Zeitung Heute : Faschismus als Erscheinungsform des Totalitarismus?

Verbrecherbande oder Agenten des Kapitalismus - die Interpretationen gehen auseinander

Robert O. Paxton

Wenn man den Faschismus als dynamischen Prozeß betrachtet, erleichtert dies die Beurteilung all der vielen Interpretationsversuche der vergangenen Jahre. Die ersten Erklärungsversuche, bei den Faschisten habe es sich um eine Verbrecherbande, die die Macht an sich riß, oder um Agenten des Kapitalismus gehandelt, haben nie ganz ihren Einfluß verloren. Bertolt Brecht schaffte es sogar, beide Versionen in seinem Chicagoer Gangster Arturo Ui zu vereinen, der durch Schutzgelderpressung von Gemüsehändlern an die Macht kommt.

Diese frühen Interpretationsversuche hatten jedoch ernsthafte Schwächen. Wenn Faschismus und seine Aggressionen die Untaten von Verbrechern sind, die in einer Zeit des moralischen Verfalls an die Macht kommen, haben wir keine Erklärung dafür, warum dies an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit eher geschah als anderswo, oder wie diese Geschehnisse im Zusammenhang mit ihrer jeweiligen Vorgeschichte stehen. Für klassische Liberale wie Benedetto Croce oder Friedrich Meinecke war es schwierig zu erkennen, daß ein Teil der Chancen für den Faschismus auch in der Auszehrung und Begrenztheit des Liberalismus selbst lag, oder gar, daß verängstigte Liberale ihm mit an die Macht geholfen haben sollten. Ihre Erklärungsansätze bleiben beim Zufall stehen und beließen es bei der individuellen Verantwortung einzelner Krimineller.

Auch den Faschismus einfach als Werkzeug des Kapitalismus zu betrachten, führt in die Irre, und zwar in zweierlei Hinsicht. Die enge und starre Formulierung, Faschismus sei „die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten und imperialistischsten Elemente des Finanzkapitals“, die von Stalins Dritter Kommunistischer Internationale zur Orthodoxie erhoben wurde, sprach dem Faschismus autonome Wurzeln und eine wirkliche Attraktivität bei der Bevölkerung ab. Schlimmer noch, sie ignorierte das Element menschlicher Entscheidungen, indem sie den Faschismus zur unvermeidlichen Konsequenz einer unentrinnbaren Krise der kapitalistischen Überproduktion machte.

Aber dennoch zeigt eine nähere empirische Betrachtung, daß wahre Kapitalisten, selbst wenn sie die Demokratie ablehnten, letztlich eher zu autoritären Politikern als zu den Faschisten tendierten.

Was die gegenteilige Interpretation betrifft, die Unternehmerschaft sei vielmehr ein Opfer des Faschismus, werden hier die allgegenwärtigen Reibereien auf der mittleren Ebene viel zu ernst genommen, ebenso wie die Nachkriegsanstrengungen der Unternehmer, sich selbst reinzuwaschen. Auch hier brauchen wir ein subtileres Erklärungsmodell, das die Wechselwirkungen von Konflikt und Anpassung berücksichtigt.

Recht früh schon traten neben diese ersten Interpretationsversuche weitere Erklärungsmodelle. Der offensichtlich obsessive Charakter einiger Faschisten rief geradezu nach der Psychoanalyse. Mussolini schien zwar mit seiner hohlen Protzerei, seinen notorischen Frauengeschichten, seiner Pedanterie und seinem Geschick bei kurzfristigen Manövern, bei denen er schließlich den Überblick verlor, nur allzu banal. Hitler war da von anderem Kaliber. Waren seine gelegentlich bizarren Verhaltensweisen kalkulierter Bluff oder Anzeichen für Irrsinn? Seiner Geheimniskrämerei, Hypochondrie und Rachsucht, seinem Narzißmus und Größenwahn standen ein rascher Verstand, ein gutes Gedächtnis sowie die Fähigkeit zum Charme, wenn es darauf ankam, und außergewöhnliche taktische Cleverness gegenüber. Alle Versuche, ihn zu psychoanalysieren, litten unter der Unerreichbarkeit des Subjekts ebenso wie an der unbeantworteten Frage, warum denn dann, wenn einige Faschistenführer tatsächlich geistesgestört waren, ihr Publikum sie so angehimmelt hat und sie sich tatsächlich so lange an der Macht halten konnten. Wie auch immer, der aktuellste und derzeit maßgebliche Hitlerbiograph Ian Kershaw schließt richtig, daß man sich weniger auf die Exzentrizitäten des Führers konzentrieren solle als auf die Rolle, die die Deutschen auf ihn projizierten und die er fast bis zum Ende erfolgreich ausfüllte.

Der Soziologe Talcott Parsons vermutete schon 1942, der Faschismus sei durch Entwurzelung und Spannungen aufgrund ungleicher wirtschaftlicher und ökonomischer Entwicklungen entstanden – eine frühe Form der Diskussion um das Verhältnis von Faschismus und Modernismus. Parsons argumentierte, in Ländern, die sich schnell, aber spät industrialisierten, wie Italien oder Deutschland, seien Klassenspannungen besonders stark und Kompromisse durch die noch vorhandenen vorindustriellen Eliten blockiert gewesen. Diese Interpretationen hatten das Verdienst, Faschismus als ein System zu behandeln und als das Produkt der Geschichte, wie es auch die Marxisten taten, doch ohne deren Determinismus, Begrenztheit und wackligen empirischen Unterbau.

Ein weiterer soziologischer Ansatz behauptete, die Einebnung sozialer Unterschiede durch Urbanisierung und Industrialisierung seit dem späten 19. Jahrhundert habe eine atomisierte Massengesellschaft geschaffen, ungebändigt durch Traditionen oder Gemeinschaftssinn, in der Haßprediger eine bereitwillige Zuhörerschaft gefunden hätten. Auch Hannah Arendt arbeitete im Rahmen dieses Paradigmas, als sie analysierte, wie der neue entwurzelte Mob, losgelöst von allen sozialen, intellektuellen oder moralischen Bindungen und berauscht von antisemitischen und imperialistischen Leidenschaften den Aufstieg einer grenzenlosen, massenbasierten und plebiszitären Diktatur in nie dagewesener Form ermöglichte.

Die besten empirischen Arbeiten darüber, wie der Faschismus Wurzeln schlug, unterstützen diesen Ansatz jedoch nicht. Die deutsche Gesellschaft der Weimarer Zeit war reich strukturiert, und der Nationalsozialismus rekrutierte ganze Organisationen durch sorgfältige, gezielte Ansprache spezifischer Interessen. Es gab das Sprichwort: „Zwei Deutsche, eine Diskussion, drei Deutsche, ein Verein.“ Die Tatsache, daß deutsche Vereine für alles mögliche, vom Gesangs- zum Sterbegeldverein, bereits in sozialistische und nichtsozialistische Netzwerke getrennt existierten, erleichterte die Ausgrenzung der Sozialisten und die Übernahme der übrigen Organisationen durch den Nationalsozialismus, als Deutschland in den frühen 1930ern immer stärker polarisiert wurde.

Auch einfache Interpretationen auf Grundlage der Sozialstruktur faschistischer Bewegungen werden durch deren notorische Instabilität unterminiert. Schon vor der Machtergreifung in Italien und Deutschland veränderte sich die Mitgliederschaft der faschistischen Parteien ständig, weil immer wieder andere Gruppen von Unzufriedenen mit Ein- und Austritten auf die wechselnden Wahlerfolge und Botschaften der Parteien reagierten. Nach der Machtübernahme wurden dann etliche Neumitglied, um die Früchte des faschistischen Erfolgs zu genießen – gar nicht zu reden von dem Problem, wo man all die vielen jungen, arbeitslosen, sozial entwurzelten oder anderweitig „zwischen den Klassen“ befindlichen neuen Anhänger der Faschisten einordnen soll. Aus solch fluktuierendem Material kann man keine kohärente soziale Erklärung des Faschismus konstruieren.

Eine Vielzahl von Beobachtern sieht den Faschismus als eine Erscheinungsform des Totalitarismus. Giovanni Amendola, der Anführer der parlamentarischen Opposition gegen den Faschismus in Italien, ist eines seiner bekanntesten Opfer. Er prägte im Mai 1923 in einem Artikel, der die faschistischen Versuche zur Monopolisierung öffentlicher Dienstleistungen in Italien anprangerte, den Begriff totalitario. Doch wie es manchmal mit solchen Epitheta geht, griff Mussolini bald selbst danach und trug es stolz vor sich her.

Wenn man bedenkt, wie oft sich Mussolini seines totalitarismo brüstete, wirkt es geradezu ironisch, daß einige bedeutendere Totalitarismustheoretiker der Nachkriegszeit ausgerechnet den italienischen Faschismus aus ihrer Typologie ausschließen. Man muß zwar einräumen, daß Mussolinis Regime in dem Bestreben, seine Beziehungen zu einer Gesellschaft zu „normalisieren“, in der Familie, Kirche, Monarchie und die Dorfnotabeln immer noch eine fest verwurzelte Macht hatten, tatsächlich von einer totalen Kontrolle weit entfernt war. Dennoch reglementierte der Faschismus die Italiener stärker als jedes andere Regime davor oder danach. Doch kein Regime, nicht einmal das Hitlers oder Stalins, schaffte es, auch noch den allerletzten Rest Privatheit und persönlicher oder Gruppenautonomie zu vereinnahmen.

Die Totalitarismustheoretiker der 50er Jahre glaubten, am besten paßten Hitler und Stalin in ihr Modell. Nach den von Carl J. Friedrich und Zbigniew K. Brzezinski 1956 entwickelten Kriterien wurden sowohl Nazideutschland wie die Sowjetunion durch Einheitsparteien regiert, die über eine offizielle Ideologie, terroristische Polizeikontrolle und ein Machtmonopol über sämtliche Kommunikationsmittel, die Armee und die Wirtschaftsorganisation verfügten. In den rebellischen 60er Jahren wurden diese Totalitarismustheoretiker dann von einer neuen Generation beschuldigt, sie dienten den Zielen des Kalten Krieges, indem sie den patriotischen Antinazismus des Zweiten Weltkriegs auf den neuen Feind, den Kommunismus, übertrügen.

Während das Totalitarismusparadigma danach eine Weile in den USA in Fachkreisen weniger bemüht wurde, behielt es bei europäischen Historikern seine Bedeutung – insbesondere in Westdeutschland bei jenen, die in der Auseinandersetzung mit den Marxisten herausheben wollten, das Entscheidende bei Hitler sei die Zerstörung der Freiheit gewesen und nicht seine Beziehungen zum Kapitalismus. Am Ende des 20. Jahrhunderts schließlich, nachdem der Zusammenbruch der Sowjetunion eine erneute Untersuchung ihrer Sünden und der Blindheit vieler westlicher Intellektueller für dieselben ausgelöst hatte, wurde das Totalitarismusmodell erneut salonfähig, zusammen mit seinem Korollar, Nationalsozialismus und Kommunismus repräsentierten ein gemeinsames Übel.

Damit wurde die totalitaristische Interpretation des Faschismus ebenso heiß politisiert wie die marxistische. Dennoch sollte sie auf der Grundlage ihrer Verdienste diskutiert werden und nicht im Hinblick darauf, welches Lager sie jeweils für sich in Anspruch genommen hat. Ihre Absicht war es, den Nationalsozialismus (und den Stalinismus) durch eine Fokussierung auf das Streben beider nach totaler Kontrolle zu erklären und mit Bezug auf die Mittel, die dazu eingesetzt wurden. Und da hatten die Überwachungsmechanismen der Nazis und der Kommunisten zweifellos viele Ähnlichkeiten. Es muß für die Opfer in beiden Systemen sehr ähnlich gewesen sein, das Klopfen an der Tür im Morgengrauen zu erwarten oder in einem Lager zu verrotten (Juden und Zigeuner natürlich ausgenommen). Auch das Recht blieb in beiden Regimes „höheren“ Imperativen von Rasse oder Klasse untergeordnet. Die Konzentration auf die Kontrollmechanismen vernebelt jedoch wichtige Unterschiede.

So ähnlich es aus der Sicht der Opfer gewesen sein mag, an Typhus, Hunger, Erschöpfung oder nach brutalen Verhören in einem von Stalins Lagern in Sibirien oder beispielsweise in Hitlers Steinbruch in Mauthausen zu sterben, unterschied sich doch Stalins Regime tiefgreifend von dem Hitlers in der sozialen Dynamik ebenso wie in seinen Zielen. Stalin herrschte über eine Zivilgesellschaft, die durch die bolschewistische Revolution radikal vereinheitlicht worden war, und er mußte sich daher nicht um autonome Konzentrationen ererbter sozialer und wirtschaftlicher Macht sorgen.

Hitler kam (vollkommen anders als Stalin) mit Zustimmung und sogar der Hilfe traditioneller Eliten an die Macht und herrschte in einem gespannten, aber effektiven Wechselverhältnis mit ihnen gemeinsam. Auch nach der Machtübernahme stand die NSDAP weiterhin mit der Staatsbürokratie, mit Industriellen und Großgrundbesitzern, Kirchen und anderen traditionellen Eliten in einer ständigen Konkurrenz um die Macht. Für diesen fundamentalen Zug des Regierungssystems der Nationalsozialisten ist die Totalitarismustheorie blind und tendiert damit dazu, die Nachkriegsbehauptung der Eliten zu bekräftigen, Hitler habe versucht, sie zu vernichten (was dann tatsächlich der verlorengehende Krieg in seiner finalen Katastrophe übernahm).

Der Autor ist Professor für Geschichte an der Columbia University. Vorabdruck aus „Anatomie des Faschismus“. Das Buch erscheint im Frühjahr 2006 bei DVA.

Aus dem Englischen von Dietmar Zimmer

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