FAMILIENDRAMA„Zurück im Sommer“ : Wir können auch anders

Daniela Sannwald

Ein tyrannischer Vater, eine schwache Mutter und ein verschüchterter Junge – das ist die familiäre Konstellation für eine Kindheitshölle, an die sich der erfolgreiche Schriftsteller Michael Taylor erinnert, während er zu einer Familienzusammenkunft in seine Heimat im mittleren Westen der USA fährt. Bevor jedoch das Treffen überhaupt beginnt, ereignet sich ein schwerer Unfall, und der Anlass verschiebt sich: Anstatt den Studienabschluss seiner Mutter zu feiern, muss die Familie sich nun mit ihrer Beerdigung und dem Ordnen ihres Nachlasses und natürlich mit der Trauer um sie auseinandersetzen. Der Aufenthalt im Elternhaus, in dem jetzt seine Schwester mit Mann und Kindern wohnt, bringen Michael dazu, seine Haltung zur Familie langsam zu verändern. Auch die Konfrontation mit dem verbitterten Vater und die Begegnung mit seiner Tante – wenig älter als er selbst war sie früher sein Schwarm – fördern diesen Prozess.

Unaufgeregt, beinahe beiläufig schildert „Zurück im Sommer“, wie ganz durchschnittliche Familien Tabus, Geheimnisse und Neurosen entwickeln, unter denen alle Beteiligten leiden. Rückblenden aus der Pespektive des 13-jährigen Michael unterbrechen die aktuelle Erzählung, eine hochkarätige Besetzung verleiht dem Plot Glaubwürdigkeit: Willem Dafoe als furchtbarer, einsamer Vater, Julia Roberts als seine liebende, unterwürfige und schließlich rebellierende Ehefrau und Emily Watson als deren erwachsene, traumatisierte Schwester spielen die Hauptrollen, der hier noch wenige profilierte Ryan Reynolds gibt den verkrampften, gehemmten Schriftsteller und Ich-Erzähler.

Niemand in „Zurück im Sommer“ ist nur gut oder nur böse, und daraus entwickelt sich eine Authentizität, die mitunter ein bisschen schwer zu ertragen ist, so nah ist der Film am wirklichen Leben dran. Man begreift plötzlich, dass die Einsamkeit des Vaters mit den unerfüllten Sehnsüchten der Mutter zu tun hat, dass Michaels Verzweiflung für seine Mitmenschen wie Schroffheit aussieht, dass Kinder mehr mitkriegen, als man denkt, dass man gerade mit denjenigen, die man liebt, sehr, sehr vorsichtig umgehen muss, und schließlich sogar, dass auch über Jahre verhärtete Beziehungen sich verändern können, wenn allen Beteiligten daran gelegen ist. Schöner, nachdenklicher Familienfilm. Daniela Sannwald

„Zurück im Sommer“, USA 2008, 99 Min.,

R: Dennis Lee, D: Julia Roberts, Willem Dafoe,

Ryan Reynolds, Carrie-Ann Moss

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben