Zeitung Heute : Fanatische Besserwisser am Zapfhahn Philipp Köster schaut endlich mal in der Eckkneipe vorbei

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Wer in diesen Tagen WM schaut, hockt daheim in der Sofaecke oder drängelt sich im Biergarten mit Großbildleinwand. Sträflich unterschätzt wird oft eine dritte Alternative: nämlich die gute, alte Eckkneipe. Neulich sah ich das Spiel Brasilien – Ghana in einem trinkfesten Traditionslokal an der Schönhauser Allee und war begeistert.

Das ging schon mit der Übertragung los. Kein neumodischer Beamer weit und breit, der Wirt hatte stattdessen seinen Fernseher von daheim mitgebracht, aber leider vergessen, Batterien für die Fernbedienung mitzubringen. Also spurtete der gute Mann ständig nach vorne, um von Hand den Ton lauter oder das Bild heller zu drehen. Was die Gemeinde mit einem herzlichen „Geh aus dem Bild, du Ochse!“ und Gelächter quittierte.

Dann die Getränke. Keine Hochland-Mischungen für Angeber, wer hier Latte Macciato bestellt, hat schon verloren. Unter hörbarem Murren wird Isolierkannenkaffee ausgeschenkt, lieber aber Bier.

Dazu passend die Kneipengäste. Eine hübsche Mischung aus fanatischen Besserwissern und passionierten Nörglern mit Hang zur fachkundigen Pöbelei der Preisklasse „Lass liegen, tritt sich fest“. Außerdem ein paar nervöse Altstudenten mit frischen Wettscheinen. Dazu die obligatorischen Thekenspechte, denen völlig egal war, ob gerade WM oder Dressurreiten oder Familienduell im Fernsehen lief. Hauptsache, der Zapfhahn geht nicht kaputt. Nach dem Spiel marschierte ich zufrieden nach Hause und beschloss, ein bisschen Eckkneipenflair zu bewahren. Heute Abend werde ich bei jedem Foul laut verkünden „Lass liegen, tritt sich fest“. Anschließend einen herzhaften Isolierkannenkaffee. Lieber noch Bier.

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