Zeitung Heute : Fantasien eines Scheichs

Der Bericht der US-Kommission zum 11.September zeigt, wie sich Al Qaida jahrelang ungestört vorbereitete – Chronologie des Terrors

Frank Jansen

Der Plan von Khalid Scheich Mohammed klingt irre. Phase eins: An der Ost- und Westküste der USA entführen Kämpfer insgesamt zehn Passagiermaschinen. Die Kidnapper lenken neun Flugzeuge zu den Hauptquartieren der CIA, des FBI, zu Hochhäusern in Kalifornien und in Washington. Und zu Atomkraftwerken. Phase zwei. Die neun Maschinen rasen in ihre Ziele und zerschellen. Für Phase drei hat sich Mohammed einen exklusiven Auftritt ausgedacht. Er selbst steuert das zehnte Flugzeug. Sein Terrorteam tötet jeden männlichen Passagier. Die Kämpfer nehmen dann Kontakt zu amerikanischen Fernsehsendern auf. Die Maschine landet auf einem Flughafen in den USA. Phase vier: Mohammed hält vor den Fernsehkameras eine Ansprache und geißelt die amerikanische Politik im Nahen Osten. Anschließend werden Frauen und Kinder aus dem Flugzeug freigelassen. Was dann passiert, bleibt offen. Khalid Scheich Mohammed verzichtet darauf, für sich selbst den Showdown zu planen.

Der Wahnsinn findet sich auf Seite 13 eines Berichts mit dem staubtrockenen Titel „Outline of the 9/11 Plot – Staff Statement No. 16“. Doch in dem 20-seitigen Papier steckt nicht weniger als die Vorgeschichte der Anschläge vom 11.September 2001. Die etwas anders abliefen, als es Khalid Scheich Mohammed vorgesehen hatte. Wie seine Fantasien zur Tat reiften, recherchierte in anderthalb Jahren die „National Commission on Terrorist Attacks Upon the United States“. Am Donnerstag hat sie den Bericht in Washington veröffentlicht.

Das unabhängige Gremium aus Republikanern und Demokraten hatte 2002 vom US-Kongress und von Präsident George W. Bush den Auftrag erhalten, die Hintergründe des Angriffs aufzuklären. Was die zehnköpfige Kommission und ihre 80 Mitarbeiter in mehr als 1000 Interviews in zehn Ländern und mehr als 100 Anhörungen in den USA herausbekamen, steht kompakt im „Staff Statement No. 16“. Ein historisches Dokument, das Mythen zerstört, aber auch den nahezu apokalyptischen Fanatismus der Al Qaida beschreibt. Und damit wie eine Warnung wirkt – vor noch härteren Attacken als jenen vom 11. September 2001.

Der im März 2003 in Pakistan verhaftete Khalid Scheich Mohammed war, das bestätigt der Bericht nun detailliert, der „Mastermind“ des Terrorangriffs auf die USA. 1965 als Sohn einer pakistanischen Familie in Kuwait geboren, besuchte Mohammed in den 80er Jahren in den USA ein baptistisches College und ging dann nach Pakistan – um den Kampf der afghanischen Mudschahedin gegen die sowjetischen Besatzer zu unterstützen. Wie viele der anderen Freiwilligen – unter ihnen befand sich auch Osama bin Laden – steigerte sich Mohammed in einen Hass auf alle Ungläubigen hinein, seien sie Russen oder Amerikaner. Dann beteiligte sich Mohammed am ersten Anschlag auf das World Trade Center in New York. 1993 explodierte in der Tiefgarage eine Bombe. Sechs Menschen starben, Hunderte wurden verletzt, doch die Türme fielen nicht. Mohammed hatte, so steht es in dem Bericht, den Chef der Attentäter finanziell unterstützt. Der Anführer war Mohammeds Neffe Ramsi Jussef.

Mit ihm fantasierte Mohammed über einen weiteren, „effektiveren“ Anschlag. Auf den Philippinen planten die beiden 1994 die „Bojinka“-Operation. Bojinka ist bosnisch und bedeutet „Explosion“. Das klingt harmlos für das, was Mohammed und Jussef vorhatten. Zwölf amerikanische Passagiermaschinen sollten innerhalb von zwei Tagen über dem Pazifik gesprengt werden. Doch die Polizei in Manila nahm Anfang 1995 Jussef fest und vereitelte damit die Anschlagsserie. Mohammed entkam. Vier Jahre später präsentierte er Osama bin Laden in Afghanistan den Plan mit den zehn Flugzeugen, von denen neun in amerikanische Ziele stürzen sollten.

Bin Laden habe auf den Plan nur „lauwarm“ reagiert, heißt es in dem Bericht der Kommission. Mohammeds Idee erschien zu komplex. Die beiden Männer einigten sich auf eine Art Minimalliste. Bin Laden wollte das Weiße Haus und das Pentagon angreifen, Mohammed bestand auf dem World Trade Center. Auf der Liste stand auch das Kapitol. Von Atomkraftwerken war keine Rede mehr.

Der Bericht zerstört den Mythos, Al Qaida habe unbeirrt den 11. September vorbereitet. Es gab Streit. Zum Beispiel in der Hamburger Gruppe um Mohammed Atta, der am 11. September die erste Maschine ins World Trade Center steuerte. Atta hatte Probleme mit dem Libanesen Ziad Jarrah, der dann doch eine der entführten Maschinen lenkte – die in Pennsylvania abstürzte und wohl das Kapitol treffen sollte. In dem Bericht steht auch, dass Jarrah am 9. September in Maryland in eine Geschwindigkeitskontrolle geriet – ohne Folgen. Und es gab Konflikte zwischen Osama bin Laden und dem Chef der in Afghanistan regierenden Taliban. Mullah Omar fürchtete bei Al-Qaida-Anschlägen amerikanische Vergeltung. Der Termin 11. September wurde erst drei Wochen vorher vereinbart. Die Kommission sagt auch, was die Vorbereitung der Anschläge kostete: Maximal 500000 Dollar.

Die Kommission rügt in einem weiteren Bericht auch den damaligen Zustand der amerikanischen Luftverteidigung. Die Luftabwehr sei am Morgen des 11. September auf nichts vorbereitet gewesen. Eine von US-Vizepräsident Dick Cheney ausgestellte Eil-Vollmacht, die entführten Flugzeuge abschießen zu dürfen, habe die Piloten erst erreicht, nachdem die letzte entführte Maschine in einem Feld in Pennsylvania gestürzt sei.

Was die Kommission nicht herausfinden konnte, trifft die Regierung Bush hart. In dem Bericht finden sich keine Hinweise auf eine Beteiligung des Irak am 11. September oder auf Verbindungen zwischen Saddam Hussein und Osama bin Laden. Al Qaida hat die Anschläge ohne Hilfe eines Staates geplant, sieht man von der „Gastfreundschaft“ der Taliban ab. US-Präsident George Bush überzeugt das nicht. Am Rande einer Kabinettssitzung in Washington sagt er: „Es gab eine Beziehung zwischen dem Irak und al Qaida – weil es sie gab.“

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