsvermutung gelte zunächst einmal für jedermann und so weiter.

Etwas abseits des Amtlichen klingt das deutlich anders. Zumwinkel gilt in der Union als der Mann, der der Politik vermittels eines trickreichen Tarifvertrags mit dem Post-Mindestlohn einen teuren Deal eingebrockt hat. Das Verhältnis der Kanzlerin zum Sozialdemokraten Zumwinkel ist seither, gelinde gesagt, unterkühlt. Als Angela Merkel neulich vor dem Arbeitgebertag auftrat, gratulierte sie erst dem frisch gewählten Präsidium des Verbandes, um dann suchend in die Reihen zu blicken. „Wo ist denn der Herr Zumwinkel?“ Der Herr Zumwinkel, ebenfalls gerade frisch gewähltes Präsidiumsmitglied, war nicht da, und jetzt wusste es also jeder. So ist die Stimmung.

Staatsanwältin jung, aber sehr ehrgeizig

Die Ermittler sind dem Manager durch einen Zufall auf die Spur gekommen. Am Anfang stand ein anonymer Hinweis, den der Bundesnachrichtendienst vermittelt haben soll, er betraf allerdings nicht Zumwinkel selbst, sondern ein anderes Mitglied der Familie. Auch in diesem Fall hegen die Ermittler den Verdacht, dass Millionen am deutschen Fiskus vorbeigeschleust wurden und verschiedene Liechtensteiner Stiftung dabei sehr hilfreich waren. Das ist im Übrigen das Spezialgebiet der Bochumer Staatsanwälte. Die Truppe genießt bundesweit einen besonderen Ruf, die Beamten gelten in der eigenen Zunft als die „harten Hunde aus dem Revier“. Sie scheuen nicht davor zurück, auch gegen Prominente aus Politik und Wirtschaft vorzugehen; wer nicht kooperiert, landet rasch im Gefängnis.

So etwa als ein Anonymus den Anklägern 1997 brisante Interna über 400 Stiftungen und 150 deutsche Kunden des liechtensteinischen Treuhänders Herbert Batliner schickte. Der Mann mit besten Beziehungen zu den Mächtigen in Politik und Wirtschaft – er war und ist ein Freund von Helmut Kohl – hatte es verstanden, seiner vermögenden Klientel die Vorzüge des Fürstentums nahezubringen. Über Stiftungen haben seine Kunden dann Millionenbeträge über die Grenze geschafft. Batliner wurde dadurch selbst außerordentlich reich, dem Fiskus entgingen erhebliche Beträge.

Staatsanwältin Margit Lichtinghagen bereitete dem ein Ende. Die junge Staatsanwältin galt als ehrgeizig. Man übergab ihr die CD mit den Informationen und ließ sie ermitteln. Sie hatte Namen und Anschriften, weitere Details fehlten ihr aber. In Kleinarbeit knöpfte sie sich also all jene vor, die geglaubt hatten, unantastbar zu sein. Friedrich Karl Flick, Paul Schockemöhle, aber auch Halbprominente wie die Fernsehärztin Antje-Katrin Kühnemann kamen ins Visier der Staatsanwaltschaft. Das Ergebnis: Mehr als eine halbe Milliarde Euro sollen die Ermittler den Reichen genommen und dem Staat gegeben haben.

Zumwinkel soll die Post AG erstmal weiterführen

Jeder Zugriff der Bochumer wird lange geplant. Sie haben es sich auch angewöhnt, die örtlichen Behörden aus der Fahndung herauszuhalten. Deshalb wurden weder die Kölner Polizei noch die örtliche Staatsanwaltschaft über den bevorstehenden Zugriff informiert. Dass die Medien gelegentlich einen Tipp bekommen, zählt zur Strategie: Bewegte Bilder vom Zugriff wie im Fall Zumwinkel erhöhen den öffentlichen Druck auf potenzielle Delinquenten. In anderen Behörden rümpfen die Ermittler ob solcher Methoden schon mal die Nase. Die Bochumer verweisen dann stets auf ihre Erfolgsquote.

Es ist 12 Uhr 10, als zwei gepanzerte Mercedes-Limousinen mit Blaulicht durch das hölzerne Tor in die Einfahrt der Villa in Marienburg einbiegen. Ein Polizeibeamter im Anzug steigt aus dem ersten Fahrzeug, öffnet die hintere Tür und wartet. Fünf Minuten später tritt Klaus Zumwinkel aus dem Haus. Rechts neben ihm die Staatsanwältin Margrit Lichtinghagen, links Anwalt Hanns Feigen. Der Post-Chef nimmt auf der Rückbank Platz, dann rauschen beide Fahrzeuge davon, eskortiert von einem Polizeimotorrad. Erst später wird klar, dass Zumwinkel nicht verhaftet worden ist. Weil er schon eine Kaution in Millionenhöhe gestellt hatte, sind ihm die Staatsanwälte entgegengekommen. „Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wurde der Haftbefehl außer Vollzug gesetzt“, ließen die Fahnder ausrichten. Zumwinkel durfte gehen. Die Deutsche Post AG wiederum meldet: Zumwinkel soll die Geschäfte erst einmal weiterführen.

Mitarbeit: Robert Birnbaum und Hans Monath

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