Zeitung Heute : Falsch beleuchten

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Sache in einem anderen Licht betrachten, sagt man, wenn man sie noch mal ganz neu bewertet. Wie wichtig das richtige Licht ist, wissen auch die Mode-Experten von H&M am Potsdamer Platz. Die haben in ihre Ankleidekabinen Lichtschalter eingebaut, mit denen man zwischen „Tageslicht“, was eher grell ist, und „Indirekte Beleuchtung“, die eher gnädig ist, wählen kann. Man probiert also die erwählten Kleidungsstücke zunächst bei indirekter Beleuchtung und wenn Aussicht besteht, dass sie auch genauerer Prüfung standhalten, dann drückt man auf „Tageslicht“.

Auch außerhalb des Geschäfts ist Licht fast alles. Der Potsdamer Platz, der tagsüber wie eine etwas künstliche, aber dennoch lustig-belebte Einkaufszone daherkommt, verzieht bei Dunkelheit sein Gesicht. In der Alten Potsdamer Straße, die den Platz quer durchschneidet, sammeln sich dann die Krähen, die letzten, die noch immer nicht zurück wollen nach Russland, dahin, wo sie herkommen. Stumm sitzen sie dort oben auf den kahlen Ästen und ihre Schatten heben sich schwarz ab gegen den immer flirrenden Himmel über dem Platz und gegen die beleuchteten Hochhauswände. Unheimlich fand ich sie, wie sie da so unbeweglich saßen, und ich musste an den Hitchcock-Film denken, als die Vögel plötzlich Menschen angriffen. Und an das eine Mal, als ich an der Küste einer Seemöwe Auge in Auge gegenüberstand und dann die Flucht ergriff, weil ihr Schnabel so gewalttätig aussah. Während ich da stand und guckte, machte es „platsch“ neben mir, und noch mal „platsch“ etwas leiser, und was sich nicht unters nächste Vordach flüchtete, wurde bekleckert: der Boden und die vielen Autos, die dort geparkt waren. Ich lief die Straße entlang, Richtung Ebertstraße, und kam vorbei an den gigantischen Bahnhofseingängen, die so grell leuchten, dass man nicht glauben will, dass dort nur eine S-Bahn langfährt. Die Eingänge sehen aus, als führten sie mindestens zu einem internationalen Flughafenknotenpunkt. Dahinter erheben sich nebeneinander das Ritz Carlton und das graue Hochhaus der Delbrück Bank, das burgenartige Zacken auf dem Dach hat und noch unbewohnt ist, weshalb seine Fenster wie tote Augen ins Nichts starren. Vielleicht würden ein paar Kerzen helfen?

Vorm Ritz Carlton liegt Teppich und die Türen gehen automatisch auf. Drinnen ist es warm und hell und viele schwarz gekleidete Angestellte bieten Hilfen an. Sie zeigen einem den Weg, nehmen die Jacke ab, bringen die Karte. Ich ließ mich an der Bar nieder und bestellte ein kleines Bier – zu dem zugegebenermaßen auch etwas unheimlichen Preis von fünf Euro. Dafür bekommt man auf einer Etagere Nüsse, Oliven und Käsehäppchen gereicht. Als ich gerade anfing, mich auf dem Barhocker wohl zu fühlen, da kam ein Mann mit einer jüngeren, dünn bekleideten Frau herein. Sie quetschten sich auf eine Bank. Eine Kellnerin wollte dem Mann die Jacke abnehmen, aber der winkte ab: „Da ist zu viel Geld drin“, sagte er und lachte laut. Das fand ich auch ein bisschen unterbelichtet.

Wer die Krähen in der Alten Potsdamer Straße sehen will, muss sich beeilen. Laut Naturschutzbund Nabu ist längst Abflugzeit.

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