Zeitung Heute : Fallschirm für den Botschafter

Der Tagesspiegel

Von Elisabeth Binder

Die Borer-Fieldings mögen polarisieren, sich glühende Feinde wie enthusiastische Freunde machen, in die PR-Branche brächten sie wahrscheinlich die Sprengkraft eines Urknalls ein. Die Firma Swatch warb in der gestrigen FAZ mit einer ganzseitigen Anzeige um den umstrittenen Landsmann: „Werden Sie Botschafter im 27. Kanton.“ Stellenprofil: „Eine Geisteshaltung voller Lebensfreude, positiver Provokation, Fantasie, Leidenschaft und Emotionen.“

Doch kaum waren in der vergangenen Woche die ersten dicken Tränen den Berliner Boulevard heruntergekullert über den Verlust des ebenso fotogenen wie mitspielwilligen Schweizer Diplomatenpaars, setzte die Gerüchteküche auch schon Hoffnungsschimmer für all diejenigen, die die Geschichte vom Botschafter und seiner glamourösen Frau auch an der Spree weiterhin live und aus nächster Nähe verfolgen wollen. Immerhin, wann hat es das je gegeben: eine Meinungsumfrage zur Abberufung eines Botschafters. Das Emnid-Institut fand heraus, dass mehr als die Hälfte aller Deutschen die Abberufung falsch fand, darunter besonders viele unter 29-Jährige und besonders viele Ostdeutsche. Vielleicht sollte man mal eine Umfrage machen, wie viele Botschafter die unter 29-Jährigen aus dem Stegreif aufsagen können.

In Dallas haben Thomas Borer und Shawne Fielding sich einst kennen- und lieben gelernt, und wie ein Cliffhanger à la „Dallas“ wurde die drohende Versetzung dann auch gehandelt. Erst traten einige Koryphäen der Berliner Gesellschaft auf, um zu versichern, dass sie die beiden nie, nie, nie von den Gästelisten streichen, sie zur Not auch einfliegen lassen wollten. Dann drifteten die Konversationsspiele in eine neue Richtung. Warum muss der Botschafter überhaupt gehen? Dass sich der in einem konservativen Umfeld unbequeme Diplomat nun auf Dauer im Büßerhemd zum Aktenstudium nach Bern zurückzieht, konnte sich sowieso niemand recht vorstellen, und auch die schöne Shawne ist eine viel zu passionierte Schauspielerin, als dass sie es im Hochgeschlossen-Look länger als eine Saison aushalten könnte.

Also ab mit den beiden in die Privatwirtschaft. Thomas Borer mag in den letzten Jahren die Grenzen der Diplomatie ausgelotet haben, bis es auf der Alm quietschte, aber er hat das Prinzip der Public Diplomacy doch in einer Art und Weise über die Grenzen hinaus geschossen, die letztendlich zu Fortschritten führen dürfte. Außerdem hat er das für viele Länder äußerst leidige Thema der Rolle unbezahlter Diplomatenfrauen mit viel, manche meinen zu viel Schwung ins Rampenlicht gebracht. Das passt zu einem Uhrenunternehmen, aber auch als Repräsentant einer großen Bank könnte er dem Glanz des Geldes im Verein mit Shawne ein bisschen appetitliches Las-Vegas-Glitzern verleihen und würde noch genug verdienen, um einen Lebensstil à la „Dallas“ bestreiten zu können. Jenseits des Scheinwerferlichts der Boulevardpresse hat er sich in Berlin zudem einen Ruf als talentierter Sammler von Sponsorengeldern und Veranstalter anspruchsvoller Wirtschaftsseminare gemacht. Na also, es gibt inzwischen keine Institution mehr, die ohne auskommt. Zwar ist der Posten des Kultursenators gerade besetzt, aber Geldsammler von einigen Gnaden treiben heute jedem Headhunter die Gierfäden in die Mundwinkel. Wo wird Geld dringender gebraucht als in der Stadt, die im Milliardenloch zu ertrinken droht? Gibt es eigentlich einen Senatsbeauftragten „Sammeln für Berlin“?

Zum „verwegenen Menschenschlag“, der sich seit Goethes Zeiten in Berlin nicht grundsätzlich geändert hat, passt der experimentierfreudige Botschafter jedenfalls so gut wie die lebensdurstige Shawne. Innerhalb kürzester Zeit ist sie zu einer Art Kühlerfigur des neuen Glitzer-Berlins geworden, von dem man nie genau weiß, ob es nun auf einem Vulkan tanzt oder doch auf besonders dünnem Eis. Auch daraus ließe sich was machen. Haben wir eigentlich schon eine Miss Werbe-für-Berlin, die den Eindruck erweckt, dass sie sich in Perlenkette und Strapsen gleichermaßen wohl fühlt? Wenn Shawne mit ihrem Cheerleader-Schwung richtig loslegte, würden US-Besucher bald strömen wie zu besten Mauerzeiten.

Aber vielleicht ist es ja schon zu spät, die beiden noch anzuheuern. Guido Westerwelle gehörte in der vergangenen Woche zu jenen, die sich besonders kräftig in die Brust geworfen haben für den zurückbeorderten Botschafter. Waren solche Worte womöglich ein elegant überreichter Fallschirm zur sanften Landung in der deutschen Politik? Zur Wiederbelebung der Spaßgesellschaft in diesen ernsten Zeiten werden kreative Geister dringend gebraucht. Und dass er liberal bis zur Schmerzgrenze sein kann, hat Thomas Borer dem Publikum oft genug bewiesen.

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