Fast ein Keinohrhase : Löffel ab

Im Februar wird in Sachsen ein Hase ohne Ohren geboren. Er könnte so berühmt werden wie Eisbär Knut, hofft man im Zoo. Dann nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Eine Aufklärung.

Anfang März wird der Keinohrhase im Zoo von Limbach-Oberfrohna der Presse vorgestellt....Weitere Bilder anzeigen
Foto: dapd
21.12.2012 18:21Anfang März wird der Keinohrhase im Zoo von Limbach-Oberfrohna der Presse vorgestellt....

Es gibt zwei Theorien, warum dieser Hase keine Ohren besaß: Entweder handelte es sich um einen Gendefekt. Oder – und das ist wahrscheinlicher – seine Mutter hat es nach der Geburt mit dem Trockenlecken übertrieben und versehentlich die Löffel abgeknabbert. Ganz sicher war sich der Zoodirektor bloß in einem Punkt: Dieses Tier hatte das Potenzial zum Medienstar. Mitten in der sächsischen Provinz ein Keinohrhase, so wie in dem Kinofilm mit Til Schweiger. 6,3 Millionen Deutsche haben den im Kino gesehen. Vielleicht könnte man einen Teil davon für Limbach-Oberfrohna begeistern?

An diesem Dezembermittag ist auf dem Gelände niemand zu sehen außer der Vize-Direktorin und einer Pflegerin. „Freitags haben die Leute anderes zu tun“, sagt Gabriele Wittig, die Vize-Direktorin. Einkäufe fürs Wochenende zum Beispiel. Vielleicht liege es aber auch an der dicken Schneedecke.

Limbach-Oberfrohna ist eine Kreisstadt nordwestlich von Chemnitz, wer von Berlin anreisen will, nimmt entweder das Auto oder steigt drei Mal um. Immerhin hat der Zoo dieses Jahr rund 47 000 Besucher gezählt, sagt Gabriele Wittig. Viele junge Familien aus Chemnitz seien dabei, weil der dortige Tierpark für kleine Kinder zu weitläufig und unübersichtlich sei. Das Problem hat man in Limbach-Oberfrohna nicht.

Der Zoo liegt am Südrand des Stadtparks an einem leichten Abhang. Wer sich am Eingang links hält, kommt bald zu den Baumstachelschweinen, die sich ihr Gehege mit den Stinktieren teilen. Wer am Eingang geradeaus läuft, kommt an zwei chinesischen Leoparden und den Gelbbrust-Kapuzinern vorbei, dann zu den schottischen Hochlandrindern und Alpakas. Ein richtiger Star hat dem Zoo bisher gefehlt. Deshalb schien die Chance so riesig, als Ende Februar der Keinohrhase geboren wurde.

Streng genommen war das kein richtiger Hase, sagt Gabriele Wittig. Sondern ein Zwergkaninchen. Doch die zählen immerhin zur Familie der Hasen.

Klaus Eulenberger heißt der Vorsitzende des örtlichen Tierparkfördervereins. Früher war er der Cheftierarzt im Leipziger Zoo, und jetzt, nach Rentenantritt, engagiert er sich ehrenamtlich für den kleinen Park seiner Heimatstadt. Klaus Eulenberger weiß: Ein Tier mit einer guten Geschichte kann schnell bundesweite Berühmtheit erlangen. Bei dem Eisbären Knut war das so, aber auch bei Heidi, dem schielenden Opossum aus Leipzig. In Bremerhaven leben sechs schwule Pinguine, die auch nach dem massiven Zusetzen von Weibchen partout nicht voneinander lassen wollen. Sie alle haben Besuchermassen aus großen Entfernungen angezogen. Und dann erst das Merchandising!

Erste Maßnahme war, dem Keinohrhasen einen Namen zu geben – die anderen Kaninchen in Limbach-Oberfrohna heißen bloß „Kaninchen“. Für den Keinohrhasen kam „Til“ oder „Tillie“ infrage, Genaueres sollte noch diskutiert werden. Zweite Maßnahme: einen Brief an Til Schweiger aufsetzen. Klaus Eulenberger tippte: „Würde es Ihnen Spaß machen, für den kleinen Kerl die Patenschaft zu übernehmen?“ Der Preis betrage zehn Euro, aber man würde sich auch „über einen höheren Spendenbetrag freuen, noch mehr über die damit verbundene Publicity“. An den Schluss setzte Eulenberger seine Handynummer und Mailadresse, auf dass sich Til Schweiger hoffentlich bald melde. Der Brief war bereits unterzeichnet und sollte bald abgeschickt werden an Schweigers Produktionsfirma in Berlin, aber dann kam der 14. März, und am Abend dieses Tages war es gar nicht mehr nötig, den Brief noch zur Post zu bringen.

Der 14. März war ein Mittwoch, und der Zoo hatte zu einer Pressekonferenz geladen – um den inzwischen zweieinhalb Wochen alten Keinohrhasen endlich der Öffentlichkeit vorzustellen. Ein Mann von der „Bild“ hatte sich angemeldet, ein dpa-Korrespondent und auch ein Fernsehteam, das einen Beitrag für den MDR aufzeichnen wollte.

„Es war in dem Stall dort drüben“, sagt Gabriele Wittig beim Rundgang über das zugeschneite Gelände. Gleich neben dem Ziegengehege im Streichelzoo. Der Stall steht gerade leer, nur eine Menge Stroh liegt am Boden. Das Stroh ist auch schuld an der Katastrophe, die alle Träume jäh beendete.

Am Schluss der Pressekonferenz durfte damals der Kameramann in den Stall, damit er mit seiner Linse ganz dicht ran konnte an das Tier, das bald Heerscharen von Besuchern nach Limbach-Oberfrohna locken würde. Der Keinohrhase blieb ganz ruhig, ließ sich filmen, es waren gute Bilder. Als der Fernsehmann genügend Einstellungen gemacht hatte, schaltete er die Kamera aus, richtete sich auf und trat einen Schritt zurück. Direkt auf den Keinohrhasen.

Man kann dem Journalisten keine Vorwürfe machen, sagt Gabriele Wittig. Der Keinohrhase muss irgendwie unter dem Stroh um den Kameramann herumgelaufen sein. Es war ein Unglück, und dem Zutreter war es wahnsinnig unangenehm, er entschuldigte sich zigfach.

Ein Mitglied aus dem Förderverein verfasste ein Abschiedsgedicht: „Wir werden dich vermissen, wie kuschlig weich du dich in unsere Hände geschmiegt hast. Neugierig haben deine Kulleraugen die Welt erkundet. Komm gut über die Regenbogenbrücke.“

Eigentlich war der Kaninchennachwuchs gar nicht gewollt. Man hatte einfach zwei Weibchen in denselben Stall gesteckt und dann zu spät gemerkt, dass eines von ihnen wohl doch ein Männchen war. Bei Zwergkaninchen lässt sich das Alter erst nach einem Vierteljahr bestimmen, da sind sie allerdings bereits geschlechtsreif. Deshalb wusste man später auch nicht, welches Geschlecht der Keinohrhase hatte.

Zuerst haben sie das tote Tier in eine Kühltruhe gepackt. Sie wollten es nicht beerdigen, auch nicht in der Tierkörperbeseitigungsanlage entsorgen wie die anderen toten Zoobewohner. Stattdessen hat Klaus Eulenberger den Keinohrhasen zu einem Tierpräparator gebracht. Der wusch das Fell und klebte es auf einen Drahtkorpus, setzte zwei Glasaugen ein. Demnächst soll das ausgestopfte Tier gleich neben dem Haupteingang in dem alten Wirtschaftsgebäude stehen, wo mehrmals die Woche Schulklassen unterrichtet werden.

Der tragische Tod des Keinohrhasen hat den Zoo deutschlandweit in die Medien gebracht. Zwei Wochen nach der Katastrophe meldete sich ein Züchter aus dem Erzgebirge. Es sei unfassbar, sagte der Mann, aber er besitze ebenfalls einen Keinohrhasen. Ob der Zoo ihn vielleicht haben wolle, so als Ersatz? Kommt nicht infrage, hat sich Eulenberger gedacht.

Nie gemeldet hat sich Til Schweiger. Vielleicht hat er den Rummel um das verunglückte Tier nicht mitbekommen, vielleicht hat es ihn nicht interessiert. Der Kameramann ist auch nicht mehr aufgetaucht.

Sie wollen die Anlage nun umgestalten, in den kommenden Jahren gezielt Tiere dazukaufen, den Zoo in „Amerika-Tierpark“ umbenennen. Im nächsten Juni soll bereits eine begehbare lateinamerikanische Teichlandschaft mit Flamingos eröffnet werden. Das könnte auch ein deutliches Besucherplus bringen, sagt Eulenberger.

Einmal hat sich die Presse in diesem Sommer doch noch auf den Tierpark gestürzt. Im August fiel nach einem Unwetter ein Baum um und riss das Außengatter des Känguru-Geheges ein. Die Tiere sind sofort geflüchtet. Es hat zwei Tage gedauert, bis alle Kängurus wieder eingefangen waren.

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