Familienoper : Rote Zora: Alles hört auf die Anführerin

Jasmina Hadziahmetovic lässt in „Die rote Zora“ eine Kinderbande gegen die korrupte Erwachsenenwelt aufbegehren - jetzt in der Komischen Oper.

Uwe Friedrich

Ich glaube schon, dass in dem Buch eine Menge Balkan steckt“, sagt die Regisseurin Jasmina Hadziahmetovic über „Die rote Zora“ von Kurt Held. „Man sagt, dass die Menschen auf dem Balkan sehr herzlich sind, und das stimmt auch. Aber diese Gesellschaft ist auch ziemlich korrupt, man mogelt sich irgendwie durch und arrangiert sich mit den Mächtigen im Dorf, im Staat.“ Sie kann das beurteilen, stammt sie doch selber vom Balkan. Mit 14 Jahren kam sie als Bürgerkriegsflüchtling aus Bosnien mit ihrer Familie nach Kassel. Die Kindheit war in diesem Moment vorbei. „Ich musste mich um andere Sachen kümmern. Schnell Deutsch lernen, eine Wohnung finden, Alltagsdinge für meine Mutter und meinen Bruder regeln, mich also in einer vollkommen neuen Umgebung durchbeißen. Ich wollte dazugehören, aber ich wurde oft komisch angeschaut. Weil ich anders aussah, eine slawische Sprache sprach.“ Da war Stärke gefragt, Durchsetzungswille, Zielstrebigkeit. Alles Eigenschaften, die auch am Regiepult von Vorteil sind.

Noch in Bosnien hatte Jasmina Hadziahmetovic ersten Geigenunterricht und sah als erste Oper „Die Zauberflöte“. Im Staatstheater Kassel stand sie dann als Mitglied des Jugendchores zum ersten Mal selber auf der Bühne. „Später bin ich in den Theaterberuf reingerutscht. Ich habe zunächst Jura studiert und weiter in einem Chor gesungen. Dann habe ich die Seiten gewechselt, denn ich wollte wissen, wie eine Aufführung zustande kommt.“ Sie hat Regisseuren assistiert, ihre erste Regieerfahrung in Kassel gemacht und den Betrieb kennengelernt. Schnell merkte sie, dass ihre Zukunft weder im Jurastudium liegt noch in der Instrumentalmusik. Sie ging als Regieassistentin und Spielleiterin nach Stuttgart, hat zwischendurch in Konstanz inszeniert. Mit der Choroper „Angst“ von Christian Jost debütierte sie an der Komischen Oper; „Die rote Zora“ ist ihre zweite Inszenierung hier am Haus . „Mir war schon bei der ersten Hospitanz klar, dass dieser Beruf mich gefunden hat, denn hier kann ich meine eigene Welt erschaffen“, sagt sie rückblickend.

Allzu direkte Parallelen zwischen der „roten Zora“ und ihrem Leben weist Jasmina Hadziahmetovic jedoch zurück. Die etwas längere Geschichte der „roten Zora“ lautet so: Branko wird geschlagen, des Diebstahls verdächtigt, schließlich eingesperrt, aber Zora befreit ihn und nimmt ihn auf in ihre Bande der Uskoken. Mit Geschick, Mut und List behaupten sich die Kinder gegen die Erwachsenenwelt, in der Gier, Neid und Ungerechtigkeit herrschen. „Diese Gesellschaft nimmt die Probleme zwar wahr, verdrängt sie aber so lange es nur irgendwie geht.“ Im Buch wie in der Oper gibt es Gewalt, soziale Härte, scheinbar ausweglose Situationen. Aber es gibt auch helle Momente, nicht nur im versöhnenden Ende, und gerade diese sind der Regisseurin sehr wichtig. „Immer wieder bricht die kindliche Fantasie durch. Die Komponistin Elisabeth Naske zeigt das mit folkloristischen Tänzen, aber auch mit überwältigender Actionmusik. Wenn die Kinder beispielsweise zum Fischen gehen, stellen sie sich vor, sie seien in einem U-Boot und alles wird gleich viel aufregender.“

An der Komischen Oper wird das heiß umworbene „Publikum von morgen“ nicht mit Bearbeitungen im Foyerprogramm abgespeist, vielmehr soll auch der Nachwuchs richtige Opern im großen Saal mit echtem Orchester zu sehen und zu hören kriegen. Zwar wurde „Die rote Zora“ für Kinderstimmen geschrieben, aber Jasmina Hadziahmetovic ist froh, dass an der Komischen Oper erwachsene Sänger auf der Bühne stehen, auch wenn das für sie mehr Arbeit bedeutet. „Wenn ein Erwachsener ein Kind spielt, wird es gefährlich. Die Sänger müssen so natürlich wie möglich bleiben. Es geht um die Spielhaltung. Wie würde ein 14-Jähriger denken? Wir experimentieren viel damit, wie groß die Gesangsstimmen sein sollen. Das ist eine Herausforderung, aber bei den Proben klappt es, toi toi toi, bisher sehr gut.“

Premiere 1.11., 16 Uhr. Weitere Vorstellungen 8. und 15.11., 16 Uhr, 20. und 25.11., 11 Uhr


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