Zeitung Heute : Fast wie Fontane

Für 20 Jahre war das Reisen in die Mark verwehrt. 1972 konnten West-Berliner sie wiederentdecken

Lothar Heinke

Es ist eine Reise ins Unbekannte. Sie erinnert an Expeditionen, Forscherdrang, Entdeckerfreude. Niemand weiß, welchen Verlauf das Abenteuer nehmen wird, wie es endet. Dabei geht es nicht in ferne Kontinente, sondern gewissermaßen nur vor die Haustür. Man nimmt den Vorortzug, der Reisende spricht die gleiche Sprache wie jene Wesen in dem unbekannten Land. Hans Scholz ist der Mann, der sich auf eine Bahn- und Fußreise durch die Mark Brandenburg begibt und darüber schreibt. Der Schriftsteller („Am grünen Strand der Spree“) und Feuilleton-Chef des Tagesspiegels nimmt sich Zeit und Muße, nach fast 20 Jahren erzwungener Abwesenheit auf Fontanes Spuren zu wandeln. „1972 öffnete die DDR vertragsgemäß dem West-Berliner wieder ihre Schlagbäume. Unverzüglich brachten wir die ersten Wanderungsberichte aus dem altbekannten und doch verwandelten Umland Berlins“, schreibt der Autor über sein Vorhaben, dem Leser in loser Folge mit Neugier, Akribie, vorurteilsfrei und ganz im Sinne seines Vorbilds Fontane mitzuteilen, wie es „da drüben“ inzwischen aussah.

Am 3. Juni 1972 wird das Schlussprotokoll des Vier-Mächte-Abkommens unterzeichnet. Das Transitabkommen und die Abmachungen über den Reise- und Besucherverkehr werden wirksam, der 3. Juni als „Tag der Vernunft und politischen Wende“ begrüßt. Man kann wieder leidlich telefonieren. Und, das Wichtigste, mit einem Passierschein ins Umland gelangen. Scholz muss früh aufstehen, er beginnt seine erste Reise in die Terra incognita am 8. August 1972 um 5 Uhr 50 am Bahnhof Friedrichstraße. Bis 24 Uhr muss er die Hauptstadt der DDR verlassen haben. Also möchte er den Tag nutzen. 90 Jahre vorher ist Fontane mit dem Kutschwagen in die Rauener Berge gefahren, Scholz nimmt die S-Bahn nach Erkner, dann den Zug mit der Diesellok nach Fürstenwalde. Aber vor die Abfahrt haben die Götter der Politik ein Gestrüpp von Verordnungen und eine Reihe strenger Regeln und Befehle gesetzt. Hans Scholz beschreibt sie in über 100 Zeilen, heute liest sich das wie ein Stück aus dem Märchenbuch, und es beginnt – als Anleitung und eine Art Kundendienst für alle, die es unserem Autor nachmachen wollten – so: „Sie haben Ihre grüne Einreisekarte sorgfältig und beidseitig ausgefüllt, nicht zu verwechseln mit der rosafarbenen Antragskarte in doppelter Ausfertigung, die Sie, angemessene Tage zuvor, in West-Berlin hatten einreichen müssen und folglich jetzt nicht mehr bei sich führen, und nicht zu verwechseln mit der gleichfalls grünen Ausreisekarte, die Sie beim Verlassen der DDR werden vorzuweisen haben. Diese trennt jetzt ein Volkspolizist in entsprechendem Schalterhäuschen von der Einreisekarte ab und reicht sie Ihnen mit der Ermahnung zurück, sie nicht zu verlieren.“ So geht das weiter. Scholz erläutert ganz ernst, was sich heute wie eine Posse liest, die berühmt-berüchtigte „Erklärung über mitgeführte Gegenstände und Zahlungsmittel“ nämlich, wo man erfährt, was man tunlichst im sozialistischen Vaterland außen vor lassen sollte: „Zum Beispiel Ihre Schußwaffen, Munition, Sprengmittel, Schußgeräte und pyrotechnische Erzeugnisse, Hieb- und Stichwaffen“, auch von dem Import von „Rauschgiften, Betäubungsmitteln u.a. Giften, pornographischen u.a. Schund- und Schmutzerzeugnissen“ sollte man klüglich absehen, „allerlei Artikel mithin, die es strenggenommen und eigentlich bei uns auch nicht geben sollte“.

Um 7 Uhr 15 kommt der Wanderer mit der S-Bahn in Erkner an, die Volkspolizisten, die ihn abfertigten, „waren allesamt manierlich, überwiegend freundlich, teils heiter. Im Ernst, es schien ihnen Spaß zu machen, Späße zu machen und im Dienst auch außerdienstlich ein bißchen zu palavern.“ Hans Scholz streut in seine Schilderung die eigene jüngere Vergangenheit: Pfingsten 1953 war er zum letzten Mal in der Mark draußen, danach schlossen sich die Barrieren für mehr als 19 Jahre: „Mit einem Wort: Ich weiß hier nicht mehr Bescheid. Aber der Bahnhof Erkner stimmt noch mit dem Erinnerungsbild überein in seiner alten umständlichen Doofheit, die ihm längst verflossene Zeiten verpaßt haben.“ Um 8Uhr 13 geht es nach Fürstenwalde, und wir erfahren eine Story, die nicht im märkischen Sand versickern sollte: „Nach 1945 wollten Engagierte (so nennt Scholz Leute, die man in der Ostzone als „Zweihundertprozentige“ bezeichnete) vom Ortsnamen Fürstenwalde nichts mehr wissen, der beiden ominösen ersten Silben wegen, und das hochbetagte Städtchen in Ketschendorf umtaufen, nach dem südlich anstoßenden Vorort, der nun aber seinerseits eingemeindet und somit verschwunden ist. Das kommt davon. Mit Fürsten, den ehedem sauren Herren dieser Welt, hat der Name der unbestimmbar alten Niederlassung am hiesigen Spreeübergang sicherlich wenig oder nichts zu tun. Aber Engagierte sind reizbar.“

Hans Scholz hat den ersten Teil seiner „Bahn- und Fußreise durch die Mark Brandenburg“, in der er von Fürstenwalde 25 Kilometer in die Rauenschen Berge läuft, „Nach mehr als neunzehn Jahren“ überschrieben. Beziehungsreich erschien die erste Wanderung am 13. August 1972, elf Jahre nach dem Mauerbau. Dem Abenteuer sollten noch viele folgen, 18 große Reiseberichte erschienen bis in den Dezember 1972 hinein: Saarow, Beeskow, Storkow, Teupitz, Halbe, dann Wittenberg und Frankfurt/Oder, später Cottbus, Baruth, Luckau, Jüterbog, schließlich Brandenburg, Belzig, Lehnin. Auch der Kollege Ekkehard Schwerk machte sich später auf die Socken und durchstreifte die Ost-Berliner Bezirke – diese Wagnisse von damals wurden längst zu Selbstverständlichkeiten von heute.

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