Zeitung Heute : Falsche Soldaten bewundern

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Till Hein

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Mit meinem Kumpel Vischi schaute ich in Basel nachmittags gerne an der Uni vorbei. Unser Hobby war das Jura-Studenten-Watching. Was haben wir gelacht! Jungs, mit denen wir eben noch auf dem Schulhof Fußball gespielt hatten, trugen plötzlich Anzug und Aktenköfferli. Sie sahen aus wie sehr wichtige Playmobil-Figuren. Eine ulkige Sippe!

In Berlin erfuhr ich nun mit Schrecken, dass ich hier einen Cousin habe, der ebenfalls Jurist ist. Ganz schön peinlich. Zum Glück ist R. aus Neukölln trotzdem in Ordnung und wahrscheinlich arbeitet er daher auch nicht als Notar, sondern als Arier.

Dank seiner blonden Haare und blauen Augen verdient R. derzeit 60 Euro pro Tag. Allerdings kann er bei diesem Job sein Fachwissen und seine Sprachkenntnisse (Spanisch, Russisch, Französisch, Englisch, Chinesisch) leider nicht anwenden. Es ist eine stumme Tätigkeit. Ein Regisseur suchte „arische Typen“ und „echte Griechen“ als Statisten. Auf den Film bin ich schon sehr gespannt.

Die Begegnung mit J. hat mein Juristen-Bild endgültig zum Kippen gebracht: Seit dem Examen überlegt sie ständig, ob sie lieber als Punkrockerin, als Surfweltmeisterin, als Rallyefahrerin, als Dichterin oder doch lieber als Anwältin berühmt werden soll. Ihr Problem sei, dass sie für alles Talent habe, sagt J. Nicht übel. Ich habe eher das Talent, mit allem Probleme zu haben. Vielleicht hätte ich auch besser Jura studiert?

Traurig, dass J. jetzt aus Berlin weggezogen ist, obwohl hier so ein hervorragendes Pflaster für Rechtsgelehrte ist. Besonders arisch sieht sie zwar nicht aus. Aber als Griechin wäre garantiert was gegangen! Und sicher hätte J. diesen Brief vom Steueramt verstanden: „Aufwendungen für ein häusliches Arbeitszimmer sowie die Kosten der Ausstattung sind seit dem 01.01.1996 grundsätzlich weder als Betriebsausgaben noch als Werbungskosten abzugsfähig (§ 4 Abs. 5 Nr. 6b EstG).“ Und weiter: „Bitte bei erstmaliger Antragsstellung eine Skizze der Wohnung/des Hauses beifügen!“ Geld krieg ich keins und zeichnen muss ich dafür auch noch?

Zum Glück habe ich das Zeichnen im Blut, denn mein Großvater war Kunstmaler. Er war es auch, der mir vom achten Weltwunder berichtete. Mit leuchtenden Augen zeigte er mir anno 1974 die Fotos der neu entdeckten Terrakotta-Armee aus China: Tausende von lebensgroßen, bewaffneten Tonfiguren hat der erste Kaiser von China mit ins Grab genommen. Und dieses Weltwunder ist jetzt im Palast der Republik zu sehen! „Die meisterhaft gefertigten originalen Nachbildungen aus China werden Sie begeistern!“, heißt es im Internet (www.terrakottaarmee.de). Ausgestellt sind allerdings nicht etwa die Original-Figuren (also die „originalen Nachbildungen“ der Soldaten aus Fleisch und Blut) sondern garantiert echte Kopien. Ob das juristisch okay ist?

Neulich habe ich an dieser Stelle gefordert, den Palast der Republik zu erhalten. Das war ein Fehler: Ihr könnt die Hütte jetzt ruhig langsam platt machen!

Und, liebe Freunde vom Steueramt: Wenn ihr mich weiterhin so ärgert, studiere ich Jura und lass’ euch alle einsperren.

Die Terrakotta-Armee, noch bis 27. Juni, täglich 10 bis 20 Uhr im Palast der Republik, Schloßplatz 1 .

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