Zeitung Heute : Falsch verbunden

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Von Antje Sirleschtov

und Corinna Visser

Kontinuität sieht anders aus. Wenn heute Nachmittag um 15 Uhr in Bonn die Mitglieder des Aufsichtsrates der Deutschen Telekom zu ihrer wohl wichtigsten Beratung zusammenkommen, dann wird der Staatssekretär im Finanzministerium, Heribert Zitzelsberger, für den Bund mit am Tisch sitzen. Und das, obwohl eigentlich sein Kollege Manfred Overhaus in den vergangenen Wochen faktisch die Interessen des Bundes bei der Telekom vertreten hat. Zwar ist Zitzelsberger im Auftrag des Bundesfinanzministeriums offizielles Mitglied in dem Kontrollgremium. Doch Overhaus, verantwortlicher Staatssekretär für den Bundeshaushalt, musste in die Bresche springen, weil Zitzelsberg seit Monaten krankheitsbedingt seine Amtsgeschäfte nicht in vollem Umfang wahrnehmen konnte.

So soll der „Mann hinter Eichel“, wie Overhaus genannt wird, mit den Mitgliedern des Aufsichtsrats-Präsidiums über die Personalie des Vorstandschefs Ron Sommer diskutiert haben. Und er soll den Aufsehern des Unternehmens, an dem der Bund mit 43 Prozent beteiligt ist, auch das Votum von Kanzler Gerhard Schröder und Finanzminister Hans Eichel überbracht haben: Sommer muss weg.

Welcher der beiden Staatssekretäre die Nachricht aber in die Telekom-Zentrale überbringen und am Ende auch abstimmen wird, ist für die Beantwortung der Frage, wer schuld ist an dem Debakel um die Führung der Telekom, letztlich jedoch zweitrangig. Denn die politische Verantwortung trägt ihr Chef – der Bundesfinanzminister. Schon vor einem knappen Dreivierteljahr, heißt es jetzt nicht nur in sozialpolitischen Führungskreisen, hätte Eichel absehen müssen, dass angesichts von 2,7 Millionen deutschen Kleinaktionären ein dauerhaft tiefliegender Kurs der T-Aktie im Wahlkampf bedeutungsvoll werden könnte. Auch im Kanzleramt wird nun diplomatisch von der Rolle des Kanzlers abgelenkt. Während sich Schröder noch im Frühjahr demonstrativ hinter den Telekom-Manager Ron Sommer gestellt hat, heißt es jetzt nur noch, die Verantwortung für das Beteiligungsunternehmen Telekom liegt beim Finanzministerium. Und über die Personalie Sommer entscheide der Aufsichtsrat.

Gewiss: Die Bundesregierung muss sich bei unternehmerischen Entscheidungen der Telekom zurückhalten. Das Unternehmen ist an den internationalen Börsenplätzen gelistet, und dort verbitten sich die Kapitalgeber jede politische Einmischung. Beim Kauf des amerikanischen Unternehmens Voicestream war das sogar eine der wichtigsten Voraussetzungen des Deals. Dennoch forderten nicht nur der Bundesrechnungshof, sondern auch die Mitglieder des Haushaltsausschusses im Bundestag Eichel in der Vergangenheit immer wieder auf, die Entwicklung des Unternehmens nicht aus dem Auge zu verlieren. Nicht zuletzt schon deshalb, weil die Privatisierungserlöse der verbleibenden 43 Prozent der Telekom in den kommenden Jahren fest gebuchter Bestandteil des Haushaltes sind. An Gelegenheiten zur diplomatischen Einflussnahme für Eichel hat es nicht gefehlt. Schon im März war klar, 2001 hat das Sommer-Unternehmen einen Verlust von 3,5 Milliarden Euro erzielt – und die Dividende musste von 62 auf 37 Cent pro Aktie gekürzt werden. Einnahmeausfall für Eichel: 450 Millionen Euro. Bereits zu diesem Zeitpunkt, sagen heute die Kritiker in den eigenen Parteireihen, hätte Eichel absehen müssen, dass nicht nur der Bund die gekürzte Dividende bedauert, sondern auch die Klein-Aktionäre. Doch die Sparaktion des Konzerns ist seinerzeit offenbar völlig am Finanzministerium vorbeigegangen. „Nicht abgestimmt“, wunderte sich ein Sprecher Eichels über die Nachricht aus Bonn. „Wo war Hans Eichel“, fragt heute einer aus der SPD-Führungsmannschaft.

Angesichts des wachsenden Unmutes der Kleinaktionäre wundern sich die Genossen jetzt auch über die zögerliche Kritik aus dem Finanzministerium, als sich der TelekomVorstand ein paar Wochen später um gut 90 Prozent höhere Gehälter genehmigte. In einer Talkshow hatte Eichel im Mai auf die Frage, ob er ein solches Verhalten angesichts des Vermögensverlustes aus dem Kursrutsch der Aktie nicht ungebührlich finde, achselzuckend die Opposition dafür verantwortlich gemacht, seinem Haus in den neunziger Jahren im Zuge der Erstemission nicht mehr Mitspracherechte im Aufsichtsrat verschafft zu haben. Dass die Rolle des Finanzministers, dessen Haus nun zum Dreh- und Angelpunkt einer viel kritisierten Personalkampagne um Telekom-Chef Sommer wird, ein gefundenes Fressen für die Union ist, versteht sich beinahe von selbst. „Dilettantisch und stümperhaft“ nennt CDU-Chefin Angela Merkel das Agieren der Bundesregierung. Herausgekommen sei ein Debakel für die Telekom auf dem Rücken der Kleinaktionäre.

Wie auch immer der Aufsichtsrat über die Zukunft von Sommer entscheiden wird, der Wirbel um die Abberufung des Vorstandschefs hat dem Unternehmen bereits schwer geschadet. Vor allem im Ausland irritiert es die Anleger, dass die deutsche Regierung sich so massiv in die Belange eines privatisierten Unternehmens einmischt. Auch wenn die Börse noch positiv auf die Spekulationen über eine baldige Ablösung von Sommer reagierte, der massive Kursverfall am Montag zeigt deutlich, dass die Stimmung sich gewandelt hat. Der Kapitalmarkt hat offenbar kein Vertrauen in den Kandidaten Gerd Tenzer. Denn Tenzer, der bisherige Technik-Vorstand, ist international ein unbeschriebenes Blatt.

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