Fashion Wek : Deutschland ist internationaler Modeort

In Paris, Mailand, New York oder London arbeiten die Modeprofis unter Ausschluss der Öffentlichkeit, dort wird geordert, bewertet und fotografiert. In Berlin ist alles ein wenig anders, hier ist die Fashion Week vor allem ein Marketinginstrument – wer kommt, ist wichtiger als das, was gezeigt wird.

Joachim Schirrmacher

Marketing will Begehrlichkeiten wecken – also wundert es nicht, dass die Bürger Einlass zu den Berliner Modeveranstaltungen begehren. Doch sie wären enttäuscht. Nichts, was gezeigt wird, gibt es sofort zu kaufen, und nur ein Bruchteil des Gezeigten geht in die Produktion. Die Kunden wollen jedoch alles sofort. Dabei sind viele von ihnen modemutiger als die Einkäufer, das zeigt eine Fotodokumentation, die das Deutsche Modeinstitut auf den Straßen von Berlin, Bielefeld, Köln und London durchführen lässt. Was fehlt, ist die Brücke zwischen Laufsteg und Laden.

Wer heute wirklich gut angezogen sein will, muss seine eigene kulturelle Kompetenz unter Beweis stellen. Jeder ist heute ein Stück weit sein eigener Designer und will, ja muss Zugang zur Quelle der Selbstinszenierung haben. Außerdem gehört der direkte Zugang zu den Ateliers zur Berliner Modetradition, das war schon vor 25 Jahren bei der Ave so. Heute lebt diese Tradition beim Wedding Dress fort. Die Modemesse kleiner Berliner Designer im Wedding ist für alle gedacht, und auch die Ökomodemessen Greenshowroom im Hotel Adlon und The Key im Kaiserlichen Postfuhramt in Neukölln öffnen heute für jeden.

Mercedes-Benz Fashion Week
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1 von 9Foto: dpa
29.07.2009 08:29Boss Orange. Die jüngste Boss-Linie wirkt leicht unterkühlt. -


Nicht zuletzt setzt sich der Berliner Senat stark für eine Beteiligung der Bürger ein, schon im letzten Sommer hatte man sich ein „Public Viewing“ der Schauen am Bebelplatz gewünscht. Mit der Showroommeile hat die Senatsverwaltung für Wirtschaft eine Veranstaltung aus der Taufe gehoben, wo jeder einen Blick auf die Arbeit von Berliner Designern werfen kann – allerdings nur von Kleinstunternehmen, die keine professionellen Fertigungsstrukturen einhalten müssen.

Die Modekompetenz Deutschlands ist erst in den letzten Jahren erwacht und kommt – anders als etwa in Frankreich – von der Straße. Es gibt weltweit nur wenige Märkte, die so stark in der Sportmode, Street- und Casualwear verwurzelt sind. Das kommerzielle Leitbild dafür bildet die Bread & Butter ab. Deshalb konnte sie in wenigen Jahren von einer halb ernst gemeinten Veranstaltung einiger Freunde zur wichtigsten Modemesse der Welt wachsen. Das bringt nicht nur geschätzte 100 Millionen Euro pro Messe in die Stadt. Von hier kommen auch die Impulse für die eher brave Konfektion der Bekleidungsindustrie. Zugleich übersetzen junge Berliner Modelabels wie c.neeon diesen Streetstyle in Mode für den Laufsteg. Berlin und Deutschland müssen lernen, sich als Ort mit dieser internationalen Ausstrahlung zu verstehen. Die Straße ist ihr Motor.  

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