Zeitung Heute : Familienbande

Er ist einer der erfolgreichsten Filmproduzenten Deutschlands. Mit „Good Bye, Lenin!“ und „Lola rennt“ hat er Kinogeschichte geschrieben. Aber das Risiko dreht immer noch bei jedem Film mit

Henrik Mortsiefer

Für Stefan Arndt beginnt der Arbeitstag wie eine Fahrt zum Standesamt. „Reservierte Parkplätze nur für Brautpaare“ steht auf dem Schild an der Toreinfahrt zur Kurfürstenstraße 57. Hier, im ehemaligen Standesamt des Bezirks Tiergarten, residiert Filmproduzent Arndt seit dem 16. Dezember mit seiner X-Filme Creative Pool GmbH. Der repräsentative Bau wäre eigentlich nicht erwähnenswert. Doch wer weiß, wo einer der erfolgreichsten Filmproduzenten Deutschlands noch vor einem Jahr hauste – in einem Hinterhof in der benachbarten Bülowstraße –, der weiß auch die neuen Räumlichkeiten zu würdigen.

„Wir sind noch gar nicht richtig da“, entschuldigt sich Stefan Arndt bei der Begrüßung. Im holzvertäfelten Treppenhaus, in dem ein wuchtiger Kronleuchter hängt, hämmern noch die Handwerker. Es riecht nach Gründerzeit und Aufbruch. Dass X-Filme nur umgezogen ist und längst im deutschen Filmgeschäft angekommen ist, beweisen die vielen Preise und Pokale, die Arndt auf den Parkettboden seines Büros gestellt hat; vor einem großen, roten Plakat des Tom-Tykwer-Films „Die tödliche Maria“ von 1994.

So fing alles an. Mit Filmen, die den Untertitel „Es muss alles anders werden“ trugen. Inzwischen hat X-Filme Kinogeschichte geschrieben und dafür gesorgt, dass manches anders geworden ist in der heimischen Filmwirtschaft. „Good bye, Lenin!“, „Lola rennt“, „Das Leben ist eine Baustelle“ oder – gerade erfolgreich angelaufen – „Sommer vorm Balkon“: Stefan Arndt und seinen Mitgesellschaftern, den Regisseuren Wolfgang Becker, Dani Levy und Tom Tykwer, ist es gelungen, anspruchsvolle deutsche Filme zu Kinokassenschlagern zu machen.

Dass das Unternehmen und die „United Artists“, mit denen der 45-jährige Arndt zusammenarbeitet, dabei bisher so wenig Wert auf Statussymbole gelegt haben, kann man als Bescheidenheit auslegen – oder als Erfolgsgeheimnis. Das Geld, das sie einspielten, steckten die X-Filmer immer in neue Projekte und nicht in teures Mobiliar. Und das Risiko, dabei am Publikumsgeschmack vorbei Flops zu produzieren, hat Stefan Arndt nicht gescheut. „Wir sind wie Trüffelschweine“, sagt der gebürtige Münchner. „Wir müssen heute schon wissen, was das Publikum in vier Jahren sehen will.“

Ein paar Mal haben die X-Filmer sich dabei als Visionäre erwiesen. „Lola rennt“ und „Good Bye, Lenin!“ zogen ein Millionenpublikum an – auch international. Beide spielten im Ausland das Vier- bis Fünffache ihrer Budgets ein. Fast wäre „Good Bye, Lenin!“ für den Oscar nominiert worden. „Man kennt uns inzwischen weltweit“, sagt Arndt ganz entspannt.

Ein Ziel der X-Filmer: Auch mit kleinen Filmen ein großes Publikum erreichen. Mit der melancholischen Komödie „Sommer vorm Balkon“ ist das gerade wieder geglückt. Den Film von Rolf Dresen („Halbe Treppe“) sahen seit dem Kinostart vor knapp vier Wochen 450 000 Zuschauer. Dresen erhielt unlängst den bayerischen Filmpreis für die beste Regie. Ein Glücksfall? „Es war für uns eine riskante unternehmerische Entscheidung, mit dem Film nicht auf der Berlinale zu starten“, sagt Stefan Arndt. Wäre „Sommer vorm Balkon“ fünf Wochen vor dem Filmfest geflopt, „wäre der Film jetzt tot“. Aber mit 450 000 Zuschauern im Rücken „ist er auf der Berlinale jetzt sehr gut verkäuflich“. Nach Spanien und Frankreich hat Arndt den Film schon verkauft.

Produzieren und verkaufen, die Vermarktung von Kunst funktioniert oft nicht anders als die von Konsumgütern. 1,6 Millionen Euro hat „Sommer vorm Balkon“ gekostet. Ein relativ kleines Budget. Aber die Kunst, die Kosten im Griff zu haben, muss der Produzent hier genauso beherrschen. „Effizienz zählt auch in unserer Branche“, sagt Arndt. Anders als in der Autoindustrie stehen in der Traumfabrik aber keine Maschinen. Und Fließband-Produktion ist Arndts Sache schon gar nicht.

Diesen Anspruch durchzuhalten und dazu noch kommerziell erfolgreich zu bleiben, das kostet Kraft. Damit es nicht zu viel wird für einen allein, steht das X-Kollektiv zusammen. „Wir versuchen, das X vor unsere eigenen Namen zu stellen, weil damit ein Niveau, ein besonderes Vertrauen und eine Familie verbunden sind“, sagt Stefan Arndt. Manche Investitionsentscheidung wurde in der Gruppe getroffen. Den Erfolg von X-Filme, zu dem ein eigener Verleih, eine Animationsabteilung, ein Kreativbüro und 45 Mitarbeiter gehören, sieht Arndt als Experiment in der deutschen Filmbranche.

Die brauche dringend ein neues Filmförderungsgesetz, das die Regierung angekündigt habe. Nach dem Wegfall der Steuersparfonds müsse privates Kapital aus Deutschland für den deutschen Film mobilisiert werden, und nicht wie bisher für Hollywood. Arndt hat für diesen Fall der Fälle schon Pläne. „Es würde mich reizen, mal eine ganz große Sache zu machen“, sagt er. Es gebe schließlich Zeiten der Menschheitsgeschichte, an denen sich auch X-Filme versuchen könne. „Das Mittelalter zum Beispiel – oder die Zukunft.“

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