Zeitung Heute : Falsch geschaltet

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Jan Dirk HerbermanN, Zürich

Wer hat das Inferno vom Bodensee zu verantworten? War der Zusammenprall der russischen Chartermaschine und der DHL-Boeing vermeidbar gewesen? Jetzt rekonstruieren deutsche und Schweizer Ermittler das blutige Drama. Klar ist: Während der verhängnisvollen Nacht wurden im Zürcher Kontrollturm Fehler begangen. Möglicherweise Fehler, die tödliche Folgen für 71 Menschen hatten. Selbst der Sprecher von Skyguide, der schweizerischen Luftüberwachungsfirma, Patrick Herr, gesteht ein: „Es ist alles schief gelaufen, was schief laufen konnte.“ Zudem lassen die Skyguide-Verantwortlichen die Wahrheit nur stückchenweise an die Öffentlichkeit. So bestätigte die Firma erst rund 36 Stunden nach der Katastrophe, dass die Automatik zur Warnung vor Flugzeugkollisionen nicht in Betrieb war – wegen Wartungsarbeiten. Diese Tätigkeiten würden in verkehrsarmen Zeiten durchgeführt, erklärt Herr. Der Ausfall hätte nur einige Stunden gedauert und die Fluglotsen seien informiert gewesen.

„Eine kurze Pause eingelegt“

Verkehrsarm war die Zeit am Montag zwischen 23 Uhr und 24 Uhr tatsächlich: Nur fünf Flugzeuge sollen sich im Schweizer Luftraum befunden haben. Dennoch prallten zwei Jets zusammen. Eine Erklärung: Die Warnung, die vom Zürcher Tower an den Piloten der russischen Maschine ging, war schlicht zu kurzfristig: 50 Sekunden. Zwar bezeichnen Skyguide-Vertreter die Zeitspanne als „nicht unverantwortlich". Experten wie der Schweizer Luftfahrt-Autor Sepp Moser sprechen hingegen von „Instruktionen ohne Zeitreserve". Und das, obwohl der Dienst habende Lotse mindestens fünf Minuten vor dem Zusammenprall wusste, dass die beiden Maschinen auf gleicher Höhe fliegen. Zudem reagierte der russische Pilot mit erheblicher Verzögerung.

Schwer begreiflich bleibt auch, warum der Überwacher nicht die Boeing-Crew auf die Gefahr aufmerksam machte. Die Piloten des Frachtflugzeuges seien nicht informiert worden, bestätigte Anton Maag, Chef des Aera Control Centers Zürich. Lag es daran, dass der Zürcher Lotse alleine die Flüge koordinierte? „Der zweite Lotse hatte eine kurze Pause eingelegt“, sagt Herr. „Das ist absolut nicht ungewöhnlich." Maag sagte dagegen dem Schweizer Radiosender „DRS“ am Dienstag, die Pause des zweiten Fluglotsen zum Zeitpunkt der Katastrophe sei vorschriftswidrig gewesen. Gemäß interner Weisung müssten beim Ausfall des Kurzfrist-Kollisionswarnsystems STCA (Short Time Collision Warning) stets zwei Fluglotsen am Arbeitsplatz sein. Maag schloss nicht aus, dass die Pause des zweiten Fluglotsen mit ein Grund für die Flugzeugkollision gewesen sein könnte. Noch wird der Unglücks-Lotse von Ärzten behandelt, wegen eines schweren Schocks konnte er von den Ermittlern bisher nicht vernommen werden.

Wann die Recherchen der Braunschweiger Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung und eines Schweizer Teams abgeschlossen sind, ist völlig offen. „Solche Arbeiten können Jahre dauern“, sagt Herr. So existiere bis heute noch kein Bericht über die Swissair-Katastrophe vor Halifax: 1998 starben 200 Menschen bei einem Absturz im Atlantik.

Intern bereiten sich die Skyguide-Chefs jedoch schon auf eine Strafuntersuchung vor. Auch Schadensersatzklagen der Hinterbliebenen dürften auf das Genfer Unternehmen zukommen. Dennoch: Die privatrechtliche Firma, die fast vollständig dem Schweizer Staat gehört, will so weitermachen wie bisher. Beim Arbeitsablauf und bei der Größe der Teams soll nichts geändert werden.

Staatsvertrag gescheitert

Im Berliner Verkehrsministerium werden die beginnenden Abwehrmaßnahmen von Skyguide unterdessen genau beobachtet. Immerhin regeln Schweizer seit Jahrzehnten auch Flugbewegungen über der Bundesrepublik. Nachdem aber das Parlament vor gut zwei Wochen den Staatsvertrag mit Berlin über den Luftverkehr abschmetterte, reagierte Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig (SPD) prompt. Er wies die Deutsche Flugsicherung (DFS) an, „alle Vorbereitungen für die Rückübertragung der Flugsicherung über deutschem Gebiet zu treffen". Da das Abkommen tatsächlich kurz vor dem Aus steht, dürften in Zukunft eidgenössische Lotsen nicht mehr in den deutschen Flugraum hineinfunken.

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