Zeitung Heute : Familiäre Verhältnisse

12 von 439 Kreisen in Deutschland gelten als besonders kinderfreundlich. Wo lebt es sich für Familien am besten?

Andrea Dernbach

Wenn es nur darum ginge, wo Familien am besten leben können – ungeachtet persönlicher Bindungen oder vorhandener Arbeitsplätze –, dann gäbe es eine große Auswahl zwischen Alpen und Meer, Rhein und Erzgebirge. Zu den „Topregionen“, die das Basler Prognos-Institut für das Bundesfamilienministerium ermittelt hat, zählen der nördlichste Zipfel Deutschlands genauso wie Bernkastel an der Mosel, die fränkische Universitätsstadt Erlangen, Garmisch-Partenkirchen oder der Südschwarzwald. Familien müssen allerdings aufpassen: Top ist auf der Deutschland-Karte zum Beispiel Tübingen. Wer dagegen ins angrenzende Böblingen gerät, wäre schon in einer der „passiven Regionen“ Deutschlands, zu denen nach Ansicht der Forscher immerhin 63 westdeutsche Stadt- und Landkreise gehören: Sie engagieren sich eher unterdurchschnittlich, um attraktiv für Familien zu werden und leiden dazu noch an unattraktiven Rahmenbedingungen, vor allem einem unterdurchschnittlichen Arbeitsmarkt.

Was wurde gemessen?

Der Familienatlas kartiert die deutsche Landkarte nach regionalen und kommunalen Stärken und Schwächen, im Grunde nach Lebensqualität, soweit diese von kommunaler Politik beeinflussbar ist. Dabei wurden vier Handlungsfelder festgelegt: Was wird für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie getan, wie sieht es mit gutem und bezahlbarem Wohnraum aus, wie mit Schule und Ausbildung und wie mit Freizeitangeboten? Unter „Rahmenbedingungen“ bewerteten die Forscher demografische Faktoren – Geburtenrate, Altersstruktur, Ab- und Zuwanderung – und den Arbeitsmarkt der Städte und Kreise.



Dynamischer Osten

Das möglicherweise überraschendste Ergebnis der Studie: In den östlichen Ländern wird am meisten getan, um junge Leute und Familien zu halten oder anzuziehen. Die Studie zählt – mit wenigen Ausnahmen (siehe Karte) – im gesamten Osten nur „engagierte Regionen“, dazu sogar eine „Topregion“: Potsdam. Wenn es um Betreuungsangebote und die Chancengleichheit von Männern und Frauen geht, nennt das Ranking auf den ersten 25 Plätzen nur ostdeutsche Städte und Kreise, ebenso im Punkt „Bildung und Ausbildung“, bei dem Klassengrößen, Unterrichtsstunden und das Verhältnis von Schülern pro Lehrer gemessen wurden. Das hat nicht nur mit dem traditionell guten Betreuungsangebot im Osten zu tun, sondern auch damit, dass viele Kommunen und Landkreise auf die Westabwanderung nicht reflexartig reagiert und Schulen geschlossen haben. Als Folge könnten sich Lehrer nun mit weniger Schülern umso intensiver beschäftigen, sagte Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) bei der Vorstellung des „Familienatlasses“. Und DIHK-Präsident Ludwig-Georg Braun verwies auf die Vorteile für Unternehmen, wenn sie besser ausgebildete Schulabgänger einstellen könnten. Wenn zur Familienfreundlichkeit noch eine gute Wirtschaftsförderung komme, dann könne „die Trendumkehr gelingen“, sagt Leyen. Genau da liegt freilich das Problem: Was den Arbeitsmarkt angeht, liegen nahezu sämtliche Kreise im Osten im unteren Drittel.

Familienpolitisch schlecht ist die Lage vor allem im äußersten Westen der Republik – jedenfalls wenn’s ums Hausgemachte geht: Zu den sogenannten passiven Regionen zählt die Studie 50 Prozent der Kreise in Nordrhein-Westfalen, dem größten Flächenland. Die Studie bemängelt auch hier ein mangelndes Engagement der Kommunen: Schwächen bei Bildung und Ausbildungsangebot, Wohnraum und vor allem der Kinderbetreuung. Hier blieben viele Westregionen „deutlich hinter ihren Möglichkeiten zurück“, heißt es im Bericht.

Stadt oder Land?

Hier gibt es weder im Westen noch im Osten wirklich Neues: Das uralte Stadt-Land-Gefälle hält sich auch dann, wenn die Familienfreundlichkeit gemessen wird. „Stadt Ost“ ist familienfreundlicher als „Land Ost“. Dort wiederum wird immer noch mehr für junge Berufstätige getan als in den besten Städten im Westen. Die ihrerseits liegen „signifikant“, wie es in der Studie heißt, vor den westdeutschen Landkreisen. Hier gibt es einen Platz im Spitzenfeld für Berlin: ein gesamtdeutscher Rang 35, vergleichbar mit Leipzig und Dresden. Die größten westdeutschen Städte bringen es dagegen unter den 439 Kreisen nur ins obere Mittelfeld.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!