Zeitung Heute : Fassbinders Welt

Rainer Werner Fassbinder drehte bis zu seinem frühen Tod 44 Filme. Seine Mitarbeiter band er wie eine Familie an sich: Was wurde aus ihnen? Zum 60. Geburtstag des Regisseurs.

Christina Tilmann

7

8

10

11

6

1

2

9

3

4

5

7

1

9

10

11

3

2

5

DER GURU

Fassbinder, Wenders, Schlöndorff, das ist das große Trio des Neuen Deutschen Films. Unter ihrer Regie entstehen ab Ende der 60er Jahre Filme, die im Ausland ebenso Anklang finden wie zu Hause, wo man die Heimatfilme der 50er Jahre nicht mehr sehen will. Rainer Werner Fassbinder ist von diesen Dreien das „enfant terrible“. Ein Arbeitswütiger, ein Berserker – ein Guru. Männer und Frauen, Schauspieler, Autoren, Theaterleute schart er um sich in einer einzigartigen Film-Familie. In nur 14 Jahren, von 1969 bis 1982, dreht Fassbinder 44 Filme, darunter Klassiker wie „Fontane Effi Briest“, „Angst essen Seele auf“, „Die Ehe der Maria Braun“ und die Fernsehserie „Berlin Alexanderplatz“. 1982 stirbt Fassbinder im Alter von 37 Jahren in München. In diesem Jahr, zur Feier seines 60. Geburtstags am 31. Mai, erscheint eine umfassende DVD-Edition seiner Filme. Die Berliner Volksbühne widmet ihm am 30. und 31. Mai zwei Abende, das Pariser Centre Pompidou zeigt bis zum 6. Juni eine große Fassbinder-Retrospektive.

DIE MUTTER

Vielleicht hat Fassbinder seine Mitarbeiter so stark zu einer Familie zusammengeschweißt, weil er selbst keine klassische Familie hatte. Die Eltern wurden geschieden, als der Sohn sechs war, die Mutter schickte den Sohn in Internate, und als er 14 war, verliebte sie sich in den Journalisten Wolff Eder. Stiefvater und -sohn verstehen sich nicht, Fassbinder verlässt das Haus, kommt zurück, im Glitzerfummel, mit Nagellack. Provokation pur. Trotzdem spielt Lilo Eder in vielen Fassbinder-Filmen mit. Ihre Rollen: Sekretärinnen, Hausfrauen, Mütter. Dabei konnte sie nur drei Gerichte kochen, erzählt Irm Hermann: Bouletten, Blaukraut, das dritte hat sie vergessen. Den Höhepunkt der Auseinandersetzung zwischen Mutter und Sohn bildet die Fassbinder-Episode im Doku-Spielfilm „Deutschland im Herbst“ 1977, unmittelbar nach der Ermordung Schleyers, der Entführung der „Landshut“ und den Selbstmorden von Stammheim. In quälend langen Dialogen am Küchentisch meint die Mutter die Stimme des „gesunden Menschenverstands“ zu vertreten: Für jede Geisel solle ein Terrorist erschossen werden, besser als eine Demokratie sei ein autoritärer Herrscher, etc. Woher Wut, Verzweiflung und Revolte in Fassbinders Leben und Werk kommen: In diesen 30 Minuten versteht man es.

DIE EHEFRAU

Er hat fast allen Frauen, die er kannte, einen Antrag gemacht. Nur Ingrid Caven hat er wirklich geheiratet. Die Schauspielerin und Sängerin spricht nicht gern darüber. Nicht darüber, dass sie noch am Tag der Hochzeit gedreht haben. Darüber, dass sie schon in der Hochzeitsnacht die Schlafzimmertür verschlossen fand – Fassbinder hatte einen Lover zu Besuch. Und auch nicht darüber, dass sie sich bald eingesperrt fühlte in dieser Beziehung. Nach zwei Jahren, 1972, reicht sie die Scheidung ein, beginnt ein zweites Leben als Chanson-Sängerin. „Männer vergessen Frauen so schnell/ Männer haben das dickere Fell“, lautet eine ihrer Liedzeilen. Ihren größten Erfolg hat sie mit Fassbinder-Liedern, 1978 in Paris: die „neue Piaf“ nennt man sie. Im Jahr 2000 avanciert sie endgültig zur Kultfigur: Ihr Lebensgefährte Jean-Jacques Schuhl schreibt den Roman „Ingrid Caven“, der mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis, dem „Prix Goncourt“ ausgezeichnet wird.

DIE GEFÄHRTIN

Sie war Fassbinders längste Weggefährtin – und sagt von sich selbst: „Ich bin die Frau, die ihn am meisten geliebt hat.“ Sie lernt ihn 1965 kennen, als sie gerade 20 ist. Eine Freundin, die an der Münchner Schauspielschule studiert, ruft an und sagt: „Heute Abend liest ein Kommilitone aus einem Roman, komm doch vorbei.“ Irm Hermann kommt vorbei und trifft Rainer Werner Fassbinder. Der liest aus dem Roman eines Bekannten, „und das alles ist sehr kitschig und sehr schön“. Sie zieht mit Fassbinder zusammen, bleibt, als immer häufiger Herrenbesuch kommt, schläft auf dem Fußboden, wenn Fassbinder und sein Freund das schmale Bett okkupieren, und genießt die Zeit: mit wenig Schlaf und langen Nächten. Sie ist damals Sekretärin, doch schon bei seinem ersten Kurzfilm „Der Stadtstreicher“ spielt sie mit, folgt ihm ans Theater, spielt in 19 Fassbinder-Filmen, bekommt für ihre Rolle in „Händler der vier Jahreszeiten“ den Bundesfilmpreis. Dann taucht Konkurrenz auf, Hanna Schygulla, Ingrid Caven, doch Irm Hermann hat sich immer als „Hauptfrau“ gesehen. Später findet sie bei Christoph Schlingensief eine neue Heimat – und bei Rudolf Thome, der sie für „Paradiso – Sieben Tage mit sieben Frauen“ besetzt. Auf der Berlinale 2000 wird der Film mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.

DIE DIVA

Eine kurze Sackgasse in Paris, unweit der Bastille. Ein massives Haus, einige hundert Jahre alt, Mittagsonne scheint auf das große, runde Holztor. Eine Stimme, unzählige Male im Kino gehört, ruft: „Suchen Sie mich?“ Da steht Hanna Schygulla, 61, erstaunlich klein, die Haare lang und ergraut, dieses ruhige, runde Gesicht mit den großen Augen, in der Hand trägt sie einen Korb mit Mineralwasserflaschen, ihr weiter Rock fällt über die Knie. Sie kam in diese Stadt, der Liebe wegen. Fassbinder war da schon tot, und Schygulla ein Star, geehrt in Cannes, erwartet in Hollywood. Das hat sie dem Regisseur zu verdanken, den sie nur „Fassbinder“ nennt. Von „Liebe ist kälter als der Tod“ (1969) bis zu „Lili Marleen“ (1981) haben sie 20 Filme gemeinsam gedreht, Klassiker wie „Die Ehe der Maria Braun“, wovon es dieses Foto gibt, Schygulla blondgelockt in schwarzen Strapsen, ein Ikonenbild, seitdem war sie die Laszive, Begehrenswerte, die Diva. Sie bittet in die Wohnung, offener Kamin, dunkle Deckenbalken, sie serviert Kaffee. Sie sagt, sie sei als Schauspielerin nicht mehr gefragt, sie gibt Liederabende, sie eröffnet Festivals. Sie sagt, Fassbinder habe sich so gewünscht, einmal auf die Titelseite des „Time“-Magazins zu kommen. Das hat dann Schygulla geschafft. not

DIE SCHAUSPIELERIN

Sie hat sich immer die extremen Regisseure gesucht, auch in jüngster Zeit. Christoph Schlingensief, Romuald Karmakar, Oskar Roehler und Leander Haussmann haben Filme und Bühnenstücke mit Margit Carstensen inszeniert: Fassbinders Erben, ästhetisch wie thematisch. Ihre Geschichte mit Fassbinder ist die einer Emanzipation. Als sie sich kennen lernen, 1969, sagt Fassbinder, Margit Carstensen sei die erste professionelle Schauspielerin, mit der er arbeite. Schnell spielt sie die Hauptrollen in seinen Filmen, die erfolgreiche Modedesignerin in „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ und die unterdrückte und gedemütigte Ehefrau in „Martha“. Eine Rolle, die Margit Carstensen nicht unbekannt war: 1969, als Fassbinder anbot, sie in ein Gruppen-Engagement mit nach Bochum zu nehmen, stellte ihr damaliger Mann sie vor die Wahl: er oder ich. Sie sei, so erzählt sie in einem Interview mit Juliane Lorenz, daraufhin zu Fassbinder gegangen, und habe gefragt: „Bist du auch für mich da, wenn ich einmal nicht mehr weiß, wie’s weitergeht?“ Und er sagt: „Nein“. Da hat sie sich entschlossen, mitzukommen. „Es war mein erster Schritt in ein selbstständiges Leben.“

DIE NACHLASSVERWALTERIN

Sie war seine letzte Lebensgefährtin - und diejenige, die ihn fand, an jenem frühen Morgen des 10. Juni 1982. Man arbeitete damals am Spielfilm „Querelle“, Juliane Lorenz , Fassbinders bevorzugte Cutterin seit „Chinesisches Roulette“ 1976, hatte noch bis zum frühen Morgen am Schneidetisch gesessen und kam erst gegen fünf Uhr morgens in die gemeinsame Wohnung. Der Fernseher lief und Rainer Werner Fassbinder lag tot am Boden, unter sich sein neuestes Manuskript. „Mein Leben wäre anders gelaufen ohne diese Erfahrung“, erzählt Juliane Lorenz in Rosa von Praunheims Dokumentarfilm „Für mich gab’s nur noch Fassbinder“ aus dem Jahr 2000. So aber ist sie Fassbinders Nachlassverwalterin geworden, Witwe ohne Trauschein. Sie leitet die von Fassbinders Mutter Lilo Eder 1986 gegründete Fassbinder-Foundation mit Sitz in New York und Berlin, ist bei Fragen der Filmrechte, Manuskripte und Restaurierung Ansprechpartnerin und letzte Instanz für alle, die sich mit Fassbinder befassen.

DER KAMERAMANN

Sein Name auf dem Set ist „Sonja“: Fassbinder hat allen Mitarbeitern Frauennamen verliehen. Doch beim ersten Dreh, „Whity“ 1970 in Spanien, ist Michael Ballhaus sich sicher, dass die Arbeitsbeziehung nicht halten wird. Fassbinder beschimpft ihn als Fernsehfritzen, Ballhaus erwartet jeden Tag den Rauswurf. Es ist dann doch eine sehr fruchtbare Beziehung geworden: 14 Filme drehen die beiden bis 1978 miteinander. Bei „Martha“ (1973) erfindet Ballhaus zum ersten Mal jene 360-Grad-Fahrt, die später zu seinem Markenzeichen werden sollte. 1975 reisen beide zusammen in die USA, zur Eröffnung einer Fassbinder-Retrospektive. Fassbinder wird als „Genie aus Deutschland“ gefeiert – und sein Kameramann Michael Ballhaus ist so bekannt, dass er 1983 den Sprung nach Hollywood schafft. Inzwischen ist er einer der gefragtesten Kameramänner der Welt, dreht regelmäßig mit Martin Scorsese, u.a. „Age of Innocence“, „Good Fellas“ und „Gangs of New York“. Er pendelt mit seiner Ehefrau Helga regelmäßig zwischen Berlin und L.A.. 2002 erscheint „Das fliegende Auge“, ein wunderbares Interviewbuch, das der Regisseur Tom Tykwer mit seinem Idol Michael Ballhaus geführt hat. Wenn er auf Fassbinders Tod angesprochen wird, kommen Michael Ballhaus noch heute die Tränen.

DER ENTDECKER

In Berlin kennt man ihn als Komponisten der Berlinale-Fanfare. Doch Peer Raben ist mehr als ein Filmkomponist – und hat darauf immer großen Wert gelegt. 1966 zum Beispiel hatte er gemeinsam mit Ursula Strätz das action-theater gegründet und eine Collage-Version von „Antigone“ inszeniert, und bald tauchte ein junger Schauspieler in Lederjacke auf, hing an der Theke rum, erzählte jedem, dass er mitspielen wolle: Rainer Werner Fassbinder. Ein Jahr später steht „Katzelmacher“, Fassbinders erstes Stück, im action-theater auf der Bühne und verursacht einen Skandal. Doch die Zusammenarbeit zwischen Peer Raben und Fassbinder ist nicht mehr aufzuhalten: Raben komponiert die Musik für fast alle Fassbinder-Filme, übernimmt die Produktionsleitung für die frühen Arbeiten, ist oft unter seinem wahren Namen Wilhelm Rabenbauer als Cutter, Autor, Schauspieler mit dabei. Kurze Zeit sind Fassbinder und er ein Paar. Später komponiert er sämtliche Chansons für Fassbinders Ex-Ehefrau Ingrid Caven. Rechtsstreitigkeiten mit der Fassbinder-Foundation und ein schwerer Schlaganfall lassen es eine Zeit lang still werden um ihn. Er arbeitet heute mit der Chanson-Sängerin Cora Frost zusammen und komponiert gelegentlich Filmmusiken, zuletzt 2000 zu Rosa von Praunheims Fassbinder-Doku „Für mich gab’s nur noch Fassbinder“.

DIE ENTDECKTE

Fassbinder, den hatte Brigitte Mira immer um sich, der hing als Foto an der Wand ihrer Wohnküche. Was er ihr bedeutet hat? „Das war für mich der tollste Regisseur, der hat mich gelassen.“ Manchmal hat sie dann noch gesagt, dass sie längst einen Oscar hätte, wenn er denn noch lebte. Und trotzdem hat sie es gehasst, wenn man über sie sagte, Fassbinder habe sie entdeckt. War sie nicht erstens schon über 60 und zweitens ein Leben lang Schauspielerin gewesen, als Fassbinder sie für die Rolle der Putzfrau Emmi in „Angst essen Seele auf“ engagierte? Und wenn, war es dann nicht Peter Zadek, der sie als Charakterrolle fürs Bochumer Schauspielhaus engagierte? Stimmt alles, aber: mit Fassbinder begann 1972 so etwas wie das zweite Leben der Brigitte Mira. Mit ihm bekam sie das Filmband in Gold, mit ihm war sie in Cannes, mit ihm drehte sie Filme wie „Mutter Küsters Fahrt zum Himmel“ und „Lili Marleen“. Dann war er tot, Brigitte Mira 71 und machte weiter, noch 22 Jahre, spielte die Dame vom Grill und als 93-Jährige ein halbes Jahr vor ihrem Tod im „Jedermann“. Nur den Oscar, den kriegte sie nicht.lat

DER FREUND

Ich war die linke und die rechte Hand des Teufels, sagt Harry Baer . Seine irre, atemlose Fassbinder-Biografie „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“ schrieb er 1982 nach dem Ende des Filmemachers, weil dessen Tod ihn „wie ein Dampfhammer“ traf. Drei Wochen trank er, seine Welt war zusammengebrochen. Harry Baer war der engste, treuste Freund, 14 Jahre lang: ein Melancholiker, aber ein tatkräftiger. Weggefährte, Mitarbeiter, Schauspieler, Regieassistent, Produktionsleiter – Junge für alles. Das erste Mal stand er 1969 vor Fassbinders Kamera, im „Katzelmacher“. Die Bonner Kammerspiele wollen das Stück im Juni mit Baer und etlichen anderen von damals wieder auf die Bühne bringen. Irgendwie betreibt er immer noch Trauerarbeit, schrieb ein Buch und jetzt ein Drehbuch über die „Eiche“, die Münchner Stammkneipe der Fassbinder-Family. Und die Zukunft? Um die kümmert er sich auf der Website www.regie.de, die er seit 1999 mit einem Freund betreibt: lauter Tipps und Adressen für den Regie-Nachwuchs. Hat ja nicht jeder einen Assistenten wie Harry Baer. chp

6

8

4

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar