Zeitung Heute : Familienfotos nicht erwünscht

Viele Firmen wollen die Arbeitsbedingungen ihrer Mitarbeiter genau regulieren. Doch es gibt Grenzen

Martin Benninghoff

Bei Meta Design kommen nur rote Kaffeetassen auf die Schreibtische. Rot ist die Farbe des Unternehmens und da kommen nur passende Tassen in Frage. Das Porzellan ist hochwertig, ganz so wie sich die Berliner Agentur für Corporate Design selbst sieht. Damit’s die Mitarbeiter genauso sehen, sind die roten Tassen Pflicht. Wer es sich mit der Chefetage so richtig verscherzen möchte, nun gut, der möge seine eigene Tasse mitbringen – auf die Gefahr hin, dass es einen kleinen Rüffel gibt. Meta Design ist kein Einzelfall: Unternehmen reglementieren zusehends die Arbeitsumgebung ihrer Mitarbeiter, und eröffnen damit neue Schlachtfelder, auf denen Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Klingen kreuzen können.

Liebe im Büro: Jüngst erließ die amerikanische Handelskette Wal Mart einen Verhaltenskodex, in dem es das Liebesleben ihrer rund 13000 deutschen Angestellten zu regeln versucht. „Sie dürfen nicht mit jemanden ausgehen, wenn dies die Arbeitsbedingungen dieser Person beeinflussen kann“, heißt es darin. Und wenn doch? Nun, dann drohe die Kündigung. Allein fehlt dem Konzern dazu die rechtliche Grundlage, wie Arbeitsrechtlerin Anja Böckmann feststellt: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Wal Mart irgendwelche Sanktionsmöglichkeiten bei Beziehungen außerhalb des Büros hat.“ Wer mit einer Kollegin nach Feierabend ausgehe, dürfe dies auch weiterhin tun. Anders verhält es sich hingegen bei Sex am Arbeitsplatz, bei dem eine Abmahnung und im Wiederholungsfalle eine Kündigung droht. Der Grund: Sex im Büro ist ein „pflichtwidriges Verhalten“, das nichts mit den arbeitsvertraglich festgelegten Aufgaben des Arbeitnehmers zu tun habe, ja diese geradezu untergrabe.

Teddys am Bildschirm : Viele Unternehmen vertrauen sich Fachleuten an, die die Einrichtung von Büroräumen nach einem einheitlichen Erscheinungsbild konzipieren. Solche Fachleute finden sich auch bei der Firma mit den roten Tassen. Jens-Ole Kracht leitet bei Meta Design den Bereich Industriedesign. „Wir bekommen oft den Wunsch von unseren Auftraggebern zu hören, dass sich die Mitarbeiter nicht allzu stark mit ihren eigenen privaten Dingen im Büro einrichten“, sagt Kracht. Meta Design zeigt in den eigenen Büros, wie man dieses Ziel mit wenigen Kunstgriffen erreicht: Schreibtische in warmen Farben, die die Mitarbeiter davon abhalten, es sich mit privaten Accessoires gemütlicher machen zu wollen. Auch Plakate, Teddybären oder Zinnsoldaten scheinen in dem farblich und ergonomisch abgestimmten Büros dann fehl am Platze. Und wozu das Ganze? „Ein einheitliches Erscheinungsbild hilft den Mitarbeitern, sich mit dem Unternehmen zu identifizieren“, sagt Kracht. Die individuelle Wohnzimmergemütlichkeit von zu Hause sei da eher „kontraproduktiv“.

Indes: „Private Fotos von Kindern oder der Ehefrau auf dem Schreibtisch sind allgemein üblich und können nicht vom Arbeitgeber verboten werden“, stellt Uwe Krautzig, Fachanwalt für Arbeitsrecht, klar. Das will Meta Design zwar auch nicht, Mitarbeiter dürfen den ein oder anderen privaten Gegenstand mitbringen. Nur dürfe Privates eben „nicht überhand nehmen“, sagt Kracht. Die Grenze ziehen Designer wie Juristen zum Beispiel bei privaten Plakaten an den Wänden. Der Arbeitgeber hat für die Wände das „Direktionsrecht“ und kann vom Angestellten verlangen, ein missliebiges Poster abzuhängen. Theoretisch, so Arbeitsrechtler Krautzig, sei dies auch denkbar bei Kruzifixen, die dem atheistischen Boss missfallen. Ihm sei ein solcher Streitfall in der freien Wirtschaft jedoch noch nicht untergekommen.

Surfen am Arbeitsplatz: Einer Umfrage zufolge surfen rund 40 Prozent aller Arbeitnehmer während ihrer Arbeit privat durch das Internet, im Durchschnitt eine halbe Stunde am Tag. Zwei Fälle sind zu unterscheiden: Hat der Arbeitgeber ein ausdrückliches Verbot von privater Internetnutzung etwa per Aushang oder Rundschreiben ausgesprochen, so hat sich der Arbeitnehmer zwingend daran zu halten. Andernfalls droht nach einer Abmahnung die Kündigung, bei illegalen Inhalten wie Kinderpornografie bedarf es nicht einmal einer vorherigen Abmahnung.

Ist dagegen kein Verbot seitens des Arbeitgebers bekannt, so darf der Angestellte davon ausgehen, dass Internetsurfen toleriert wird, jedoch: „Auch dann wäre ich ungemein vorsichtig“, rät Arbeitsrechtlerin Anja Böckmann. Den Gang zum Betriebsrat empfiehlt die Gewerkschaft Verdi: „Man sollte eine betriebliche Vereinbarung anregen“, sagt Cornelia Brandt, die die Kampagne „Online-Rechte“ bei Verdi betreut.

Der Gesetzgeber müsse zudem „endlich für Klarheit sorgen und ein Arbeitnehmer-Datenschutzgesetz auf den Wegbringen“. Ihr schwebt vor, dass privates Surfen in einem „angemessenen Rahmen“ künftig erlaubt werden sollte. Bislang gibt es allerdings kein Gesetz, das solche Surfzeiten verbindlich regelt, nur Einzelfallentscheidungen. So hat das Arbeitsgericht Wesel in einem Fall entschieden, dass 80 bis 100 private Internetstunden im Jahr vertretbar seien.

Telefonate und E-Mails: Telefonieren vom Diensttelefon in privater Sache ist tabu, wenn es der Arbeitgeber ausdrücklich verboten hat. Wenn nicht, so sollte man dennoch, ähnlich wie beim Internetsurfen, sehr sparsam sein.

Private E-Mails darf der Chef nicht lesen. Wenn im Betrieb allerdings ein klares Verbot privater Mails besteht, kann er davon ausgehen, dass sich nur geschäftliche Post in den elektronischen Postfächern seiner Mitarbeiter befindet. Und er darf mitlesen, aber nur, wenn er seinen Angestellten vorab informiert.

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