Zeitung Heute : Familiendrama: Susanas Schweigen

Hanspeter B i

Das Drama um Silvia, die im Alter von 16 Monaten verdurstete und deren Tod die Schweiz aufwühlt, hat drei Schauplätze. Der eine ist das Gefängnis von Champ-Dollon. Dort saß Susana B. und wollte nicht preisgeben, wo ihre Tochter sich aufhielt. Der zweite ist das abgeschlossene Apartment an der Avenue de Vaudagne in dem Genfer Vorort Meyrin mit Silvia als einziger Bewohnerin. Dazwischen liegt das Genf der Sozialarbeiter und der Polizisten. Im Verlauf des Dramas wurde immer wieder versucht, hinter Susanas merkwürdiges Verhalten zu kommen. Als Susana aufgab und ihrer Schwester schrieb: "Geh hin, brich die Tür auf", war es zu spät. Da war Silvia schon tot.

Die 22-jährige Susana B. war am 9. Mai ins Genfer Gefängnis Champ-Dollon gekommen, um eine 44-tägige Strafe wegen Ladendiebstahls abzusitzen. Die Polizei hatte sie in der Nacht verhaftet, als sie unterwegs war, um Freunde zu besuchen oder um Drogen zu besorgen. Eine Sozialarbeiterin des Gefängnisses fragte sie nach Silvia, ihrem Kind. Susana hatte frühere Drohungen im Ohr. Man werde ihr bei einer erneuten Verhaftung das Kind wegnehmen. Sie gab an, Bekannte kümmerten sich um Silvia.

Bei dieser Aussage blieb sie drei Wochen lang, aber es wurde nie recht klar, ob es sich bei diesen Bekannten um ihren Ex-Freund Ricardo und dessen Bruder Pedro handelte oder um eine unbekannte Frau aus dem Drogenmilieu. Gleichzeitig machte Susana verklausulierte Mitteilungen über Silvias Aufenthaltsort. "Wenn du gut nachdenkst, weißt du, wo sie ist. Aber sag es niemandem", schrieb sie im Postscriptum zu einem der vielen Briefe, die sie an ihre Schwester Sandra abschickte. Es waren lange Briefe einer verwirrten jungen Frau, die immer wieder ihre Mutterschaft betont: "Gegen den Rat aller habe ich Silvia gewählt. Ich habe sie auf die Welt gebracht. Ich habe sie schon geliebt, als ich ihre Bewegungen in meinem Bauch spürte. Ich bin ihre Mutter. Ich bin ihr Vater." Einmal schrieb Susana, sie wolle nach Portugal auswandern. Einmal wollte sie in der Schweiz bleiben. Einmal schrieb sie: "Ich werde mein Leben ändern, versprochen." Immer wieder war die Rede von ihrer Angst um Silvia: "Wenn Mama meint, sie könne mir Silvia wegnehmen, hat sie sich geschnitten." Die Briefe waren mit Zeichnungen verziert, meistens mit Rosen, und mit den Briefen schickte Susana unbeholfen gereimte Gedichte an und über Silvia. Möglich, dass Susana manchmal selber an die Geschichte mit den Betreuern für Silvia glaubte. Möglich, dass es tatsächlich solche Betreuer gab. Unfassbar, dass niemand genauer nachfragte, wo sich doch nichts mehr aufdrängte als diese Frage: Wo ist das Kind?

Der zweite Schauplatz des Dramas ist Meyrin, das in den letzten Jahrzehnten von einem idyllischen Landstädtchen zur anonymen Genfer Vorstadt geworden ist. Auf den Türschildern der Wohnblocks sind Schilder mit Namen aus der ganzen Welt. Im Haus, in dem Susana eine Wohnung gemietet hatte, kannten die Leute einander, man grüßte sich.

Niemand weiß, was in der Zeit zwischen dem 8. Mai und dem 1. Juni in dieser Wohnung geschah. Vielleicht war Silvia die ganze Zeit über dort eingeschlossen, vielleicht nur zeitweise. Vielleicht sind Ricardo und Pedro tatsächlich vorbeigekommen, haben Silvia mit rausgenommen und später zurückgebracht. Vielleicht haben sie ihr Heroin ins Fläschchen gemischt, um sie zu beruhigen. Vielleicht haben sie das Mädchen irgendwann einfach allein gelassen. Sicher ist, dass Silvia in der Wohnung umherging. Vielleicht hat sie etwas zu essen gefunden und aus der Toilettenschüssel Wasser geschöpft. Um den 20. Mai herum starb sie. Als die Polizei am ersten Juni in die Wohnung eindrang, lag Silvia im Badezimmer auf dem Rücken. Die Verwesung hatte schon vor längerer Zeit eingesetzt.

Zwischen der Wohnungstür an der Avenue de Vaudagne und der Tür von Susanas Zelle in Champ-Dollon liegt der dritte Schauplatz des Dramas: die Stadt mit Sozialarbeitern, Jugendfürsorgern und Polizeibeamten. Dort gab es eine Reihe von Telefonaten und Faxbotschaften. Die Sozialarbeiterin von Champ-Dollon alarmierte den Jugendschutz, aber die Botschaft blieb liegen, weil die Adressatin nicht da war. Eine Sozialarbeiterin des Jugendschutzes alarmierte die Polizei. Nachbarn klopften, klingelten an der Tür zu Susanas Wohnung, und als alles ruhig war, gingen sie wieder weg. Einer glaubt, dass sich auf sein Klingeln hin der Türgriff bewegte. Einer sagte, er habe Weinen gehört. Auch Polizeibeamte klingelten an der Tür, und als alles ruhig war, gingen sie wieder. Alle hatten Zweifel, einige vermuteten Schlimmes, aber vor der verschlossenen Tür hielt man sich an die Versicherungen Susanas.

Lucilia B., Susanas Mutter, rief bei der Polizei an, beim Jugendschutz. "Silvia ist verschwunden, suchen Sie sie." Man beruhigte sie, aber niemand reagierte. Auch Lucilia kam mehrmals zur Wohnung ihrer Tochter, klopfte, klingelte, und auch sie ging wieder, als nichts sich rührte. Hausmeister und Hausverwaltung schlugen ihre Bitte nach einem Schlüssel ab, und Lucilia hielt sich an die irreale Hoffnung, Susana könnte doch jemanden organisiert haben, der nach Silvia schaut.

Lucilia B. ist vor 20 Jahren in die Schweiz gekommen. Sie war 20 Jahre alt und ließ ihre zwei Töchter in Portugal bei Verwandten. Tags arbeitete sie im Restaurant, abends putzte sie, so konnte sie jeden Monat 1000 Franken nach Portugal überweisen. 1993 holte Lucilia ihre Töchter in die Schweiz. Susana, die wegen ihrer Intelligenz eine Klasse überspringen konnte, würde studieren und eine erfolgreiche Frau werden, dachte sie, aber Susana verließ die Schule mit 15 und arbeitete, was ihre Mutter immer gearbeitet hatte, verliebte sich in Ricardo, der ihr die Welt der Drogen zeigte. Sie wurde schwanger, trug das Kind aus und versuchte, Silvia in ihre unsichere Existenz einzubauen. Einmal bot Lucilia an, Silvia zu sich zu nehmen. "Nichts Offizielles, du musst nichts unterschreiben", sagte sie. "Du musst verrückt sein", gab Susana zur Antwort. "Mein Kind gehört mir."

Ich besuchte Lucilia B. zwei Wochen, nachdem Silvia gefunden worden war, in ihrer Wohnung in Meyrin. Sie war daran, ein Spruchband zu beschriften, das sie zu einer kleinen Gedenkkundgebung mitnehmen wollte. Sie schrieb mit einem viel zu dünnen Filzstift, die Worte waren fehlerhaft und schlecht lesbar. Sie war in Eile. Als sie das weiße Tuch bügeln wollte, fiel das Bügelbrett auseinander. Einmal sagte im Fernsehen jemand das Wort "Mutter", und Lucilia schaute auf, aber es ging nicht um ihre Enkelin.

Auf dem Salontisch lag eine Schachtel mit Fotos. Die kleine Silvia schaut überall ernst in die Kamera. Susana war bleich und hatte einen verlorenen Blick. Als ich Lucilia meinen Eindruck sagte, suchte sie ein Bild mit einer ausgelassen lachenden Silvia, über Susana sagte sie: "Sie war sehr schön und sehr intelligent." Dann ballte Lucilia B. die Fäuste und sagte: "Ich werde kämpfen, dass die Wahrheit ans Licht kommt." Sie will die Schuldigen finden, die sie bei den Behörden vermutet. Ihr Anwalt ist der mediengewandte Jacques Barillon, der schon im Fall Barschel von sich reden machte. Barillon sagt: "Es ist, als begäbe man sich ins Mittelalter, wo noch kein Staat da war, um solche Dramen zu verhindern."

Einbildung und Wahrheit

"Es gab keinen Grund, an den Aussagen der jungen Frau zu zweifeln", sagt der Untersuchungsrichter Stéphane Esposito. Polizeichef Christian Coquoz beschwört als Antwort auf die öffentliche Kritik die Mutterliebe: "Wenn eine Frau sagt, ihr Kind, das Fleisch von ihrem Fleisch, sei in Sicherheit, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie lügen könnte. Für mich ist das undenkbar. Die Mutterliebe, das ist schließlich nicht einfach irgendetwas." In der Debatte um die Schuld an Silvias Tod widerspricht einzig die Gesundheitsdirektorin Annie Mino, indem sie die Welt von Einbildung und Wahrheit beschreibt, in der drogensüchtige Frauen sich bewegen: "Durch ihre Schwangerschaft finden diese Frauen - manchmal zum ersten Mal überhaupt - eine Art Erfüllung. Sie, die mit dem Tod spielen, sind fähig, Leben zu geben. Aber sie erleben das Kind wie eine Ausdehnung ihrer eigenen Existenz. Dieses Gefühl kann sie dazu bringen, die Realität völlig zu verdrehen."

Richter Esposito und ein unabhängiger Jurist rekonstruieren jetzt die Fehler und Kommunikationspannen, die zu Silvias Tod führten. Sie werden den Jugendschutz unter die Lupe nehmen, der die Dringlichkeit des Falls nicht erkannt hat. Sie werden nachfragen, warum die Polizei nicht in die Wohnung einbrach. Susana wird wegen versäumter Aufsichtspflicht angeklagt werden. Der eine oder der andere Beamte wird einen Verweis erhalten oder im schlimmsten Fall entlassen. Man wird Verbesserungsvorschläge machen, von denen einige sicher umgesetzt werden. Dann wird der Alltag einkehren.

Ein Mitarbeiter des Jugendschutzes hat diesen Alltag in einem offenen Brief geschildert: "Ich betreue im Moment die Angelegenheiten von 55 Familien, von denen ich 13 als explosiv einschätze. Allein für unsere Gruppe kommen jeden Monat 30 neue Dossiers hinzu. So etwas hat man noch nie gesehen. (...) Nach fünf Jahren Arbeit im Jugenddienst habe ich zum ersten Mal Angst. Angst, ein menschliches Drama nicht verhindert zu haben. Angst, mich wegen einer Unachtsamkeit schuldig zu machen, obwohl ich mich doch ganz in meine Arbeit eingebe."

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