Zeitung Heute : Fangen statt schießen

Lernen von Oliver Bierhoff – eine Uni- Vorlesung in Berlin

Matthias Kalle

Früher, als mit Deutschland noch scheinbar alles in Ordnung war, da machte man halt eine Lotto-Annahmestelle auf oder eine Kneipe, oder man brachte den Jungen bei, wie man aufs Tor schießt, ohne dabei umzufallen – denn das Leben nach dem Profifußball musste weitergehen, irgendwie, und wenn es nicht weitergehen wollte, fing man an, zu viel zu trinken. Oliver Bierhoff sieht nicht so aus, als ob er trinkt, er sieht aus wie einer, dessen Leben nach dem Profifußball erst richtig angefangen hat. Bierhoff sagt bei Sat1 seine Meinung zu den Spielen der Champions League, das geht meistens gut, denn ihm zur Seite steht der Moderator Oliver Welke, aber gestern stand niemand neben Oliver Bierhoff, als er an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität eine Vorlesung hielt mit dem Titel: „Was die Gesellschaft vom Sport lernen kann“. Dafür standen zwei Bodyguards vor ihm, als einige Studenten mit kleinen bunten Gummibällen nach Bierhoff warfen.

Ein halbe Stunde zuvor. Es ist der erste Tag des Sommersemesters, draußen ist es zum ersten Mal in diesem Jahr warm, trotzdem drängeln sich um halb zehn am Morgen vor dem Saal 201 Studenten, Fotografen und Journalisten, um Oliver Bierhoff zu hören; Männer von einem Sicherheitsdienst regeln den Einlass, zuerst darf die Presse rein, dann die Studenten, einige sind leicht sauer, weil sie langsam ahnen, dass das hier mit ihrem Studium wenig zu tun hat, sondern dass es eine PR-Veranstaltung ist von „Chancen für alle“, einer „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.“ Sie wissen es spätestens, als Radioreporter ihnen Mikrofone vorhalten und sie fragen, was sie sich denn erwarten würden von dieser Veranstaltung. Einige sind gespannt, andere erwarten nichts. Eine Studentin sagt, dass so einer wie Bierhoff an einer Universität nichts verloren habe, dabei hatte Oliver Bierhoff bereits 26 Semester an einer Universität studiert, er machte vor zwei Jahren an der Fernuni Hagen seinen Abschluss zum Diplom-Kaufmann. Jetzt ist er 35, er war Europameister, Vizeweltmeister, Torschützenkönig der italienischen Liga, und als er um zehn Uhr den Hörsaal betritt, da klatschen die Studenten, als seien sie in einem Stadion. Joachim Schwalbach, Prodekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, begrüßt die Zuhörer und sagt, dass bei seinen Vorlesungen nicht so viele Leute seien, und dann sagt er noch, dass Oliver Bierhoff ja einer von ihnen sei, dass er heute bestimmt – wenn er denn die Möglichkeit hätte – in Berlin studieren und bei Hertha spielen würde, und dann ginge es nicht um den Abstieg, sondern um die Deutsche Meisterschaft. Als dann Bierhoff seinen Vortrag beginnt, nimmt er das dankbar auf, Berlin sei ja auch eine „rocking“ Stadt, was sich irgendwie komisch anhört.

Aber was er dann eine halbe Stunde lang sagte, das hörte sich nicht mehr komisch an, sondern erwartbar: Metaphern aus dem Bereich des Sports, viel über Leistungsträger, Leistungsbereitschaft, über Abstieg und Teamgeist, Wettbewerb und Konkurrenz, Spielregeln und Fairness. Als man plötzlich das Gefühl hatte, man sitze in einer ganz normalen Vorlesung irgendeines Gastdozenten, während draußen die Sonne scheint, da warfen ein paar Studenten die kleinen bunten Gummibälle nach Oliver Bierhoff, und sie schmissen Flugblätter in den Saal, auf denen stand „Total balla balla“ und „Zurück in die Vergangenheit“, weil „Chancen für alle“ „ein Lobbyverein der deutschen Arbeitgeber“ und „in erster Linie reaktionär“ sei. Das sorgte für ein wenig Aufregung bei den Männern vom Sicherheitsdienst, und es ärgerte die Studenten, die diese Vorlesung hören wollten. Sie sagten ihren Kommilitonen, dass sie ja gehen könnten, wenn ihnen was nicht passt. Ein paar gingen, die meisten blieben, und die, die blieben, hörten dann noch, wie Bierhoff über David Beckham und John F. Kennedy sprach, über den Teamgeist der Europameistermannschaft von 1996 und wie er mit einem Gandhi-Zitat endete.

Bierhoff sprach so, wie er damals Fußball gespielt hat: Er lieferte eine solide Leistung ab. Als er fertig war, konnten die Zuhörer Fragen stellen. Ein Student, der Bierhoff duzte, wollte wissen, was diese Gleichsetzung von Sport und Leben eigentlich soll. Oliver Bierhoff sagte: „Ich weiß nicht, wo das Problem ist.“ Und dann schaute er kurz zur Seite, als ob er Oliver Welke suchen würde.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben