Zeitung Heute : Falsche Experimente mit Schülern?

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Zu: „Kein deutsches ABC mehr für ausländische Schulanfänger?“ vom 17. Mai 2002

Herr Ramseger schlägt vor, die Schüler in ihre jeweiligen Ethnien zu separieren. Türken, Araber, Serbokroaten, Russen usw. sollen demnach abgesondert von den deutschen Kindern zunächst in ihrer „Muttersprache“ von angeworbenen Lehrern aus dem Ausland alphabetisiert werden. Aber: Die Migrantenkinder müssen die Möglichkeit erhalten, so früh wie möglich mit deutschen und Kindern anderer Herkunft in Kontakt zu kommen, um sich aus der oft abgeschotteten Atmosphäre ihrer Ethnie in die Gesellschaft zu integrieren. So wird auch ihr Spracherwerb erleichtert. Der Erwerb der „Muttersprache“ ist Aufgabe der Familien und der ethnischen Communities.

Aus eigener Erfahrung kann ich nachweisen, dass eine Förderung von Migrantenkindern beim Erwerb der deutschen Sprache, bei der Hilfe von Schularbeiten usw. mit deutschen Kindern funktionieren kann und dabei nicht einmal teuer sein muss.

Auf dem Rücken von Migrantenkindern und deren Familien sollten keine Experimente mehr gemacht werden. Um den Schülern, die ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben und auch in Zukunft haben werden, eine echte Chance zu geben, muss alles getan werden, ihnen auch von Anfang an die Sprache dieses Landes zu vermitteln.Eberhard Schwartz (Sozialpädagoge)

Berlin-Schöneberg

Sehr geehrter Herr Schwartz,

Pisa und die amtliche Schulstatistik belegen nachdrücklich, dass unsere ausschließlich deutschsprachigen Grundschulen bei der Förderung von Migrantenkindern katastrophal versagen. Kein Wunder: Unterricht und Erziehung vollziehen sich vorrangig im Medium der Sprache. Ein Kind, das die Unterrichtssprache nicht hinreichend versteht, ist da von vornherein auf verlorenem Posten. Dies gilt umso mehr, wenn es sich auch noch das System der Schriftkultur in der Fremdsprache Deutsch aneignen soll.

Studien aus den klassischen Einwanderungsländern zeigen eindeutig, dass der Erwerb der jeweiligen Nationalsprache schneller und sicherer erfolgt, wenn der Prozess der Alphabetisierung zunächst in der Muttersprache begonnen und die Nationalsprache gleichzeitig gelehrt wird - und zwar nach einer ausgewiesenen Fremdsprachendidaktik! Der überkommene Deutschunterricht in multilingualen Grundschulklassen reicht nicht.

Ich habe nicht dafür plädiert, die Migrantenkinder von den deutschen Schülern zu trennen, sondern die Preisgabe multilingualer Lerngruppen zu Gunsten durchgängig zweisprachiger Lernangebote vorgeschlagen ( http://www.fu-berlin.de/abp/aktuell.html ). Das geht ohne weiteres auch in multiethnischen Schulen, zumindest für die vier oder sechs größten Migrantensprachen, wenn es einen begrenzten Schüleraustausch bei den kleineren Sprachgruppen zwischen benachbarten Schulen gäbe.

Im Hinblick auf die Sprachförderung gibt es aber kein Einheitsmodell und auch keine gute Lösung für alle Kinder. Dazu sind die Voraussetzungen, wie Sie zu Recht andeuten, zu unterschiedlich. Wir könnten allerdings die Bildungsbenachteiligung zumindest eines Teils der Migrantenkinder an einigen Brennpunktschulen mit erprobten Konzepten bilingualer Erziehung spürbar mildern. Wenn es jedoch an diesen Schulen schon heute gar nicht mehr genügend deutsche Kinder für alle Grundschulklassen gibt, hat das gar nichts mit meinem Vorschlag, sondern mit sozialer Entmischung zu tun, die längst stattgefunden hat. Das ändert nichts an der Notwendigkeit bilingualer Unterrichtsangebote. Die Hoffnung, dass das polnische Kind vom türkischen Kind Deutsch lernt, wenn Deutsch für beide eine Fremdsprache ist, halte ich für widerlegt.

Prof. Dr. Jörg Ramseger (FU Berlin)

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