Zeitung Heute : Fanatiker kurieren

Der israelische Schriftsteller Amos Oz eröffnet die diesjährigen Mosse-Lectures

Elisabeth WagnerD

„Ein anderer Ort“ nannte Amos Oz 1966 seinen ersten Roman über den Kibbuz Hulda im nördlichen Israel, in dem er bis 1986 lebte: „ein Ort radikaler als Tel Aviv“. Sein autobiographischer Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ – 2004 in deutscher Sprache erschienen – ebenso wie die gerade in deutscher Übersetzung veröffentlichten „Geschichten als Tel Ilan“ nehmen diesen Gedanken auf. Vor Ort, auf engstem Raum, ist das Leben keineswegs friedlich, zwischen Pionieren und Propheten, die die gemeinsame Sache immer anders sehen.

Fünf Autorinnen und Autoren aus fünf verschiedenen Ländern und Kulturen lesen, sprechen und diskutieren im Rahmen der Mosse-Lectures an der Humboldt-Universität zum Thema „Literarischer Atlas – Dichter und ihre Ortschaften.“ Oz, einer der bekanntesten, auch politisch engagierten Schriftsteller Israels, der 1992 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels geehrt wurde, wird am 14. Oktober 2009 entlang eigener Erfahrungen ein Gespräch mit Universitätspräsident Christoph Markschies führen.

„Wenn du Israel verstehen willst“, so hat Amos Oz zu seinem Freund, dem Schriftsteller Siegfried Lenz, gesagt. „So bleibe in den Straßen still stehen in der Hitze der Nacht, wenn die Menschen auf dem Balkon schlafen.“ Man „hört sie in ihren Angstträumen seufzen und stöhnen und wimmern, sie träumen in mehreren Sprachen, überwältigt von Vergangenheiten, die nicht aufhören wollen.“ So auch in der Geschichte, die Amos Oz erzählt; eine Familiensaga, die in litauischen Dörfern und im georgischen Odessa mit dem Leben und dem zionistischen Traum der Eltern und Großeltern beginnt.

Mit diesen Vorfahren und Einwanderern erzählt der 1939 in Jerusalem geborene Autor die Vor- und Gründungsgeschichte des Staates Israel. In seinen Erinnerungen bringt Oz deren Angstträume der Vergangenheit und die Entbehrungen, Enttäuschungen und Hoffnungen des im Gelobten Land gelebten Lebens zur Sprache.

Die allergrößte Hoffnung in diesem Buch ist die Literatur. Auch sie ist umstritten, hat aber in sich die Kraft zum schöpferischen Kompromiss, den Amos Oz politisch vertritt. Als einer der ersten setzte er sich mit der Friedensbewegung Schalom Achschaw (Frieden Jetzt) für die Zweistaatenlösung ein. Sie werde, wie er sagt, für beide Seiten, die Palästinenser und die Israelis, voller Schmerzen sein. Seinen Tübinger Poetik-Vorlesungen von 2002 gab er den Titel „Wie man Fanatiker kuriert“. Und hier formuliert er, durchaus mit Humor und Ironie, seine Überzeugung, „dass die Wurzel des Fanatismus in der kompromisslosen Selbstgerechtigkeit liegt, einer Plage vieler Jahrhunderte“. Und er scheut sich nicht, seinerseits vom Verrat zu sprechen, den gerade der Schriftsteller begehen muss, dessen Metier die Ungereimtheiten, die Ambivalenzen und die progressiven Einbildungen sind: „Ein Verräter ist meiner Meinung nach jemand, der sich in den Augen derjenigen verändert, die sich nicht ändern können, sich nicht ändern werden, Veränderung hassen.“

Die Literatur ist für Amos Oz eine wichtige Kraft zur Veränderung. Vom Mitgefühl, das auch dem politischen Handeln zugrunde liegen muss, spricht der Dichter, wenn er danach gefragt wird, welche Einstellung gegenüber seiner israelischen Heimat die richtige wäre: „Was Israel am allermeisten brauchen wird, ist eine emotionale Versicherung. Denn wir fühlen uns als Geächtete, verflucht und gehasst. Ein solcher Rückhalt würde keinen Pfennig kosten, nur Empathie.“

Vom Widerstreit von Fanatismus und Empathie handelt auch Kiran Nagakar, der Autor aus Bombay, mit seinem großen Roman „Gottes kleiner Krieger“, den er am 19. November in den Mosse-Lectures vorstellen wird. Es folgen Veranstaltungen mit Nobelpreisträger Orhan Pamuk, mit Yoko Tawada aus Japan mit ihren Erzählungen, die sie „Überseezungen“ nennt, sowie Juri Andruchowytsch aus der Ukraine. Elisabeth Wagner

Die Mosse-Lectures finden im Senatssaal, Hauptgebäude, Unter den Linden 6, statt. Der Eintritt ist frei. Mehr im Internet: www.mosse-lectures.de

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