Farin Urlaub : Ich ess Blumen

Er mag kein Fleisch, trinkt keinen Alkohol – und will trotzdem ein höflicher Gast sein. Auf seinen Weltreisen lässt sich Farin Urlaub von den „Ärzten“ viel einfallen, um zu überleben.

Einmal, da bin ich mit meinem Bandkollegen Bela durch Vietnam gereist, und in einem Dorf luden uns die Bewohner zum chinesischen Neujahr in eine Hütte ein. Dort stand ein riesiger Topf: Schnaps, selbst gebrannter, literweise, und dann drückten sie uns Becher in die Hand. Das Problem ist nur: Ich trinke niemals Alkohol. Außerdem bin ich Vegetarier. Wenn ich durch die Welt reise, kollidieren meine Ernährungsgewohnheiten also oft mit den Sitten der Länder, in denen ich bin, eine Einladung kann man ja nicht einfach ausschlagen. Auf Kreta hätte mich beinahe mal ein Gastgeber verprügelt, weil ich nicht mit ihm Raki trinken wollte. Damit hatte ich ihn richtig beleidigt, innerhalb von drei Sätzen hatte sich unser Verhältnis von „Du bist mein bester Freund“ zu „Verlass sofort mein Haus!“ gewandelt. Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, wie ich das kommunizieren muss. Ich war mittlerweile in 100 Ländern, bin jedes Jahr viele Monate auf Reisen – da sammelt man Erfahrung.

In der Hütte in Vietnam habe ich nach der Einladung ein enttäuschtes Gesicht gemacht und gesagt: wie schade. Wir feiern in Deutschland gerade das Jahr des Kranichs, und da dürfen wir das ganze Jahr nichts trinken, weil Kraniche ja auch so wenig trinken. Unsere Gastgeber waren entsetzt: Was? Das ganze Jahr nicht? Aber sie haben es sofort verstanden: Wenn es die Religion eben verbietet! Bela durfte dann natürlich auch nichts trinken, da hat er enttäuscht geguckt.

Dass ich kein Fleisch essen will, erscheint vielen Menschen undenkbar. Ich komme aus Europa, und wenn ich reisen kann, bin ich doch offenbar reich. Wenn ich eingeladen werde, sage ich, dass es in meiner Kultur eben so ist, dass das Fleisch den Gastgebern vorbehalten ist und dass ich sehr gerne alle Beilagen esse. Bisher habe ich immer Glück gehabt. Einmal in Angola war ich bei einem Häuptling zu Gast, da gab es schon sehr kritische Blicke, er war enttäuscht, dass ich die ganzen guten Speisen verschmähe und mich an Maniok und Hirse halte. Ich habe dafür den halben Nachtisch alleine gegessen, da war er dann zufrieden.

Wenn ich unterwegs bin, reise ich meist mit dem Motorrad oder mit meinem Jeep, den habe ich für meine siebenmonatige Indienreise auch dorthin verschiffen lassen. Der größte Luxus, den ich mir unterwegs leiste, ist mein Kühlschrank. Durch die Wüste zu fahren und nach hinten greifen zu können und ein kaltes Getränk zu haben, das ist fantastisch. Außerdem kann ich Käse oder Salat mitnehmen, der länger als einen Tag hält. Sonst habe ich nicht viel dabei: meine Kamera, Klopapier, Konservendosen, ein paar Klamotten und einen Schlafsack, das reicht.

Unter Touristen gibt es ja immer eine Hierarchie. Man hält sich selbst stets für etwas Besseres. Wer pauschal bucht, aber ohne Vollpension und abends noch im Dorf essen geht, der guckt schon auf die All-inclusive-Urlauber herab. Ich, der ich draußen zelte, schaue natürlich mit Verachtung auf die, die im Hotel schlafen. Aber ganz am Ende bin ich ja auch wieder nur Tourist. Trotzdem schäme ich mich oft für andere Reisende.

Ich will aber nicht zu viel lästern. Viele verhalten sich aus Angst oder aus Nichtwissen falsch, einfach, weil sie keine Zeit haben, sich lang mit einem Land zu beschäftigen. Ich verstehe das auch: Wer 50 Wochen im Jahr arbeitet, will sich gar nicht mit einer Kultur auseinandersetzen, sondern am Strand liegen und ein Getränk serviert bekommen.

Wenn ich selbst wenig Zeit habe, mich vorzubereiten, dann schaue ich in die „Kauderwelsch“-Übersetzungsbände. Dort gibt es neben den wichtigsten Floskeln einige Tipps zum Verhalten, zum Beispiel, was das Essen betrifft. Ansonsten muss man sich seine Tischsitten eben bei den anderen abschauen. In Ländern, wo man beim Essen nicht auf Stühlen sitzt, sollte man zum Beispiel darauf achten, wo die anderen ihre Füße haben. In vielen Gegenden ist es unhöflich, die Füße auch nur im Entferntesten Richtung Essen zu strecken. Also packt man sie unter die Knie oder setzt sich drauf.

Interessante Tischsitten findet man überall. Auf einem japanischen Tisch etwa stehen mehrere gemeinsame Schüsseln mit dem Essen für alle, und dann gibt es eine persönliche Schüssel. Die muss komplett geleert werden, bis zum letzten Reiskorn. Das ist die Höflichkeit gegenüber der Gastgeberin, die das hinterher sauber machen muss. Und alter Reis, der klebt so sehr wegen seiner Stärke, den bekommt man kaum raus. Eine schlaue Sitte.

Japan ist sowieso eine sehr diffizile Kultur. Schon bei den Stäbchen muss man extrem aufpassen. Man darf damit niemals auf andere Leute zeigen, das ist, als würde man ihnen eine Pistole auf die Brust setzen. Du darfst sie nicht in den Reis stecken, das erinnert an einen Totenkult. Du darfst auch nie vier oder neun Stück von etwas bestellen, das sind ebenfalls beides Symbole des Todes. Wenn du diesen Fauxpas begehst, serviert man dir beispielsweise drei Stück Sushi und eines separat, niemals vier zusammen.

Viel interessanter als die Unterschiede zwischen den Esskulturen finde ich allerdings die Ähnlichkeiten: Es gibt zum Beispiel überall auf der Welt eine deutliche Trennung zwischen Süß- und Salzspeisen, nur die Nouvelle Cuisine hat versucht, das aufzulösen. Die Geschmacksnerven aller Menschen scheinen da ähnlich zu sein, dass man erst das eine isst und dann das andere.

Was sich auch durch fast alle Kulturen zieht, ist die kurze Pause, bevor man anfängt zu essen. „Herr Jesu, sei unser Gast, segne, was du uns bescheret hast“, das kennt man ja aus Deutschland. Es wird nicht überall auf der Welt etwas gesagt, aber es wird überall kurz innegehalten und gedankt, bevor gegessen wird.

Ich habe tatsächlich festgestellt, dass die Gastfreundschaft auf der Welt gerade dort am größten ist, wo die Menschen am ärmsten sind. Es stimmt nicht in allen Kulturen, aber als Faustregel gilt das. Arme Regionen sind häufig aufgrund der Knappheit der natürlichen Ressourcen so arm. Wenn man da nicht ein gewisses Maß an Zusammenhalt an den Tag legt, dann verliert man, dann sterben alle. Das ist wie in der Spieltheorie: Man muss teilen, um zu überleben. Auch wenn du heute genug zu essen hast und deinen Nachbarn einlädst, ist das in vier Wochen vielleicht schon wieder umgekehrt.

Ich war nur ein einziges Mal in einem Land, in dem ich das Gefühl hatte, dass ich jemand anderem etwas wegesse. Das war in Burkina Faso, in einem Teil, der sehr, sehr arm war. Ich konnte es mir zwar leisten, Kartoffeln zu kaufen, aber wenn ich sie gegessen hätte, hätte abends jemand anders Hunger gehabt. Ich bin so schnell wie möglich weggefahren.

Ich versuche für den Notfall immer einen Essensvorrat dabei zu haben, meistens Dosen. Allerdings gibt es die nicht in jeder Weltgegend. Wenn die Menschen direkt neben ihren Feldern leben, wäre es völliger Widersinn, die Lebensmittel wegzuschaffen, sie eindosen zu lassen und dann wieder herzuschaffen. Mir ist dadurch erst aufgefallen, wie weit wir uns in den Industrieländern von unserem Essen entfernt haben. Ich habe auf meinen Reisen oft gesehen, wie das Fleisch aus dem Stall auf den Teller wandert, und ich glaube, wenn alle, die Fleisch essen, es selber schlachten müssten, dann hätten wir morgen sehr, sehr viele Vegetarier.

Ich habe ein Standardgericht, das mich begleitet, weil es sich fast überall auf der Welt zubereiten lässt: Afrikasalat. Meine Schwester und ich haben es so getauft, als wir vor Jahren in Westafrika unterwegs waren. Das Rezept ist einfach. Man nimmt alles, was an Grünzeug da ist. Oft ist es nur Kohl, vielleicht kriegt man ja Tomaten, Zwiebeln gibt’s überall auf der Welt. Und mit Glück findet man sogar ein Stück Käse und eine Büchse Tunfisch. Ich habe immer Essig und Öl dabei, außerdem Pfeffer und Salz, das reicht. Es ist oft die einzige richtige Mahlzeit am Tag und dementsprechend richtig groß.

Ich bin auch zu Hause kein großer Koch. Ich koche nicht, ich bereite zu. Kochen heißt für mich, aus vielen Zutaten etwas kreieren. Das kann ich musikalisch, aber nicht kulinarisch. Zubereiten heißt: Nudeln mit Tomatensoße machen. Im Jeep mache ich eben Salat, und wenn ich längere Zeit nicht auf einem Markt war, dann gibt es Salat, Salat, Salat. Es geht ja auch nicht um die Abwechslung, die hat das Auge, dem Magen ist das egal, Hauptsache, er bekommt etwas.

In Asien oder Afrika bekommt man gerade auf den Märkten fantastisches Essen, frisch gekocht. Der typische mitteleuropäische Magen verträgt allerdings nicht alles davon. Mein Magen ist mittlerweile recht widerstandsfähig, er bekommt regelmäßig Dinge zu essen, die nicht steril und abgekocht sind. Diese Krankenhaushygiene, die in den Industrieländern um das Essen herrscht, halte ich sowieso für falsch. Die Menschen haben deswegen so viele Allergien, weil sie keine Widerstandskräfte mehr haben.

Auf Reisen bin ich allerdings auch vorsichtig. Ich filtere mein Wasser und schmeiße hinterher immer noch eine Micropur- oder Chlortablette hinein. Salat kaufe ich nur, wenn der Händler vertrauenswürdig aussieht. Woher ich das weiß? Wenn du auf einen Markt gehst und alle drängeln sich um einen Stand, dann muss das Essen dort in Ordnung sein, der Händler kann ja nicht alle bestochen haben.

Ich weiß nicht, ob meine Reisen meine Essgewohnheiten so stark beeinflusst haben. Aber: Wenn ich wieder in Deutschland bin und wir mit den Ärzten auf Konzerttour sind, dann bin ich für zwei Dinge bekannt. Erstens: Ich bin der Einzige, der unterwegs zunimmt – wir haben unsere eigenen Köche dabei, und die verwöhnen uns wirklich. Zweitens: Ich kombiniere Speisen gerne so, dass genau diese Köche Nervenzusammenbrüche bekommen. Vielleicht liegt das am robusten Magen. Ich will keine Beispiele nennen, um mich nicht als kulinarischer Analphabet zu entblößen. Aber die Frage „Musst du dazu wirklich Sauerkraut essen?“ höre ich ständig.

Über seine letzte, sechsmonatige Reise hat Farin Urlaub soeben einen Bildband veröffentlicht: „Indien & Bhutan. Unterwegs 1“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf, 496 S., 700 Abb., 98 Euro).

Aufgezeichnet von Philipp Schwenke

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