Zeitung Heute : Farbbeutelanschlag: Kleiner Wurf im Kampf gegen Geschlechter

Bernd Matthies

Selbst die Kampagne gegen Wehrpflicht hat gewisse Probleme mit ihrem berühmtesten Mitarbeiter. "Die angeklagte Person Samira F." heißt es in der Presseerklärung zum Bielefelder Prozess, in dem der Farbbeutelwurf auf Außenminister Fischer geahndet werden soll. Person? Im medizinisch verbindlichen Sinn handelt es sich wohl um einen Mann, der allerdings ein langes schwarzes Kleid trägt, die langen Haare zu einem strengen Knoten zusammengebunden hat und durch eine ebenfalls schwarze, heftig geschwungene Brille blickt, bei der nicht ganz genau zu erkennen ist, ob sie aus optischen Gründen nötig ist oder eher, um damit den Eindruck eines geschlechtlich eindeutig zugeordneten Angeklagten zu verwischen. Sind das Arabesken, die nichts mit der Sache - der Körperverletzung des Außenministers - zu tun haben?

Der Angeklagte sieht das ganz anders. Denn für ihn ist die Einteilung der Menschheit in Mann und Frau nur der Ausdruck eines "bipolaren Denkens", das die Voraussetzung für "gesellschaftlich legitimiertes Morden" sei. Er hat, weil das alles ein wenig kompliziert erscheint, eine schriftliche Erklärung mitgebracht, deren Verlesung ihn etwa 25 Minuten lang beschäftigt. Sie ist geschliffen formuliert, was sogar der Staatsanwalt später respektvoll einräumt, und sie fasst die bekannten Argumente für die Auffassung zusammen, dass das Eingreifen der Nato, insbesondere der Bundeswehr, im Kosovo ein illegitimer kriegerischer Akt gewesen sei. Ja, sagt Samir Fansa, er habe den Farbbeutel am 13. Mai 1999 geworfen mit der Absicht, Fischer "blutrot zu markieren", eine Verletzung habe er nicht erwartet und nicht beabsichtigt. Doch die Verletzung ist passiert, in der Sprache der Mediziner handelte es sich um eine "Perforierung des Trommelfells im unteren rechten Quadranten mit einer Einklappung des Trommelfells nach innen". Das Amtsgericht Bielefeld hatte diesen Vorgang bereits im September 1999 mit einem Strafbefehl geahndet: sieben Monate auf Bewährung mit der Auflage, 1500 Mark an eine gemeinnützige Organisation zu zahlen. Da Samir Fansa diesen Strafbefehl nicht akzeptiert hatte, musste er am gestrigen Donnerstag zur mündlichen Verhandlung erscheinen.

Wer ist Samir Fansa überhaupt? Er ist 37 Jahre alt, wohnt offiziell in Kreuzberg und schlägt im Gespräch selbst die Berufsbezeichnung "Computer-Fachkraft" vor. Mehr ist ihm darüber nicht zu entlocken, mehr Privates mag er auch vor Gericht nicht sagen, und deshalb sind Journalisten auf Kleinigkeiten aus den verschiedenen Archiven angewiesen. Sie zeichnen das Bild eines Außenseiters, der mit den Regeln des bürgerlichen Staats offenbar schon lange nichts mehr anfangen kann. Die Bielefelder Polizei hat kurz nach dem Angriff auf Fischer bestätigt, dass Fansa wiederholt wegen Kleinigkeiten aufgefallen und einmal erkennungsdienstlich behandelt worden sei, weil er 1990 bei der Eröffnung der Stadthalle mit Dosen geworfen haben soll. Doch auch in ganz anderem gesellschaftlichem Kontext scheint er Probleme zu haben, denn so soll er im vergangenen Jahr als ABM-Mitarbeiter beim Berliner Kinderzirkus "Cabuwazi" gescheitert sein, weil er laut einer Zirkus-Verlautbarung nicht zur übrigen Belegschaft gepasst habe. Sein gegenwärtiges Einkommen beziffert er vor Gericht auf 1000 Mark monatlich, nachdem ihm der Richter bedeutet hat, er könne sonst bei der Festsetzung der Strafe eventuell zu einer nachteiligen Schätzung kommen.

In seiner schriftlich fixierten Erklärung empört er sich darüber, dass die Presse nach dem Anschlag von einem "Mann im Rock" und von einem "Transvestiten" gesprochen habe; er finde das absurd, denn, so meint er, niemand hätte ja andernfalls von "Mann mit Hose" oder "Frau mit Rock" gesprochen, nicht wahr? Dass man seine Tat so intensiv verfolge, habe einen doppelten Grund: Zum einen habe er nämlich den Minister als Kriegstreiber demaskiert, zum anderen aber durch seinen nicht eindeutigen Habitus und den Wurf auf das "geschlechtsuneindeutige" Ohr "das Geschlechterverhältnis in Frage gestellt".

Ebenso wie der Angeklagte selbst versuchen seine beiden Verteidiger in langen Plädoyers, den nach ihrer Auffassung verwerflichen Charakter des Kosovo-Kriegs herauszustellen. Zeitweise entsteht der Eindruck einer Vorlesung über Konspirationstheorien, in deren Mittelpunkt die These steht, der moderne Krieg orientiere sich nicht mehr an Machtblöcken, sondern ziele auf die Auflösung gesellschaftlicher Strukturen, um neue Eliten gegen die "Talibanisierung" der Welt in Stellung zu bringen. Schließlich, gibt ein Anwalt zu bedenken, sei der Farbbeutelwurf auch ein Teil des politischen Vokabulars Joschka Fischers, komme insofern einer legitimen verbalen Attacke gleich und sei ein angemessenes Mittel gegen die Kriegstreiberei.

Schwere Kost, die Amtsrichter und Staatsanwalt ruhig über sich ergehen lassen, zumal sie schon vorher hatten erkennen lassen, dass es ihnen letztlich auf die Bewertung der Körperverletzung ankomme und nicht auf eine Würdigung des Krieges selbst. Der Staatsanwalt mag einen minderschweren Fall von Körperverletzung nicht gelten lassen, da der Angriff auf einem Parteitag stattgefunden und sich insofern gegen einen Akt demokratischer Willensbildung gerichtet habe. Juristische Spitzfindigkeit: Für ein Urteil wegen gefährlicher Körperverletzung ist es nötig, eine "gefährliche Waffe" dingfest machen zu können - eine Rolle, zu der sich der mit roter Dispersionsfarbe gefüllte Plastikbeutel nur bedingt eignet, zumal die anfangs darin vermutete Buttersäure wohl nie existiert hat. Doch die Gefährlichkeit sei durch die Verletzung bewiesen, meint der Ankläger und sieht sich durch einen Fernsehausschnitt bestätigt, der gezeigt wird: Der Beutel traf ohne Zweifel mit viel Schwung.

Es ist dem Richter wohl nicht übel zu nehmen, dass er sich aus dieser komplizierten Gemengelage mit einem Urteil hinausrettet, das allen Seiten gerecht zu werden versucht. Gefährliche Körperverletzung, konstatiert er, "aber an der unteren Grenze", also minderschwer. 120 Tagessätze zu je 30 Mark. Ganz wohl scheint ihm bei der Verkündung nicht zu sein, denn er stößt die Worte so schnell heraus, dass die Zuhörer irritiert protestieren. Was hat er jetzt gesagt?

Am Ende stehen die Antimilitaristen frierend auf der Straße und feiern ihren Helden noch ein wenig. Drumherum stehen Polizisten, viele Polizisten und wundern sich über die bunten Vögel mit den Perücken, den Federboas und den hohen Hacken. Ob das den Sicherheitsaufwand gelohnt hat?

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