Zeitung Heute : Farbe für den Film 8. bis 18. Februar

Ein Auge von Sylvester Stallone – einen Meter im Durchmesser, der Kopf sieben. Götz Valien und Michael Werner malen Kinoplakate. Sie gehören zu den Letzten dieser Zunft

Kerstin Decker

Weit weg vom Glanz der Berlinale, auf der Bezirksgrenze zwischen Berlin-Wedding und Reinickendorf, steht auf einem Hinterhof ein Schuppen. Vielleicht ist es auch eine Garage. Ein Teil des Daches ist abgedeckt, dafür liegen ein paar Reste Plastikfolie obendrauf, bestimmt vom Sturm hochgeweht. Rundherum steht Gerümpel. Und das soll eine Werbeagentur sein?

Indizien sprechen dafür: ein unverkennbares „inale 2003“ in dem roten langgezogenen Schriftzug auf schwarzem Grund ragt aus dem Gerümpel heraus, fehlt nur noch das „Berl“ vorn dran. Holzrahmen, Nesselleinwand, gemalt. Auch in diesem Jahr ist die Firma „Werner Werbung“ verantwortlich für die großen Plakate der Berlinale-Reihen an den Kinos Zoopalast, Delphi oder International. Seit 25 Jahren macht sie das schon, die Berlinale ist 31 Jahre älter. Aber „Plakat“ ist das ganz falsche Wort, es sind eben Leinwände, handbeschriftet und coloriert. Und das ist noch nicht alles. Hier arbeitet der vielleicht letzte Filmplakatemaler Deutschlands.

Von innen sieht der Schuppen fast aus wie ein Atelier, bloß ohne Tageslicht. Gleich rechts eine riesige schwarze Wand in sechs Teilen, neun Meter mal sechs Meter insgesamt, gleich links im roten, bespritzten Overall ein dünner Mann mit schwarzer Mütze. Entfernte Ähnlichkeit mit Johnny Depp. Bis auf den Overall. Er schaut gelassen, fast ein wenig übermütig auf ein kleines „La vie en rose“-Plakat. „La vie en rose“ ist morgen der Berlinale-Eröffnungsfilm, gleich nach dem Festival startet er im Delphi, und bis dahin muss das Plakat fertig sein. In dem 9 x 6-Format. Der Johnny- Depp-Typ ist sich nicht sicher, ob er da überhaupt hingucken muss beim Malen.

„Sehen sie das? Ein Mikrofon, ein blauer Vorhang, ein paar am Boden verstreute Rosen. Das ist eine Ehrenrunde.“ Das heißt, der Absolvent der Wiener Kunstakademie Götz Valien macht das im Vorbeigehen, im Vorbeimalen gewissermaßen. An der Stirnseite des Hallenschuppenateliers lehnt das Plakat von „Chocolat“, dem Lasse-Hallström-Film mit Juliette Binoche und Johnny Depp, längst verblichener Berlinale-Jahrgang. Es hat Filmtheater-am-FriedrichshainFormat, Valien sagt: also eine Briefmarke, keine drei Meter hoch. Juliette Binoche steckt Johnny Depp eine Praline in den Mund, alles im Schokoladen-Ton mit so einem Rembrandt-Leuchten auf den Gesichtern.

Gesichter malt Valien am liebsten, besonders von Schauspielern, die er mag. Also Johnny Depp und Juliette Binoche. Aber die anderen sind auch nicht reizlos. Zum Beispiel Sylvester Stallone oder Arnold Schwarzenegger in XXL, die brauchte in den 90er Jahren der Royal-Palast am Ku’damm. Ein Kopf sieben Meter groß, ein Stallone-Auge ein Meter! Wie man da die Augenfalten malen konnte. Ganze Gebirge mit tiefsten Schluchten und bedenklichen Kratern hatte er dem Stallone da um die Augen aufgerichtet. Vielleicht kennt sich niemand sonst auf den Gesichtern der Stars so gut aus wie Götz Valien. Und bestimmt darf kein zweiter Maler solche globusgroßen Schweißtropfen malen wie er.

Im Augenblick geht es ausnahmsweise nicht um Gesichter. Mit der großen schwarzen sechsteiligen Wand dort drüben, die gleich sämtliche BerlinaleSchriftzüge und die Namen aller Sponsoren tragen soll, hat der letzte Kinoplakatmaler nichts zu tun, denn das ist was für die Schriftmaler, also für Rasit Karabas, Gabriele S. und Michael Werner. Werner ist der Chef. Also für die beiden anderen. Mittwochnachmittag muss das alles vorm Delphi hängen.

Rasit Karabas hält den Projektor, so dass auf den schwarzen Riesenleinwänden ganz blass die Umrisse dessen erscheinen, was jeder, der ab Freitag zur Berlinale-Forum-Reihe ins Delphi will, wissen muss. Karabas, geboren in der Türkei, ist Werners letzter festangestellter Mitarbeiter. Früher waren sie alle fest bei ihm, aber was ist schon noch wie früher seit dem großen Kino-Sterben am Ku’damm?

Michael Werner könnte ebenso gut eine Autowerkstatt oder eine Fleischerei haben, beides würde zu dem kompakten Mann mit der typischen generös-würdevollen Ausstrahlung eines Mittelstandschefs noch besser passen als ausgerechnet eine Werbeagentur, Hauptzweig Kinomalerei. Aber daran ist sein Vater schuld.

Vor 71 Jahren malte ein nicht mehr ganz so kleiner Junge in einem böhmischen Dorf ein riesengroßes Plakat. Denn am Wochenende sollte in der Kneipe des Nachbardorfs der Ufa-Film „Schlussakkord“ gezeigt werden, und sein Plakat würde das allen mitteilen. Heinrich Werner lernte gerade den Beruf des Vergolders, denn in seinem Dorf konnte ein begabtes Kind entweder Vergolder oder Glasgraveur werden, aber das Filmplakat-Malen, merkte er, machte ihm noch viel mehr Spaß. Natürlich wurden schon vorher Plakate für den Samstagabend-Film gemalt, bloß darauf konnte man nie erkennen, wer mitspielte. Auf Heinrich Werners Plakat aber waren eindeutig Lil Dagover und Willy Birgel.

Heinrich Werner musste den „schauspielerisch kultivierten Rührfilm“ bald verlassen, um in den Krieg zu ziehen. Mein Vater war sehr klein, sagt Michael Werner und zeigt auf die untere Hälfte seines beachtlichen Brustkorbs. Jedenfalls bestanden Heinrich Werners Hauptverdienste um den deutschen Seekrieg bald im Abmalen von Admirälen, Konteradmirälen, etwas niedrigeren Dienstgraden sowie deren Angehörigen. Und jedes Mal war es genau wie bei Lil Dagover und Willy Birgel: Der Admiral sah aus wie er selber, der Konteradmiral auch … Im Mai 1945 hatte Heinrich Werner dann genau zwei Möglichkeiten. Entweder er ging mit den anderen in Gefangenschaft und zeichnete weiter Admiräle, die nun Ex-Admiräle waren, oder er versuchte, zu fliehen und bis nach Berlin zu laufen. In Berlin sah Werner sofort, dass sie hier im Augenblick keine Vergolder brauchten, auch keine Marinemaler, aber Kinoplakatemaler war ein hervorragender Beruf im Frühjahr 1945.

„Ich glaube, sein erstes Plakat hat er fürs Delphi gemalt“, sagt der Sohn.

„Mir hat er erzählt, das erste war für die Kurbel“, sagt der letzte Filmplakatemaler.

Der Sohn wiegt zweifelnd den Kopf, er ist der Chef hier, und er bleibt dabei: „Das erste war fürs Delphi.“

Nach dem Krieg gab es allein in Berlin 20 Kinomalereien, und am 1. September 1945 gründete Heinrich Werner seine eigene Firma, die Werner Werbung. Vielleicht ist das heutige Logo auch noch von ’45. Die beiden grünen Ws von „Werner“ und „Werbung“, schräg untereinanderstehend, sehen recht zackig aus und von jedem W-Ende geht ein Spruchband aus.

1970 war Werner Werbung schon die einzige Kinomalerei in West-Berlin. Aber das störte nicht. Heinrich Werners Firma bemalte den ganzen Ku’damm, da waren noch fast alle Ku’damm-Kinos da. Und für diese Traditionskinos war es eine Frage der Ehre, auch Traditionsplakate zu haben, also handgemalt auf Nessel und nicht diese Allerweltsdruckplakate. „Natürlich sollte ich die Firma übernehmen“, sagt der Chef. Aber nicht nur dass sein Vater die ganze Woche berufsmäßig malte, am Wochenende malte er auch noch freizeitmäßig zu Hause. Unmöglich, durch die Wohnung zu gehen, ohne sofort über eine Staffelei zu fallen. Und dieser ewige Farben- und Terpentingeruch. In einer richtigen Wohnung, fand Michael Werner, sollte es ganz anders riechen. Nach Essen zum Beispiel. Michael Werner beschloss, Koch zu werden.

Das Kochprojekt hat er erst nach einem Monat Kartoffelschälen im Hilton aufgegeben; Götz Valien, der letzte Filmplakatemaler, wusste dagegen schon immer, dass er Maler werden würde. Nur an Filmplakate dachte er nie. Gut, dass er auf der Wiener Kunstakademie etwas wollte, was sonst eigentlich keiner wollte: die klassischen Techniken lernen. Er hätte das Rembrandt-Leuchten auf den „Chocolat“-Gesichtern sonst nie so hingekriegt. Und nicht den Schichtenauftrag. Die klassischen Techniken brauchst du doch gar nicht, sagten seine Mitstudenten, wir sind Künstler, moderne Künstler müssen nicht malen können. Eigentlich hatten sie recht.

Als Götz Valien Mitte der 80er Jahre nach Berlin kam, weil er eigentlich nach New York und hier nur mal kurz einen Freund besuchen wollte, befand er sich gerade in der Horror-Vacui-Phase seiner Malerei. Er malte große leere Flächen. Das passte zu seiner Weltsicht in der Orientierungsphase. Der Besuch in Berlin dauerte dann doch etwas länger. „Und als ich hörte, dass ein alter Maler alle Kinoplakate Berlins ganz allein malt oder fast allein, wollte ich den kennenlernen“, sagt Valien. Er rief an – und blieb da. Andere Bewerber vor ihm mussten wieder gehen. Zum Beispiel die, die für eine Julia-Roberts-Haarwelle einen halben Tag brauchten, selbst wenn es dann fast eine Rembrandt-Welle wurde. Und die, die nicht so groß malen konnten. Und die, die nicht so schnell malen konnten. Auch die, auf deren Plakaten die Schauspieler nicht zu erkennen waren wie bei Heinrich Werners Vorgänger in Böhmen.

Manchmal entwirft Valien beim Malen in Gedanken ein Drehbuch. Er hat schon mehrere geschrieben. Als Regisseur kann er sich dafür nur einen vorstellen: sich selbst. „Ich hab den Film beim Schreiben doch schon bis zum letzten Schnitt vor Augen. Ich seh ihn doch. Nur die anderen nicht.“ Wahrscheinlich hat er ihn in Gedanken auch schon ausgeleuchtet. Beim ersten Blick auf die Vorlage weiß er, welche Lampen an sind. Die deutschen Schauspieler sind fast immer schlechter beleuchtet als die Amerikaner. Erfahrungswert.

Grundsätzlich entscheidet Götz Valien selbst über das Alter eines Schauspielers. Neuerdings fehlt Robert De Niro auf den offiziellen Verleihplakaten öfter mal das Muttermal an der Wange. Das ist nicht gut, findet Valien, also malte er das Muttermal wieder rein. Zu viel Rücksicht ist ohnehin nicht gut. Beim letzten Mal hatte Bruce Willis auf den Verleihfotos die Haut eines Teenagers, da wollte Valien nicht gemein sein – immerhin sind sie beide ungefähr im selben Alter, das schafft Solidarität –, und da hielt er sich mit den Schluchten zurück und hat sogar den Pfirsichton gelassen. Aber dann sagten welche: Na, mit dem Willis neulich, das hat wohl nicht so geklappt, oder? Das hat ihn gekränkt. Und nur weil ein unechter Willis als Foto echter aussieht als ein gemalter.

Das passiert ihm mit seinen eigenen Bildern nicht. Er nennt ihren Stil „virtuellen Realismus“. Alles ganz real surreal. Eben kommt Valien von der Kunstmesse in Miami, noch im Februar soll er mit seinen Bildern in New York sein. Aber davor muss „La vie en rose“ fertig werden. Und noch ein Riesenplakat für einen ARD-Film mit Maria Furtwängler, der nur einen Tag – ! – im Delphi läuft. Aber mit 9 x 6m-Leinwand. „Die Flucht“: ein unendlicher Flüchtlingstreck im Schneegestöber. Gesichter über Gesichter, tausend Details. Valien hebt die Augenbrauen. Das grenzt an Arbeit. Für nur einen Tag! Aber die „Flucht“-Schneeflocken, findet der letzte Filmplakatemaler, könnte wirklich jemand anderes machen.

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